Wie die Trendsportart Plogging funktioniert

Region  Joggen und Müll sammeln: In Kursen der VHS Unterland testeten Jogger die schwedische Trendsportart Plogging in der Region. Was sie in in den Weinbergen fanden und warum das Bücken nach Müll gut für die Gesundheit sein soll.

Von Christine Faget
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Joggen und Müll sammeln: Wie die Trendsportart Plogging funktioniert

Flaschen finden die Teilnehmer bei ihrer Jogging-Tour durch die Weinberge, aber auch kaputte Lampen, Handyladekabel und erotische Romane.

Fotos: Ralf Seidel

Turnschuhe zubinden, Handschuhe überstülpen, Tüte einpacken, und los geht es: 19 Joggerinnen und Jogger laufen am Freitagabend durch die Weinberge bei Neckarwestheim. Ihre Mission: Müll sammeln. Plogging heißt die Trendsportart, die aus Schweden kommt. Die VHS Neckarwestheim ist eine von mehreren Außenstellen der Volkshochschule Unterland, die die Idee ausprobiert hat.

Pappresten, Windeln, Bierflaschen

In den großen Städten seien bereits viele Plogger unterwegs, sagt Sabine Spahr, die den Kurs leitet und vor dem Start Aufwärmübungen zeigt. "Jetzt gibt es das auch auf dem Land". Wie viel Müll dort am Straßenrand liegt, zeigt sich schon nach dem ersten Kilometer. Anfangs flattern die leeren Mülltüten in den Händen der Jogger noch im Wind. Nun sind sie bereits zu rund einem Viertel gefüllt mit Pappresten, Windeln, Bierflaschen.

Larissa Kalmbach bahnt sich den Weg durch einen Brombeerstrauch, sie fischt einen Benzinkanister aus den Dornen. Nur einige Meter weiter schreien ein paar ihrer Kolleginnen der SGM Ilsfeld/Neckarwestheim "Ihhh!": Hefte mit Titeln wie "Tatort Bett" liegen im Wald verstreut. Die Fußballerinnen haben den Plogging-Kurs als Einheit vor dem eigentlichen Training eingelegt.

Was die Bewegungstrainerin rät

Auch andere sind Teil der bunten VHS-Truppe: Karin Schulz ist neugierig auf den Kurs geworden, weil sie etwas für die Umwelt tun und sich dabei bewegen will. Müll gesammelt hat sie beim Joggen jedoch auch schon, bevor sie das Wort "Plogging" kannte, erzählt sie.

Warum diese Form des Intervalltrainings gesund ist, erklärt Bewegungstrainerin Spahr. Das abwechselnde Rennen und Bücken sei gut für den Kreislauf. Wer einen gesunden Rücken hat, solle sich beim Aufheben frei bewegen. "Kreatives Bücken" nennt sie das und begründet: Früher habe man versucht, eine Schonhaltung einzunehmen. Aber was man schone, verkümmere ja. Den Rücken muss man bewegen, ist ihre Devise.

Ins Bewusstsein rücken

Joggen und Müll sammeln: Wie die Trendsportart Plogging funktioniert

Bewegungstrainerin Sabine Spahr (links) rät, "kreativ" den Müll zu sammeln: "Wenn ich einen gesunden Rücken habe, muss ich mich nicht rückengerecht bücken."

Teilnehmerin Diana Saur will nicht nur Wald und Weinberge säubern. Bei der Aktion geht es ihr auch darum, gesehen zu werden - "damit ins Bewusstsein der Leute rückt, dass sie weniger Müll produzieren". Denn das ist der eigentliche Knackpunkt, bemerkt der 22-jährige Mike Spahr: "Wenn man trotzdem Plastikbecher und Pappteller produziert, dann bringt das gar nichts."

Dass Müllsammeln Sisyphusarbeit ist, bemerkt an diesem Tag auch eine andere Teilnehmerin. Erst vor einer Woche hätte die Stadt einen Teil der Strecke gesäubert, erzählt sie. Dennoch stellen die Plogger nach rund vier Kilometern und anderthalb Stunden gut gefüllte Mülltüten ab.

Das Fazit

Außer Atem gekommen ist niemand. Da sich in der großen Gruppe oft jemand gebückt hat, mussten die Teilnehmer einige Male aufeinander warten - oder sind wie bei klassischen Putzaktionen gleich spaziert. "Was mich geschockt hat, war, dass so viel Müll herum gelegen ist", sagt die Außenstellenleiterin, die ebenfalls Sabine Spahr heißt. Nun hofft sie, dass die Teilnehmer auch in ihrer Freizeit eine Tüte mitnehmen, wenn sie joggen oder mit dem Hund spazieren.


Wie sich Plogging entwickelt hat

Das Wort Plogging setzt sich aus dem schwedischen Wort plocka (aufsammeln) und joggen zusammen. Als Erfinder gilt der Schwede Erik Ahlström. Über die sozialen Netzwerke hat sich der Trend in der ganzen Welt verbreitet. "Mit Plogging wird man die Plastikkrise nicht lösen, aber es ist ein guter Ansatz", bewertet Michael Meyer-Krotz von der Umweltschutzorganisation Greenpeace die Sportart. Wichtig findet er vor allem die Haltung dahinter: "Wir brauchen ein Umdenken, was unseren Lebensstil betrifft."

 

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