Wer hat Angst vorm Mann im schwarzen Auto?

Bretzfeld  Gerüchte über fremde Männer, die Kinder ansprechen, verursachten in Bretzfeld und Umgebung eine Hysterie unter Eltern. Die Polizei empfiehlt, das Verbreiten von unbestätigten Behauptungen zu unterlassen.

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Dunkle Straßen, dunkle Autos: Der November bietet sich an für Angst-Szenarien. Foto: sutichak/stock.adobe.com

Es ist eine Meldung, die es alle Jahre wieder mal gibt, und deren Wahrheitsgehalt sich in sehr vielen Fällen schlichtweg nicht überprüfen lässt. In Bretzfeld sorgen sich Eltern in den vergangenen Tagen über ein angebliches Geschehen. Über Männer, die aus einem schwarzen Auto heraus Kinder am Kindergartenzaun angesprochen haben sollen.

Polizeisprecher Belz: "Nichts davon hat irgendeine strafrechtliche Relevanz"

Auslöser für die Hysterie war eine E-Mail des Evangelischen Kinderhauses Laurentius in Bitzfeld an die Eltern, in der es heißt: "Am Freitag kam eine Mutter auf uns zu, es sind Männer unterwegs mit den Kennzeichen von Nürnberg oder auch München. Diese sprechen Kinder an und fordern sie auf, bei ihnen mitzufahren." Diese Behauptung wird dadurch zu einem Geschehen gemacht, das für den Leser der Mail real stattgefunden haben muss. Weiter heißt es, "nach Recherchen" sei ein Fall in Schwabbach bekannt, dort sei ein Schulkind angesprochen worden.

Jetzt sieht sich die Heilbronner Polizei in der Pflicht, auf ihrer Facebookseite klärende Worte zu veröffentlichen. Stand der Ermittlungen ist laut Polizeisprecher Frank Belz, dass bereits Mitte Oktober in Schwabbach eine Elfjährige von einem Autofahrer nach dem Weg und einem Restaurant gefragt worden sei. Wie die Mutter der Polizei schilderte, sei ihre Tochter auch gefragt worden, wo sie wohne. In Pfedelbach soll kürzlich ein Kind gefragt worden sein, wo es zum Zirkus gehe. "Nichts davon hat irgendeine strafrechtliche Relevanz", sagt Frank Belz.

Reaktion von Kindergärten und Schulen "kontraproduktiv"

Dieter Ackermann, Leiter des Heilbronner Hauses des Jugendrechts, spricht von einer "Ur-Angst" von Eltern. Ganz wichtig sei für ihn die Feststellung, dass die Polizei jeden Hinweis prüfe. "Und wenn nichts daran ist, dann sollte man das auch so akzeptieren", sagt er. Wenn Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen falsche Behauptungen als Fakten beschrieben, "ist das kontraproduktiv".

Von "zuverlässigen Quellen" war nun auch in einer Elterninfo der Georg-Kropp-Schule in Wüstenrot die Rede. Darin heißt es, "es wurde von Fällen aus Bretzfeld, Bitzfeld und Pfedelbach berichtet, dass Kinder von Leuten angesprochen wurden". Es sei nicht bekannt, ob dies nur Männer oder auch Frauen waren. "Die Aussage war jedoch immer die gleiche und zwar, dass die Mama im Krankenhaus sei und die jeweiligen Personen das Kind zu der Mama bringen würden."

Die Polizei ist unglücklich über das Verbreiten solcher Behauptungen. "Zuverlässige Quellen, was ist das?", fragt Ackermann. "Zuverlässige Quellen sind wir als Polizei." Eltern sollten darauf achten, ihre eigenen Ängste nicht auf Kinder zu übertragen. Manchmal sprächen Menschen Kinder vielleicht auch unbedacht an. Polizeisprecher Frank Belz stellt klar: Hinweise könnten nur überprüft werden, "wenn wir tatsächlich und zeitnah Kenntnis von Vorfällen erhalten". Belz bittet darum, nicht ohne Absprache mit der Polizei Behauptungen zu verbreiten.

Für die Zukunft will die Georg-Kropp-Schule "genau abwägen"

Peter Wetter, Schulleiter der Georg-Kropp-Schule in Wüstenrot, zieht diese Lehre aus den Entwicklungen. "In Zukunft werden wir genau abwägen, was wir machen, und vorher Absprache mit der Polizei treffen", sagt er. Er habe am Donnerstagmorgen einen zweiten Elternbrief verschickt. In diesem sei klargestellt worden, dass es die jetzt geschilderten Fälle so nicht gab und alles "harmlos" gewesen sei.

Um das Verbreiten von Ängsten nicht zu unterstützen, rät die Polizei zur Zurückhaltung beim Verbreiten von Behauptungen. Dieter Ackermann vom Haus des Jugendrechts äußert Verständnis dafür, dass Leiter von Kindergärten und Schulen sich an verunsicherte Eltern wenden möchten. Aber dann doch lieber sachlich mit wenigen Worten: "Die Polizei ist informiert und überprüft die Schilderungen."


Kommentar: Saat der Angst

Ist es das, was wir für unsere Kinder wollen? Dass Erzieherinnen und Lehrer Misstrauen ins Leben mitgeben? "Da draußen, da laufen böse Männer herum." Das ist es doch, was Pädagogen den Kindern mit dem Überstrapazieren dieses Themas suggerieren. Vorsicht vor Fremden, schwarze Autos fahren sie meistens. So bekommen Kinder das eingepflanzt, was sie nicht gebrauchen können für ihr Aufwachsen: die Saat der Angst.

Sensibilisieren nennen wir das gesellschaftlich, hört sich so positiv an. Bei aller Berechtigung, die das in der Erziehung von Kindern haben mag, der aktuelle Fall lädt ein, Verhaltensweisen zu überdenken. Sensibilisiert werden sollten mindestens auch diejenigen Eltern und Erzieherinnen und Lehrer, die Behauptungen unkritisch multiplizieren. Was sind deren Motive? Die Psychologie sagt: Gerüchte entstehen aus unterschiedlichsten Gründen. Manchmal aus Langeweile heraus, gerne kombiniert mit Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Das mag menschlich sein. Doch Whatsapp und Facebook führen dazu, dass Gerüchte zu einem echten, realen Problem werden.

Die Polizei verfolgt den richtigen Ansatz. Was gegen Ängste hilft, ist der direkte Draht zu ihr. Was nicht hilft: Einfach irgendwelche Behauptungen als Wahrheit weiterzuverbreiten, mit einem empörten Klick. Eltern und Pädagogen sollten stattdessen darauf achten, Gerüchte niemals zu Fakten zu machen.


Adrian Hoffmann

Adrian Hoffmann

Reporter

Adrian Hoffmann ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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