Weinshow der Jungwinzer mausert sich zu Genussgipfel

Heilbronn  Die Württemberger Jungwinzer sorgen bei der Weinshow-Messe für frischen Wind in der Branche. Rund 1.500 Besucher kommen am Wochenende in die Heilbronner Harmonie

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Weinshow der Jungwinzer mausert sich zu Genussgipfel

Im Foyer machen Aussteller wie Helmut Rauscher mit seinem Albkäse aus Hohenstein Lust auf Genuss.

Ein Fellbacher Lämmler von Aldinger, dem Winzer des Jahres im Vinum-Weinführer; Riesling mit Sauvignon blanc vom Weinkonvent Dürrenzimmern, dem Weinerzeuger des Jahres der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft; die "Traumelf" der Landesprämierung, Trollinger, Spätburgunder, Merlot, aber auch peppige Marken wie Freidenker, Triebwerk oder Vinitiative, kurzum: Rund 500 Weine von 63 Betrieben gab es am Wochenende bei der zweiten Weinshow der Jungwinzer-Vereinigung Wein.Im.Puls in der Heilbronner Harmonie zu probieren.

Den Ausstellerzuwachs von zehn Prozent gegenüber dem Premierenjahr 2018 werteten die Organisatoren Christian Seybold und Mara Walz als "tolle Bestätigung". Sprunghaft gestiegen sei von 55 auf 73 die Zahl der Vereinsmitglieder, die bald als Genossenschaft firmieren.

Walz: "Wir sind halt gute Württemberger." Kleiner Wermutstropfen: Mit 1450 Besuchern fanden zehn Prozent weniger den Weg an die Allee, was Seybold vor allem mit dem gestrichenen Sonntag erklärt. "Das war eine Art Wengerter-Feiertag. Deshalb sind wir auf den Freitag vorgerutscht, was sich offenbar noch nicht rumgesprochen hat." Dafür waren viele Stände am Samstag dicht umlagert. "Wir werden überrannt", posteten etwa Dietmar Maisenhölder und Jonathan Hengerer auf Facebook.

Workshops und Seminare

Mit Blick auf die "gelungene Kombination" von einem guten Dutzend regionaler Genuss-Handwerker und 63 Winzern sprach Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch von einem "echten Genussgipfel". Selbst den "Bildungshunger" konnte man stillen: bei Workshops und Seminaren. So zelebrierte der Gundelsheimer Chokolatier Eberhard Schell mit Weinprinzessin Franziska Fischer "Vermählungen von Wein und Schokolade". Der bundesweit aktive "Wildbaker" Johannes Hirth aus Jagstfeld tippte mit Rotwein- und anderen Baguettes das Thema "Brot und Wein" an. Mit der Zunge schnalzten Feinschmecker wie Slow-Food-Mitglied Roland Beck oder Küfermeisterin Sylvia Dörr bei Nordheimer Glockenstupfer-Ölen oder bei Albkäse von der Hohensteiner Dorfkäserei.

Weinshow der Jungwinzer mausert sich zu Genussgipfel

Am Samstag sind etliche der 63 Ausschanktische im großen Saal der Harmonie dicht umlagert.

Wer bei so vielen guten Adressen den Überblick verlor, fand bei Weinerlebnis-Führerinnen wie Rose Steinke Lotsen, die bei "Regio-Walks" bestimmte Winzer ansteuerten und "ausquetschten".

Angesichts der 180 Erlebnisführer, die sich in zehn Jahren an der Weinbauschule Weinsberg hätten ausbilden lassen, sprach Direktor Dr. Dieter Blankenhorn von einer "Erfolgsgeschichte mit Vorbildcharakter". Jetzt plane man einen Zusammenschluss von Badenern und Württembergern, um Synergieeffekte und vor allem Fördergelder vom Land zu generieren.

Neuer Studiengang Wein-Technologie-Management

Weinshow der Jungwinzer mausert sich zu Genussgipfel

Genuss hat auch mit Bildung zu tun. So sind im Rahmen der Weinshow Workshops und Seminare angesagt. Weinprinzessin Franziska Fischer zeigt kesse Kombinationen von Wein und Schokolade.

Fotos: Andreas Veigel

Dass auch Jungwinzer "nicht vom Himmel fallen", merkte Weinbaupräsident Hermann Hohl an. Neben klassischen Ausbildungszweigen wie Lehre und Weinbauschule sowie dem Studium an der Hochschule Heilbronn gebe es seit diesem Herbst an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) den Studiengang Wein-Technologie-Management. Auch wenn "wir aktuell fast alle Klassen voll haben", zeichne sich wie in fast allen Branchen ein Fachkräftemangel ab. Deshalb sei eine Winzer-Werbeoffensive in Planung.

Dass sie nicht nur Spaß am Weinmachen und Weinverkaufen haben, sondern auch am Feiern, bewiesen die Jungwinzer am Samstagabend, als sie ihre Messe in Marcel Küffners Alter Reederei im Neckarbogen bis 1 Uhr mit einer Wein-Party ausklingen ließen. "Dort sind wir auf offene Türen gestoßen", berichtet Seybold. Nicht nur er hofft, dass in Küffners Hotel am Stadtgarten, das, so heißt es, im Februar eröffnet werden soll, der Wein eine ähnlich große Rolle spielt wie das Bier, das dort in Wolfgang Scheidtweilers Hausbrauerei ausgeschenkt werden soll.

Erster Wein-Publikumspreis der Heilbronner Stimme 

Premiere mit einem roten Exoten

Weinprinzessin Ellen Volzer mit (v.l.) Ludwig Berthold aus Neckarsulm, der Dritter wurde, dem Sieger Martin Bauer aus Talheim und dem Zweitplatzierten Günter Willy aus Nordheim.

Jungwinzer Ludwig Berthold aus Neckarsulm, der jüngst vom Gault Millau mit einer Traube ausgezeichnet wurde, hatte seinen Merlot, den ersten seines Lebens, erst vor 14 Tagen abgefüllt. Er landete damit prompt auf Rang drei. Günther Willy von der Nordheimer Privatkellerei Rolf Willy nahm die Urkunde für den zweiten Platz entgegen − und will ihr "einen Ehrenplatz" in seiner 70 Meter langen Preisträger-Galerie geben. "Überwältigt von allen Gefühlen" freute sich am Ende Martin Bauer aus Talheim über den ersten Preis für einen Merlot, dessen Reben seine Mutter Bärbel vor 22 Jahren gepflanzt hatte, auch wenn Vater Rainer "wenig davon hielt".

Auf der Weinshow feierte am Wochenende der erste Wein-Stimme-Publikumspreis Premiere. Die Heilbronner Stimme verlieh ihn in Kooperation mit der Jungwinzergruppe Wein.Im.Puls. Zum Ausklang würdigten Wein-Im-Puls-Chef Christian Seybold, Stimme-Chefredakteur Uwe Ralf Heer und Weinprinzessin Ellen Volzer die Preisträger in einer Talkrunde. Die Messebesucher konnten zuvor an zwei Tagen 25 verschiedene Merlots auf die Probe stellen, wobei Markus Eberle alle Weine auf neutrale Literflaschen abgefüllt hatte und Stimme-Mitarbeiterin Alesia Ladenburger schaute, dass alles mit rechten Dingen zuging.

Bewusst hatten sich Jungwinzer und Stimme für den hierzulande relativ exotischen Merlot entschieden. Die Rotweinsorte liegt hinter Cabernet Sauvignon im weltweiten Ranking mit einer Fläche von 270?000 Hektar auf Rang zwei. Mit dem Klimawandel wird sie auch nördlich interessanter. In Deutschland steht sie auf 700 Hektar, in Württemberg auf 72. Merlot ergibt fruchtige, mollige, körperreiche und vollmundige Weine, die meist früh genussreif sind. In vielen Regionen wird Merlot als Cuvéepartner für Cabernet verwendet, weil er die Weine abrundet. 

 

 

 

 

Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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