"Wir wollen jungen Leuten helfen, Talente zu finden"

Interview  Experimenta-Geschäftsführer Wolfgang Hansch will im neuen Science Center in Heilbronn Schüler auf die Berufswelt vorbereiten. Der Experimenta-Neubau öffnet im März 2019.

Von Christian Klose
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Experimenta-Geschäftsführer Wolfgang Hansch auf der Baustelle des neuen Science Center, das im Frühjahr 2019 eröffnen soll. Interaktives und forschendes Lernen soll die Besucher begeistern.

Foto: Ralf Seidel

Science ist Lebenswissenschaft, sagt Wolfgang Hansch, Geschäftsführer der Experimenta, die im März 2019 ihre Türen öffnen wird. Das neue Science Center soll zwar alle Altersgruppen ansprechen, doch Schüler und Jugendliche stehen in der Ausstellung und in den Angeboten der neuen Experimenta besonders im Fokus.

 

Herr Hansch, Science bestimmt unser tägliches Leben, sagen Sie. Warum?

Wolfgang Hansch: Wenn Sie zum Beispiel unsere Unternehmen in der Region anschauen, dann ist klar: Wir sind hier naturwissenschaftlich-technisch geprägt. Und diese Wirtschaftsregion braucht auch in Zukunft Fachkräfte. Wir möchten als Bildungseinrichtung mit unterstützen, dass die Region wirtschaftlich stark bleibt.

 

Aber das macht die Dieter-Schwarz-Stiftung schon mit dem Bildungscampus, wo sie nun sogar die Technische Universität München ansiedelt.

Hansch: Das ist korrekt, aber das Interesse für Naturwissenschaften und Technik muss man schon im Kindesalter wecken, damit es später Azubis und Studierende dafür gibt.

 

Und wie möchten Sie das in den neuen Räumen erreichen?

Hansch: Wir sind auch in der neuen Experimenta kein Freizeitangebot wie der Europapark Rust. Uns geht es um lebenslanges Lernen. Aber auch Lernen hat ganz viel mit der Situation zu tun, in dem sich der Besucher befindet. Wenn man Spaß hat, lernt man besser. Ein Kind lernt ständig in seiner Freizeit, ohne es zu merken. Das wäre unsere Wunschvorstellung in der Experimenta.

 

Das mit dem Lernen und Spaß ist ja auch in der Schule so?

Hansch: Wir möchten mit unseren Angeboten Neugierde in einer positiven Umgebung wecken. Deshalb sind uns ja auch die gut geschulten Besucherbetreuer so wichtig. Wir ermöglichen interaktives, forschendes und audiovisuelles Lernen. Dabei ist es für die Besucher entscheidend, dass wir unterschiedliche Niveaus bei den Angeboten haben. Es gibt Stationen mit einem niederschwelligen Zugang, genauso wie komplexere Bereiche - und das für alle Altersgruppen.

 

Warum diese Unterscheidung?

Hansch: Es geht auch um Talentsuche. Jeder hat Talente. Bei uns haben alle Besucher die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu testen und die Ergebnisse mit anderen zu vergleichen. Es gibt grundsätzlich sechs Cluster an Fähigkeiten bei einem Menschen.

 

Welche sind das?

Hansch: Unser Ansatz basiert auf dem RIASEC-Modell. Der Name steht für realistic (R), investigative (I), artistic (A), social (S), enterprising (E), conventional (C). Diese Bezeichnungen bilden Interessen und Fähigkeiten ab, artistic steht zum Beispiel für künstlerisch, kreativ, enterprising für unternehmerisch, führend.

 

Klingt nach einem frühen Hinweis für die Berufswahl.

Hansch: So kann man das sagen. Deshalb arbeiten wir auch mit dem Staatlichen Schulamt und der Agentur für Arbeit zusammen. Aber: Unser Bestreben ist es nicht, junge Leute für die Themen Naturwissenschaft und Technik en masse zu gewinnen, sondern jungen Menschen zu helfen, ihren beruflichen Platz in der Gesellschaft zu finden. Es geht um das Besondere, um die persönlichen Stärken, und um zu zeigen: Jeder ist wichtig!

 

Und wie funktioniert das praktisch in der Ausstellung und den Laboren?

Hansch: Experimenta hat auch ganz viel damit zu tun, Mut zu haben. Wenn man etwas zustande bringt, dann ist das eine Ermutigung. Es ist ein überaus positives Erlebnis, wenn ein junger Mensch, der in der Schule vielleicht Probleme hat, spürt: Das habe ich hingekriegt! Wir hoffen, dass dies etwas im Kopf auslöst. Wir möchten, dass er weiter daran Lust entwickelt, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben. Auch Menschen mit Handicap können deshalb unsere Räume nutzen. Wir haben barrierefreie Zugänge ermöglicht, wo immer es geht.

 

Nochmal zurück zur positiven Stimmung. Ist das so einfach herzustellen?

Hansch: Ja, unser Ziel ist, Wissensvermittlung positiv zu besetzen. Denn Deutschland ist ein Hochtechnologie-Land. Lernen und Wissen müssen deshalb positiv besetzt sein. Wir brauchen künftig überall interdisziplinäre Teams, die komplexe Aufgaben lösen. Wir sind auch ein Testfeld, um Methoden des Lernens auszuprobieren. So etwas kann Schule nicht abbilden, deshalb meine ich, dass dem Kultusministerium in Baden-Württemberg nichts Besseres passieren kann, als dass es die Experimenta im Land gibt. Wir wollen zudem junge, talentierte Leute im "Maker Space" und in unserem Schülerforschungszentrum zusammenführen.

 

Wer die Welt verstehen will, muss also in die Experimenta?

Hansch: Ja, das ist unser Slogan. Im Ernst. Wir wollen aber noch weitere Dinge anstoßen. Zwei Beispiele: künstliche Intelligenz und Genetik. Wir möchten mit den Menschen in die Diskussion kommen. Wollen wir Forschung ohne Grenzen auf diesen Feldern? Oder wollen wir alles, was technisch möglich ist?

 

Jetzt gehen Sie aber ziemlich tief in ethische und philosophische Fragestellungen!

Hansch: Die jungen Menschen, die jetzt in die Schule gehen, werden unsere künftige Gesellschaft gestalten. Also müssen sie sich mit diesen Fragen auseinandersetzen! Wir müssen uns schon jetzt mit elementaren Fragen der Menschheit und des Zusammenlebens beschäftigen. Die großen Herausforderungen liegen in der Beantwortung der Zukunftsfragen: Energie, Migration, Digitalisierung, Gesundheit, Ernährung, Mobilität. Auch zu diesen Fragen wollen wir als Science Center Stellung beziehen.

 

Und wie genau?

Hansch: Wir möchten in der Experimenta Vorträge und Foren anbieten und die Besucher an den Zukunftsfragen der Wissenschaft beteiligen. Man muss die jungen Leute dazu bringen, sich bei den genannten Themen zu positionieren. Im Foyerbereich des Altbaus werden wir deshalb ein kostenloses Forum einrichten. Außerdem werden wir vom 6. bis 10. November 2019 zusammen mit dem Theater Heilbronn ein Science-Theaterfestival veranstalten, bei dem wir Denkanstöße zu diesen Themen auf ganz emotionale Weise auf die Bühne bringen möchten. Das Theater ist mit uns derzeit schon an der Auswahl von Stücken, die diese gesellschaftlichen Fragestellungen als Theaterstück thematisieren.

 


Zur Person: Dr. rer. nat. habil. Wolfgang Hansch ist Diplom-Geologe. Seine wissenschaftlichen Stationen verbrachte er in Greifswald, Freiberg (Sachsen), Berlin und Leicester (UK). Ab 1994 war er Leiter des Naturhistorischen Museums Heilbronn, ab 2005 wissenschaftlicher Leiter des Science- Center-Projekts der Stadt Heilbronn. Seit 2007 ist Hansch Geschäftsführer der Experimenta gGmbH. Er ist Mitglied in internationalen Fachkommissionen und unter anderem Vorsitzender des Landesverbands für naturwissenschaftlich-technische Jugendbildung in Baden-Württemberg.

 


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