Was sich in der Region in Sachen Lebensqualität getan hat

Region  Familienfreundlichkeit, Wohlstand oder Soziale Lage - was die Lebensverhältnisse angeht, hat sich in Heilbronn und Hohenlohe einiges getan. Der Prognos-Zukunftsatlas zeigt die Unterschiede auf, die Bundesregierung will sie mit einem Milliardenprogramm verringern.

Von unserer Redaktion

Nicht ganz oben - dort stehen München und sein Umland, Ingolstadt, Darmstadt und Stuttgart - aber mit sehr guten Plätzen zwischen 22 und 55 stehen Heilbronn, der Landkreis und der Hohenlohekreis im Zukunftsatlas des Forschungsinstituts Prognos da. Der Region um Heilbronn hat das "Handelsblatt" am Mittwoch in diesem Zusammenhang sogar eine Doppelseite gewidmet: Der Aufsteiger.

Bildungscampus Heilbronn
Auf dem Heilbronner Bildungscampus wird sich auch die TU München niederlassen. Foto: Archiv/Veigel

Die Segnungen der Dieter-Schwarz-Stiftung, die längst nicht nur den Bildungscampus finanziert, werden dort herausgestellt, die Buga natürlich, aber auch die weichen Faktoren. Die Natur genauso wie die Neckarmeile in Heilbronn, die dem Oberzentrum urbanes Flair verschafft. Ihre Vergangenheit als schwäbisches Liverpool hat die Stadt abgeschüttelt. Heilbronn habe längst erkannt, "dass es mehr sein muss als ein reiner Industriestandort", sagt Klaus Mandel, der Direktor des Regionalverbands.

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Im Landkreis und in Hohenlohe hat sich viel getan

Auch im Landkreis und in Hohenlohe hat sich viel getan, wie der jüngste Zukunftsatlas deutlich macht. Kathleen Freitag von Prognos betont etwa, dass Heilbronn-Franken schon vor vielen Jahren die Familienfreundlichkeit oben auf die Agenda gesetzt hat. Und sie verweist auf das Engagement privater Geldgeber - neben Schwarz nennt sie auch Reinhold Würth - die die Region vorangebracht hätten.

Dass der Hohenlohekreis im Bereich Wohlstand und Soziale Lage auf Rang 25 der 401 Städte und Kreise liegt, freut den dortigen Landrat Matthias Neth ganz besonders: "Das zeigt, dass es den Menschen gut geht. Wir genügen uns aber nicht damit, den hohen Standard zu halten, sondern versuchen in den Bereichen besser zu werden, die uns noch Probleme bereiten", sagt er. "Auch ein ländlich geprägter Landkreis wie der Hohenlohekreis kann neben großen Städten und bevölkerungsreichen Landkreisen mit einer hohen Arbeits- und Lebensqualität bestehen."

Buga-WE
Die Region punktet im Prognos-Ranking auch mit der Buga. Foto: Christiana Kunz

Milliardenschweres Maßnahmenbündel

Wer oben steht, kann aber auch tief fallen. Wie die Bundesregierung mit einem milliardenschweren Maßnahmenbündel für gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Land sorgen möchte, kommt nicht überall gut an. Umstritten ist vor allem die Übernahme von Altschulden bei rund 2000 der insgesamt 11.000 Kommunen in Deutschland durch den Bund - die Modalitäten sind aber noch nicht geklärt. Innenminister Horst Seehofer (CSU) stellte das Papier, das auf die von der Großen Koalition eingesetzte Kommission Gleichwertige Lebensverhältnisse zurückgeht, gestern mit Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor.

"Die Angleichung der Lebensverhältnisse in den Regionen Deutschlands zu fördern, ist ein wichtiges gesamtgesellschaftliches Ziel", sagt der Heilbronner CDU-Abgeordnete Alexander Throm - um sogleich ein großes Aber hinzuzufügen: "Eine pauschale Übernahme der Schulden durch Bundesmittel ist nicht zielführend", sagt er. "Gerade die Städte und Gemeinden, die sparsam und gut gewirtschaftet haben, dürfen nicht benachteiligt werden." Es sei schwerlich nachvollziehbar, dass der Bund "für die Versäumnisse der Länder und Kommunen geradestehen soll".

Auch der Stuttgarter Innenminister und CDU-Bundesvize Thomas Strobl sieht falsche Anreize, wenn nun Kommunen entlastet werden, die nicht solide gewirtschaftet hätten. "Baden-Württemberg hat ganz, ganz starke Kommunen", macht er deutlich, wen er damit meint: die anderen.

Vor allem der Osten soll vom staatlichen Geldregen profitieren. Dort sollen jetzt Ausbildungsstätten für Polizei und THW angesiedelt werden oder eine Stiftung für das Ehrenamt. Im ebenfalls am Mittwoch veröffentlichten Deutschlandatlas wird deutlich, warum das so ist: Auf vielen Karten ist die innerdeutsche Grenze weiterhin sichtbar. Innerhalb des nächsten Jahrzehnts sollen die regionalen Unterschiede vor allem bei Einkommen und Arbeit, Mobilfunk und Kultur beseitigt werden.

Sachsen und Brandenburg fallen nicht durch besondere Stärke auf

Die Idee geht auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD zurück, präsentiert wurden die Ergebnisse knapp acht Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Länder, die auch in der Prognos-Studie nicht durch eine besondere Stärke auffallen: Lediglich die Hauptstädte Dresden und Potsdam sind im Zukunftsranking unter den ersten 100.

CDU-Fraktionsvize Thorsten Frei aus Donaueschingen lobt gleichwohl die Bedeutung der geplanten Maßnahmen. "Dort, wo der Markt es nicht richtet, wird die Politik stärker eingreifen. Nur so lässt sich in bestimmten Regionen die Abwanderung stoppen und das Gefühl des Abgehängtseins überwinden", sagt er. Ein Gefühl, das zumindest Teile der Region noch in Erinnerung haben.


Was Prognos 2002 vorhersagte

Ob die Autoren der regionalen Prognos-Studie 2002 wohl geahnt haben, dass ihre Vision 2020 17 Jahre später dem Faktencheck unterzogen wird? Dass das Chaos auf der A6 ausgeblieben ist, weil der Ausbau komplett abgeschlossen ist − da lag Prognos 2002 daneben. Auch eine Bundespräsidentin gibt es anders als vorhergesagt weiterhin nicht. Und die Region wurde auch nicht zur familienfreundlichsten des Landes gekürt. Mit der Überschrift "Region des Aufstiegs" lagen die von der IHK beauftragten Autoren damals aber nicht falsch, wie der jüngste Zukunftsatlas zeigt.

Ihr Fazit zogen die Autoren damals als Erzählung einer jungen Mutter. Daraus werden die Sorgen der Zeit nach der Jahrtausendwende deutlich: Kinderbetreuung, natürlich die Verkehrsbelastung vor allem der Autobahnen in der Region. Weil das Smartphone damals noch nicht erfunden war, träumte die Region vom TV-Telefon − ebenso von Telearbeitsplätzen, die heute in vielen Betrieben als Home Office alltäglich sind. Und immer wieder Kinder: "Eine Region, die auf Wachstum setzt, muss für Familien mit Kindern attraktiv sein", heißt es.

"Ich bin froh, in der Region Heilbronn-Franken zu leben. Gerade jetzt, wo wir eine junge Familie sind, denn Wohn- und Lebensumfeld sind einmalig gut und die Kriminalitätsrate ist gering. Für die Kinder sind Schulen in ausreichendem Maße vorhanden. Für uns Erwachsene sichert der wirtschaftliche Erfolg der letzten Jahrzehnte unsere Arbeitsplätze. Die Region vereint einfach alles, was wir brauchen, um hier glücklich zu sein."

Ganz sind die Hausaufgaben auch beim Thema Generationswechsel in den Familienunternehmen nicht erledigt. "Die Nachfolgefrage war oftmals ungeklärt", blicken die Forscher aus dem fiktiven 2020 zurück. An entscheidenden Stellen ist das noch immer der Fall, auch wenn die Region nicht, wie damals befürchtet, zu einem "fremdgesteuerten Wirtschaftsstandort mit verlängerten Werkbänken verkommen" ist. Auch die "Erweckung und Forcierung einer neuen Kultur der Selbstständigkeit", wie es damals hieß, ist noch immer auf der regionalen Agenda.

 

 


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