Wie ein Unglück dem Frieden Aufwind gab

Heilbronn  Im Januar 1985 war die Welt in Ost und West getrennt. Das atomare Wettrüsten hatte seinen Höhepunkt erreicht. Das Triebwerk einer auf der Waldheide stationierten Pershing-II-Rakete explodierte und veränderte Politik und Gesellschaft - nicht nur in Heilbronn.

Von Anna-Lena Sieber und unserer Redaktion

Es war mitten im Kalten Krieg und der Rüstungswahnsinn zwischen West und Ost auf dem Höhepunkt, sagte William Aponte im Januar 2014 der Heilbronner Stimme. „Ich war damals in den USA. Wir saßen nur noch vor dem Fernseher. Das war ein großes Ding, wie später der 11. September 2011 in New York. Alle Welt schaute auf Heilbronn.“ Aponte war 1981 bis 1983 in Heilbronn stationiert und schob als „Private“, also als junger Soldat, Wache auf der Waldheide.

Die Einwohner waren nicht informiert

In den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gelangte Heilbronn vor 34 Jahren jedoch nicht in erster Linie, weil damals drei amerikanische Soldaten ums Leben kamen, sondern weil sich die Stationierung der amerikanischen Pershing-II-Mittelstreckenraketen auf der Lichtung im Wald oberhalb des Stadtgebiets nicht mehr leugnen ließ.

Pershing-II-Rakete
Hier eine Pershing II-Rakete im US-amerikanischen Atomraketendepot im schwäbischen Mutlangen.  

Im Nato-Doppelbeschluss von 1979 hatte der Westen mit der Stationierung der neuen Pershing-II-Raketen gedroht, falls die Sowjetunion nicht ihre Mittelstreckenraketen abbaue. Spätestens im April 1984 konnte kein vernünftiger Zweifel mehr daran bestehen, dass die Waldheide zu einem der drei Pershing-II-Stationierungsorte in Deutschland geworden war. Offiziell war die Stationierung der Raketen jedoch eine Geheimsache. 

Die Einwohner der betroffenen Städte wurden nicht informiert. „Zwar war die Waldheide als Stationierungsort bekannt gegeben worden, aber den Zeitpunkt, ab dem die bedrohlichen Waffensysteme installiert worden waren, teilte man nicht mit. Als die Heilbronner Stimme ein Foto veröffentlichte, das ihr zugespielt worden war und auf dem der Kopf einer auf dem Waldheide-Gelände stationierten Pershing-II zu erkennen war, wurde ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet. Immerhin wusste man ab diesem Zeitpunkt, dass die Raketen da waren“, heißt es auf der Homepage des Heilbronner Stadtarchivs.

 

Rückenwind für die Friedensbewegung

Mit dem Unfall wurde nun erstmals auch von offizieller Seite eingeräumt, dass auf der Heilbronner Waldheide die gefürchteten Pershing-II-Raketen stationiert sind, die - mit Atomsprengköpfen bestückt - in gerade mal zehn Minuten ins Herz der sowjetischen Waffenarsenale einschlagen können und damit gleichzeitig das herausragende Angriffsziel der feindlichen Gegenseite darstellen.

Die tödliche Explosion nur wenige hundert Meter entfernt von den Atomsprengköpfen in der heißen Phase des Kalten Krieges brachte der Friedensbewegung kräftigen Rückenwind: Am 24. Januar 1985 votierte der Heilbronner Gemeinderat einstimmig für die „unverzügliche Beseitigung des Raketenstandorts“. Bis dahin hatte die CDU die im Nato Doppelbeschluss angedrohte Stationierung der Massenvernichtungswaffen vehement verteidigt.

 

Letzte Pershing-II-Rakete verließ Heilbronn 1990

Zug der Zehntausend durch die Jägerhausstraße zur Waldheide am 2.Februar 1985.  

Auch gesellschaftlich tat sich einiges: War bis zum 11. Januar 1985 beim Thema Rüstung noch ein tiefer Riss durch Schulen, Kirchen und die gesamte Heilbronner Bevölkerung gegangen, schlossen sich am 2. Februar 1985 bei strömendem Regen 10.000 Menschen einem Schweigemarsch auf die Waldheide an.

Im April 1985 demonstrierten beim Ostermarsch 15.000 Menschen gegen die Atomwaffen. Immer wieder wurde die Waldheide blockiert, auch Juristen, Geistliche und Politiker beteiligten sich an den Blockaden der Zufahrtswege.

Knapp drei Jahre nach dem Unfall, im Dezember 1987 unterzeichneten Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan den INF-Vertrag, in dem beide Seiten den Abzug und die Vernichtung der nuklearen Mittelstreckenraketen vereinbarten. Am 1. September 1988 wurden die ersten neun Pershing-II-Raketen abgezogen, die letzte verließ die Waldheide im April 1990. 

Larry Nichols von der internationalen Veteranenorganisation, der zum 30. Jahrestag des Unglücks eine Gedenkveranstaltung für die drei bei dem Unglück verstorbenen Soldaten abgehalten hatte ist überzeugt:  Der Unfall vor 34 Jahren sei der Anfang vom Ende des Kalten Krieges gewesen.

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