Wirbel um Motiv des Bäckerei-Schützen

Heilbronn  Nach den Schüssen am Dienstag in einer Bäckerei in Heilbronn-Böckingen verbucht die Polizei einen schnellen Fahndungserfolg. Sie nimmt einen 30-Jährigen fest. Der Mann gesteht. Ausländerfeindliche Motive weist er von sich.

Von Heike Kinkopf
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Alper Yildirmaz gehört das Geschäft am Kraichgauplatz in Heilbronn-Böckingen. Am Tag nach den Schüssen in Richtung seiner Verkäuferin steht er allein im Laden. Seine Mitarbeiterin ist nach dem Vorfall krankgeschrieben.

Foto: Heike Kinkopf

Steckt Ausländerhass hinter den Schüssen in der Bäckerei Stefans? Ein 30 Jahre alter Mann feuerte am Dienstag in Heilbronn-Böckingen mit einer ungeladenen Luftdruckpistole mehrmals in Richtung der Verkäuferin.

Ausländische Medien ziehen Vergleiche zu den NSU-Morden. Bäckerei-Inhaber Alper Yildirmaz sagt: "Das kann nur ein rassistisches Motiv sein." Die Polizei Heilbronn erteilt den Spekulationen eine klare Absage.

Stunden später gesteht der mutmaßliche Täter. Bei der Vernehmung gibt er an, es habe sich um eine Kurzschlussreaktion gehandelt.

Keine Arbeit und keinen festen Wohnsitz

Der Tatverdächtige habe mit den Schüssen auf seine persönliche Situation, insbesondere auf seine Arbeits- und Wohnsitzlosigkeit, aufmerksam machen wollen, heißt es in einer Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft. Sein Opfer habe er laut dieser Mitteilung wahllos ausgesucht. Dass die Verkäuferin Kopftuch trägt, habe für ihn demnach keine Rolle gespielt. "Er verneinte ausdrücklich, aus einem fremdenfeindlichen Motiv gehandelt zu haben", teilen die Ermittler mit. Der Schütze ist ein in Polen geborener Deutscher und wohnt in Böckingen.

Bei der Waffe, die der Mann verwendet hat, handelte es sich um eine ungeladene Luftdruckpistole. Jene lässt sich mit Luftdruck betreiben - und dann knallt's. Die Schussgeräusche gegen 10.50 Uhr hört Alper Yildirmaz, Inhaber der Bäckerei am Kraichgauplatz in der Nachbarschaft des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums. Der 37-Jährige befindet sich nach eigenen Angaben zur Tatzeit in den hinteren Räumen der Bäckerei.

"Ich habe gar nicht an Schüsse gedacht", erzählt er. Als er nach vorne in den Laden geht, berichtet ihm die Mitarbeiterin, was passiert ist. "Der kam rein, Bumm, Bumm, Bumm, dann ist er wieder raus." Die junge Frau, die sich zur Tatzeit allein im Laden aufhält, macht ihrem Chef zufolge eine Lehre zur Bäckereifachverkäuferin. Sie soll nächste Woche die Prüfung ablegen. Nun sei sie krankgeschrieben. Der Schreck sitzt ihr laut Yildirmaz in den Knochen.

Festnahme in der Nacht

Die Polizei nimmt nach den Schüssen die Fahndung auf. Die Identität des 30-Jährigen ermittelt sie rasch, obwohl er zuvor polizeilich nicht in Erscheinung getreten ist. "Ein Kollege hatte am Freitag im familiären Bereich des Mannes zu tun", erklärt Polizeisprecher Frank Belz.

Nachdem die Schüsse gefallen waren, erinnert sich der Beamte, dass er in der Wohnung die leere Verpackung einer derartigen Waffe gesehen hat. Da eine Überwachungskamera in der Bäckerei die Tat aufzeichnet, stößt die Polizei rasch auf den Mann. Er wird am Abend gegen 23 Uhr auf einem Böckinger Gartengrundstück festgenommen. Die Polizei stellt die Waffe sicher.

Im Zuge der Ermittlungen stößt sie auf Munition, die dem Verdächtigen zur Verfügung gestanden habe. Der Mann wird noch in der Nacht von einem Arzt begutachtet und in die Psychiatrie in Weinsberg eingeliefert.

Türkische Medien berichten

Wirbel um Motiv des Bäckerei-Schützen
Über die Schüsse berichtet unter anderem die türkische Tageszeitung „Hürriyet“. Foto: Berger

Der Vorfall schlägt Wellen. In den sozialen Medien häufen sich Kommentare; türkische Zeitungen berichten. "Ein islamfeindlicher Beweggrund scheint naheliegend", heißt es auf der deutschsprachigen Internetseite der Istanbuler Tageszeitung "Daily Sabah". Die Rede ist von einem "vermutlich islamophoben Angriff".

Die Tageszeitung "Hürriyet", ebenfalls mit Sitz in Istanbul, sieht Ähnlichkeiten mit den Morden der Terrorvereinigung des NSU. Bäckereiinhaber Alper Yildirmaz denkt ebenfalls an ein islamfeindliches Motiv. Vielleicht habe der kürzlich beendete NSU-Prozess den Mann "inspiriert".

Die Meldungen in ausländischen Medien bezeichnet Polizeisprecher Frank Belz als Mutmaßungen und Spekulationen, "die nicht bestätigt werden können". Eine Verbindung zum NSU herzustellen, sei "an den Haaren herbeigezogen". Auch nach dem Geständnis des Mannes laufen die Ermittlungen "in alle Richtungen" weiter.


Türkische Medien

"Daily Sabah" schreibt auf ihrer deutschen Website, dass man sich bemühe, "Lesern andere Perspektiven anzubieten, die in den westlichen Medien fehlen". Das Nachrichtenportal gehört nach eigenen Angaben zur Mediengruppe Turkuvaz, an deren Spitze ein Verwandter von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan steht. "Hürriyet" gehört zur Demirören Holding, der Kritiker ebenfalls eine Nähe zum Staatschef vorwerfen.
 

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