Was Raben bei der Erziehung besser als Menschen machen

Interview  Der Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge erklärt, was Eltern von Raben lernen können, wie sich Mütter vor Souffleusen schützen, und was in der Pubertät sonst noch wichtig ist. Am 19. Februar ist er zu Gast in Weinsberg.

Von Tanja Ochs

Kinder wollen keine perfekten Eltern

Raben schmeißen ihre Jungen aus dem Nest, sobald diese flügge sind. Im Gegensatz zu manchen Müttern und Vätern können Tiere den Nachwuchs also loslassen. Foto:illuminator/stock.adobe.com

Warum Raben die besseren Eltern sind, erklärt Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge am 18. Februar bei einem Vortrag in Weinsberg. Seit Jahrzehnten gibt der Familienberater Tipps für das Leben mit Kindern und fordert vor allem Mütter auf, sich mehr um sich selbst zu kümmern. Denn eines sollten sie nicht sein: Perfekt.

 

Was machen Raben besser als Menschen?

Jan-Uwe-Rogge: Raben ziehen ihre Jungen im Nest auf, sind sehr fürsorglich und zugewandt. Aber wenn die Kinder flügge sind, schmeißen die Eltern sie aus dem Nest. Das bedeutet, sie können loslassen.

 

Bei den Menschen leben zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen noch bei ihren Eltern. Ist das ein Fehler?

Rogge: Es kann notwendig sein, dass Jugendliche noch zu Hause leben. Ausziehen ist heute einfach wahnsinnig teuer. Aber trotzdem finde ich es wichtig, den Müttern Mut zu machen, von Anfang an für sich selbst zu sorgen und loszulassen. Da gibt es Versäumnisse, auch in der Partnerschaft. Dafür brauchen Eltern Zeit und Raum. Das kommt in der Erziehungsdiskussion oft zu kurz.

 

Müssen Eltern sich ändern?

Rogge: Es gibt viele sehr kompetente Mütter und Väter, die einen tollen Erziehungsjob machen. Aber es gibt eben auch manche, die nicht loslassen können. In ihrem Perfektionismusdrang fragen sich ständig: Was könnte ich noch machen?

 

Was ist daran falsch?

Rogge: Kinder mögen keine perfektionistischen Eltern. Sie wollen Eltern aus Fleisch und Blut, die auch mal an sich denken. Ich plädiere immer dafür, dass Mütter besser für sich sorgen. Es gibt ein Leben jenseits der Kindererziehung, als Frau, als Paar. Nur wenn es den Eltern gut geht, geht es den Kindern auch gut - und nicht umgekehrt.

 

Aber wie gelingt Eltern die Gratwanderung zwischen Familie, Beruf, Haushalt und den eigenen Bedürfnissen?

Rogge: Das schafft man wie ein Hochseiltänzer, der mit der Stange in der Hand versucht, die Balance zu halten. Es gibt immer Phasen, in denen Eltern mehr gefordert sind. Aber Kinder zeigen dann auch wieder, wann sie Eltern nicht brauchen und lieber zur Oma oder zu Freunden gehen. Diese Zeit muss man nutzen - ohne sich ständig zu fragen, ob man egoistisch ist. Es ist eine Gratwanderung, aber viele Mütter schaffen das. Sie müssen sich dabei aber von den Souffleusen der Umwelt lösen.

 

Die ihnen was einflüstern?

Rogge: Zum Beispiel dass berufstätige Mütter die schlechteren Mütter sind. Das ist Unsinn. Es gibt keine Untersuchung, die zeigt, dass Kinder berufstätiger Mütter kränker oder unzufriedener sind als andere.

 

Machen sich Mütter heute mehr als früher gegenseitig das Leben schwer?

Rogge: Ja, ich weiß aus Gesprächen mit Müttern, dass das zugenommen hat. Erziehung wird heute als Hochleistungssport verstanden. Das gab es bei unseren Urgroßmüttern nicht. Ich rate Eltern immer, sich nicht mit den "Fünf-Sterne-Superior-Müttern" zu vergleichen, die alles besser können. Pestalozzi hat gesagt: Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen. Das gilt für Mütter gleichermaßen.

 

Wie kann man sich schützen?

Rogge: Ich rate Müttern und Vätern, zu sich zu stehen und sich selbst immer wieder zu sagen: Ich habe Kompetenzen, ich stehe aber auch zu meinen Schwächen.

 

Kann man das lernen?

Rogge: Man kann es lernen, wenn man will. Deswegen ist Elternbegleitung wichtig. Nach Seminaren bekomme ich oft die Rückmeldung, dass Eltern gelassener geworden sind. Sie bekommen von mir eine Bestätigung für das, was sie bereits wunderbar machen. Und wenn nur ein Paar nach einem Vortrag nicht gleich nach Hause geht, sondern sich nochmal Zeit nimmt, um zu reden, habe ich schon was erreicht.

 

Das Leben mit Kindern in der Pubertät ist selten wunderbar. Sie sagen trotzdem, diese Phase sei ein Chance.

Rogge: Erziehung ist ergebnisoffen. Du kannst nicht alles planen. Und wenn es anders kommt, als du denkst, ist es nicht deine Schuld. Eltern müssen verstehen, was bei der Pubertät im Kopf passiert. Das sind neurale Prozesse, keine Bösartigkeiten. Aber die gute Nachricht ist, nach drei bis vier Jahren wird aus dem rauschenden Fluss wieder ein gemächlicher Bach.

 

Also müssen Eltern nur abwarten?

Rogge: Eltern sollten vor allem gelassen bleiben, allerdings ohne den Pubertierenden fallen zu lassen. Bei allem Verständnis für das Kind müssen sie trotzdem ihrer Erziehungsverantwortung gerecht werden.

 

Wie lange erzieht man Kinder?

Rogge: Erziehung hat mit Beziehung zu tun. Und die bleibt ein Leben lang. Eltern bleiben immer Begleiter und Leuchtturm für ihre Kinder, weil ihre Lebenserfahrung gefragt ist.

 

Kann Erziehung trotz aller Auseinandersetzungen gelingen?

Rogge: In 95 Prozent aller Fälle gelingt es. Ich bin Optimist und finde es toll, wie viele Eltern es schaffen, Persönlichkeiten zu erziehen.

Zur Person

Jan-Uwe Rogge gilt seit Jahrzehnten als Erziehungsexperte. Er studierte in Tübingen und promovierte zum Thema Kindermedien.

Der 71-Jährige arbeitet als Autor und Publizist, ist Familien- und Kommunikationsberater, gibt Seminare für Eltern und bietet Fortbildungen für Pädagogen an. Seit 1984 hat Rogge mehr als 15 Bücher zu Erziehungsfragen veröffentlicht.

Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

 

Rogge spricht in Weinsberg über Loslassen und Halten

Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge spricht am Dienstag, 19. Februar, um 19.30 Uhr zum Thema "Warum Raben die besseren Eltern sind - vom Halten und Loslassen" in der Hildthalle in Weinsberg.

Der Eintritt kostet zwölf Euro im Vorverkauf, 14 Euro an der Abendkasse. Karten gibt es in der Buchhandlung Back in Weinsberg und Willsbach sowie in der Buchhandlung Stritter in Heilbronn. Weitere Informationen bei der Schulsozialarbeiterin der Grundschule, Brigitte Moll, Telefon 07134 994310, E-Mail: Brigitte.moll@weinsberg.de.

 


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