Was Archäologen in der Heilbronner Innenstadt ausgraben

Heilbronn  Seit Anfang Mai finden auf dem ehemaligen Dinkelacker-Gelände archäologische Ausgrabungen statt. Die Archäologen hoffen, Funde aus der Entstehungszeit von Heilbronn zu finden, bevor das Gelände bebaut wird.

Von Christine Faget

Schon die ersten Funde erzählen bewegende Geschichten aus der Vergangenheit von Heilbronn. Seit Anfang Mai graben die Archäologen von Archaeo BW auf dem ehemaligen Parkplatz der Dinkelacker-Brauerei zwischen Schwibbogengasse und Zehentgasse. Erdstück um Erdstück schaben, schaufeln und baggern sie zwischen alten Kellergemäuern um, zaubern düstere und heitere Kapitel der Stadtgeschichte hervor.

Das eingedellte Weinglas, das zwischen anderen Fundstücken auf einem Tisch steht, offenbart beispielsweise, was 1944 passiert ist. Eine Brandbombe erfasste das Haus, das vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem ehemaligen Dinkelacker-Gelände stand. Die Hitze verformte das Glas, nun sieht es aus wie ein abstraktes Kunstwerk. Auch die schwarzen Verfärbungen an den Kellermauern zeugen von einer grauenhaften Nacht.
 

 

Ausgrabung könnte ins Heilbronn des 13. Jahrhunderts führen

Für die Archäologen läuft die Geschichte rückwärts, von vorne nach hinten. Je länger die Grabungen andauern, desto interessanter. "Für uns spannend: Dringen wir bis in die Phase des 13. Jahrhunderts vor?", sagt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege. Und schiebt direkt hinterher: "Es sieht so aus." Es sei bereits eine Keramikscherbe gefunden worden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit stammt, auch Wege aus dem Mittelalter wurden freigelegt.

Für die Wissenschaftler könnten die Grabungen neue Erkenntnisse zu Tage fördern: Aufgrund der Katasterpläne vermutet Scheschkewitz eine Großparzelle auf dem Grundstück. Großparzellen hätten wohlhabenden Besitzern gehört. "Wir sind gespannt, ob wir beweisen können, dass dort ein Steinturm gestanden hat", sagt Scheschkewitz. Finden die Archäologen einen solchen Steinturm, dann könnte man das Baumaterial mit dem Material vergleichen, das für Gebäude auf den Kleinparzellen von ärmeren Leuten verwendet wurde.

Funde erzählen von den Anfänges der Stadtentwicklung

Archäologen graben in der Heilbronner Innenstadt
Fein säuberlich bearbeiten die Archäologen die Erdoberfläche mit einer Kelle. Sie suchen nach Hinweisen auf alte Gebäude.  

Funde aus dem 13. Jahrhundert sind auch deshalb so spannend für die Archäologen, weil sie die Entstehung der Stadt bezeugen. "Heilbronn hat relativ frühe Wurzeln", sagt Scheschkewitz. Um die Kilianskirche herum sei bereits im 11. Jahrhundert eine recht große Stadt gebaut worden, während andere Städte erst im 12. oder 13. Jahrhundert gegründet wurden. "Heilbronn hat sich dann nach Norden hin entwickelt, in diesem Bereich bewegen wir uns." Auf dem Grabungsareal müsse Heilbronn also Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden sein.

Nur etwas mehr als sechs Monate haben die elf Archäologen und der Maschinist Zeit, um diese rund 750 Jahre alte Geschichte frei zu graben. Auf dem ehemaligen Parkplatz der Dinkelacker-Brauerei will die Baufirma Weisenburger Wohnungen, einen Lebensmittelmarkt und Tiefgaragen bauen.

Das Landesamt für Denkmalpflege schaute sich das Gelände genau an, holte Rat beim Stadtarchiv und entschied, dass gegraben werden muss, bevor das millionenschwere Bauprojekt entstehen kann. Also beauftragte Weisenburger eine Grabungsfirma. Archaeo BW GmbH bekam für rund 450.000 Euro den Zuschlag.

Eine "Rettungsgrabung"

Archäologen graben in der Heilbronner Innenstadt
Mal mit dem Bagger, mal mit dem Spaten, mal mit der Kelle: Die Archäologen graben sich äußerst behutsam durch die Erdschichten in der Innenstadt. Fotos: Dennis Mugler  

Dessen Geschäftsführer Przemyslaw Sikora spricht von einer "Rettungsgrabung". Es sei klar, dass archäologische Substanz durch die Baumaßnahme bedroht ist. Deshalb "müssen wir jetzt graben", sagt Scheschkewitz. Alles müsse genau fotografiert und kartiert werden, sogar eine 3D-Dokumentation plant die Grabungsfirma.

Der Beauftragte vom Landesamt für Denkmalpflege vergleicht die Fundstücke mit den Seiten eines Buches, bevor diese herausgerissen werden. Es werde versucht, die Seiten möglichst genau abzuschreiben, bevor diese für immer weg sind. "Es sollen möglichst viele Informationen erhalten bleiben", betont auch Steffen Berger, der die Grabung der Archaeo BW leitet. Bei der Vorstellung, dass das Areal nach den mühsamen Grabungen bebaut wird, bleibt er deshalb entspannt: "Eine schöne Dokumentation ist ein befriedigendes Ergebnis."

 

Drittgrößte Ausgrabung in Heilbronn

Nach den archäologischen Ausgrabungen auf dem Gelände des Deutschhofs und auf der Experimenta-Baustelle ist die Grabung auf dem ehemaligen Dinkelacker-Gelände die drittgrößte Grabung in Heilbronn, wie Jonathan Scheschkewitz erklärt. "Es gibt nicht viele Flächen in Heilbronn, wo großflächig gegraben wurde", so der Mittelalter-Archäologe vom Landesamt für Denkmalpflege.

Deshalb seien die Grabungen sehr wichtig für die Stadtgeschichte. "Heilbronn ist abgesehen von punktuellen Funden und den großen Grabungen ein weißer Fleck auf der archäologischen Landkarte", sagt auch Grabungsleiter Steffen Berger. Das Bauvorhaben der Firma Weisenburger sieht Scheschkewitz nicht gefährdet: "Es gibt keine Anzeichen, dass wir etwas so Hochrangiges entdecken."