"Wir arbeiten für euch": Das sind die Helden des Alltags

Region  Busfahrer, Apotheker, Tankwarte oder Lebensmittelverkäufer: Sie alle gehen trotz der Corona-Krise arbeiten und halten den Laden sprichwörtlich am Laufen. Wir haben einige dieser Menschen getroffen und mit ihnen über ihren Arbeitsalltag gesprochen.

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Darf sie öffnen? Melanie Erl, die einen Zeitungskiosk in der Heilbronner Silcherstraße betreibt, hat sich vorsorglich beim Ordnungsamt das Okay eingeholt. Auch Toto-Lotto-Scheine darf sie in ihrem „Silcherlädle“entgegennehmen, ebenso Pakete für Versender Hermes. Allerdings spürt sie die Verunsicherung der Kundschaft: „Ältere Stammkunden bleiben fast alle zu Hause. Es kommen immer weniger Leute. Von ein paar Zeitungen am Tag kann ich nicht überleben.“

Zu wenig Personal 

Den Ansturm kaum bewältigen können dagegen nach wie vor Lebensmittelgeschäfte. Ludwig Frank, Inhaber des Spar-Markts in Horkheim, ist „an der Grenze“ und hat nicht genügend Personal. Zudem werde er als kleiner Laden bei der Warenzuteilung benachteiligt. Das spürt er, kein Wunder, vor allem beim Toilettenpapier. Er erhält viel weniger als er bestellt hat.

Restaurants müssen geschlossen bleiben, aber Außer-Haus-Verkauf ist möglich. Darauf haben sich Christian und Thomas Pfeffer im Fleischhaus in Heilbronn verlegt und so ihren Mittagstisch beibehalten können – wenn auch mit einem deutlich reduzierten Team. Die Stühle sind ausgeräumt, auf den Tische stehen Lebensmittel für den Verkauf bereit. 

Auf Hochtouren 

Bei Fahrrad Probst in Lauffen läuft die Werkstatt auf Hochtouren, auch, weil viele zu Hause sind und Zeit haben. „Allerdings haben wir einige kranke Mitarbeiter, das bremst den Betrieb“, berichtet Rose Seiffer. Das Rad einfach vorbeibringen geht derzeit nicht, Kunden müssen einen Termin vereinbaren. 

Nicht alle Unternehmen, die der Verordnung nach öffnen dürfen, tun es auch: Die Kreissparkasse Heilbronn etwa hat den Kundenverkehr in den zehn bislang noch mit Mitarbeitern besetzten Filialen eingestellt. Die Volksbank Heilbronn hält noch drei Filialen in Heilbronn, Neckarsulm und Bad Friedrichshall offen.

Diese Menschen gehen trotz der Corona-Krise ihrer Arbeit nach. Stimme.de hat die Helden des Alltags getroffen und mit ihnen über coronabedingte Ausnahmesituationen am Arbeitsplatz gesprochen. 


Fahrgäste steigen nur noch hinten ein 

Busfahrer
Licata Abele Gaetano arbeitet seit acht Jahren als Busfahrer. Foto: Lisa Könnecke

Licata Abele Gaetano arbeitet seit acht Jahren als Busfahrer. Viele seiner Freunde und Verwandten wohnen in Italien, den Ernst der Lage habe er deshalb schon früh erkannt. „Es ist grausam, was in meinem Heimatland abgeht.“ Die Sicherheitsvorkehrungen im Bus wie die Absperrung zum Fahrer oder die Anweisung, dass Kunden nur noch hinten einsteigen dürfen, findet er deshalb sehr wichtig. „Bisher ist alles entspannt, die Menschen halten sich an die Regeln. Ich hoffe, das bleibt so“, sagt der Familienvater aus Eberstadt.
Was ist noch anders seit Corona? „Ich bin dem Zeitplan voraus und immer ein paar Minuten zu früh an den Haltestellen.“ Vor Covid-19 sei oft das Gegenteil der Fall gewesen.„Ich hatte oft Verspätung, weil der Bus so voll war. Momentan ist auf den Überlandfahrten aber sehr wenig los.“

Kundenkontakt nur noch telefonisch

Empfang
Nurten Pekdemir arbeitet im Service-Bereich der Heilbronner Stimme. Foto: Lisa Könnecke

„Alles ist anders“, fasst Nurten Pekdemir die neue Situation an ihrem Arbeitsplatz zusammen. „Ich versuche trotzdem, so normal wie möglich weiter zu machen.“ Seit fünf Jahren arbeitet sie im Servicebereich der Heilbronner Stimme, empfängt Kunden und bearbeitet Leser-Anfragen. Aber seit Corona den Alltag dominiert, geschieht der Großteil ihrer Arbeit nur noch per Telefon. „Der persönliche Kontakt mit den Kunden fehlt mir total, der fällt jetzt komplett weg.“

Auf dem Tresen ist Desinfektionsmittel platziert, zudem bittet ein Schild um zwei Meter Abstand. Handwerker, die täglich ein- und ausgehen, müssen sich in eine Anwesenheitsliste eintragen. „Wir alle haben jetzt mehr denn je Verpflichtungen, die einzuhalten sind“, betont Pekdemir. Das sei der einzige Schutz. 

Ansturm auf Schutzausrüstung

Apothekerin
Lumtureje Bajramaj-Hasanaj von der von der Harfensteller-Apotheke in Heilbronn. Foto: Lisa Könnecke

Lumtureje Bajramaj-Hasanaj von der Harfensteller-Apotheke berichtet von einem regelrechten Ansturm auf Schutzausrüstung vergangene Woche. „Die meisten Kunden wollten Handschuhe, einen Mundschutz oder Desinfektionsmittel.“ Bei letzterem war die Nachfrage so groß, dass die Vorräte innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren.

Handschuhe dürfen deshalb nur noch paar- und nicht kistenweise über die Theken gehen. „So wollen wir Hamsterkäufe vermeiden. Jeder soll die Chance haben, an Schutzausrüstung zu kommen“, erklärt die 30-Jährige, die Kosmetikberatungen nur noch mit Mundschutz durchführt. Beim Abkassieren von Medikamenten trennt sie eine Plexiglasscheibe von den Kunden. Und: „Die Theke wird stündlich desinfiziert.“

Keine Hemmungen, nach Abstand zu fragen 

Tankwärtin
Sylvia Ullmann aus der Shell- Tankstelle in Nordheim. Foto: Lisa Könnecke

Handschuhe tragen und stündlich die Theke desinfizieren, das gehört momentan zum Arbeitsalltag von Sylvia Ullmann in der Shell- Tankstelle in Nordheim. Die Kunden muss sie kaum darauf hinweisen, Abstand beim Schlangestehen zu halten. „Das klappt ganz von alleine“, schildert die 54-Jährige ihre Erfahrungen. „Bei mehr als drei Personen, wartet die vierte oft schon draußen vor der Tür.“ Die meiste Zeit aber sei deutlich weniger los als sonst, das könne sie an 16 Jahren Berufserfahrung festmachen.
Ullmann hat keine Angst, sich anzustecken: „Ich bin froh, dass ich die Arbeit habe“, sagt sie mit Blick auf die geschlossenen Läden. „Außerdem wasche ich jede halbe Stunde meine Hände und habe auch keine Hemmungen, einen Kunden zu bitten, mehr Abstand zu halten, falls nötig.“

Kunde kauft 30 Kisten Mineralwasser

Getränke
Lydia Tisch arbeitet in der Aquarin-Getränkewelt in Bad Friedrichshall. Foto: Simon Gajer

Rot-weiße Absperrbänder geben in der Aquarin-Getränkewelt Bad Friedrichshall die Abstände zwischen den Kunden vor. An der Kasse ist eine Plexiglas-Scheibe zum Schutz der Mitarbeiter montiert. Eine davon ist Lydia Tisch. Angst davor, sich mit dem Virus zu infizieren? Sie bleibt gelassen. „Da steckst du nicht drin.“ Das sieht ihre Kollegin Ursula Roder ähnlich. „Wenn man Angst hat, muss man zu Hause bleiben.“

Im Geschäft würden sich die Kunden an die Regeln halten, sie wahren Distanz, mancher desinfiziert sich nach dem Betreten die Hände an dem prominent platzierten Spender. Ganz vereinzelt hamstern sie. Ein Kunde kaufte gleich 30 Kisten Mineralwasser; er brachte aber nur sechs leere mit. „Es fehlt das Leergut“, sagt Ursula Roder.

Auch für die älteren Kunden da sein

Obstverkäuferin
Zeynep Zoroglu vom „Markt am Tor“ in der Poststraße in Öhringen. Foto: Bettina Hachenberg

„Es ist sehr ruhig geworden“, sagt Zeynep Zoroglu. Mit Schwägerin Nevin Gül betreibt sie seit 2007 den „Markt am Tor“ in der Poststraße. Neben Gemüse, Obst und türkischen Spezialitäten gibt es dort selbst zubereitete Salate, Joghurt mit Früchten und Obstbecher. In der Mittagspause wird ihr kleiner Laden gern von Berufstätigen und Schülern aufgesucht. Doch die fehlen jetzt wegen der Coronakrise.
Dennoch ist es für Zoroglu keine Frage, täglich zu öffnen. „Wir haben viele ältere Kunden, die um die Ecke wohnen, nicht mobil sind und täglich ihre Äpfel oder Karotten holen. Die waren immer für uns da, jetzt sind wir für sie da.“ Natürlich sind Abstand halten und Hygiene oberstes Gebot. Mit einer Folie vor der Theke und Mundschutz schützen sie sich und ihre Kunden. 

Nach jedem Kunden die Hände waschen

Metzger
Sandra Fuchs arbeitet in der Metzgerei Wirth in Heilbronn. Foto: Lisa Könnecke

Mit einem „Bleiben Sie gesund!“ verabschiedet Sandra Fuchs die Kunden in der Metzgerei Wirth. Ein blaues Band am Boden markiert den Abstand, den die Menschen zur Verkaufstheke halten sollen.

„Seit die Läden geschlossen haben, ist bei uns deutlich weniger los“, erklärt die 27-Jährige. „Deshalb haben wir nur noch bis 15 Uhr geöffnet, länger rentiert sich einfach nicht mehr.“ Auch weniger Mittagsmenüs gingen über die Theke, da Speisen und Getränke nicht mehr vor Ort verzehrt werden dürfen. Es sei eine ungewohnte und komische Situation, denn „sonst herrscht hier immer buntes Treiben“. Für die Fleischerei-Fachverkäuferin steht fest: „Ich habe zwar Respekt vor Corona, aber keine Angst.“ Nach jedem Kunden wäscht und desinfiziert sich Fuchs die Hände. 


Lisa Könnecke

Lisa Könnecke

Volontärin

Lisa Könnecke arbeitet seit Februar 2020 als Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

Bärbel Kistner

Bärbel Kistner

Autorin

Bärbel Kistner schreibt seit 1999 im Stadtkreis-Ressort der Heilbronner Stimme über Stadtentwicklung und Wohnen, über Trends im Einzelhandel und den demografischen Wandel  

Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen im nördlichen Landkreis Heilbronn, vor allem aus den Städten Neckarsulm, Möckmühl und Neudenau.

Bettina Hachenberg

Bettina Hachenberg

Autorin

Bettina Hachenberg ist seit Februar 1988 Redakteurin bei der Hohenloher Zeitung in ihrer Heimatstadt Öhringen. 

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