Warum grüne Mittelstreifen von Autobahnen verschwinden

Serie Noch Fragen?  Der begrünte Mittelstreifen auf Autobahnen hat ausgedient - zunehmend werden stattdessen Betonmauern errichtet. Das passiert in der Region mit dem Ausbau der A6. Pflegearbeiten bleiben aber trotzdem nötig.

Von Julia Weller

Betonmauern erobern Mittelstreifen der A?6
Im Zuge des Ausbaus der A6 sollen Grünstreifen durch Betonmauern ersetzt werden. Foto: Reichert

Dichte Büsche zwischen den Fahrbahnen und überwucherte Leitplanken aus Stahl: Dieses Bild gehört auf deutschen Autobahnen zunehmend der Vergangenheit an.

Während früher der Mittelstreifen oft mit Hecken oder Büschen bepflanzt wurde, um Sichtschutz zu bieten und Blendungen durch den Gegenverkehr zu vermeiden, werden heute vielerorts sogenannte Fahrzeugrückhaltesysteme aus Beton verbaut.

Auch im Zuge des Ausbaus der A6 im Kraichgau werden vorwiegend solche Betonmauern zum Einsatz kommen, wie ein Sprecher des Regierungspräsidiums Stuttgart erklärt.

Bei Neubauten seien sogenannte Betonleitwände grundsätzlich das Modell der Wahl − allerdings kann das Regierungspräsidium diese Entscheidung selbst gar nicht direkt treffen.

Stahlleitplanken durch Betonmauern ersetzen

Die Aufträge müssen wegen des EU-Rechts produkt- und materialneutral ausgeschrieben werden, das Regierungspräsidium darf lediglich Kriterien wie etwa die benötigte Anprallheftigkeitsstufe festlegen. Weil Beton etwas starrer sei, laufe es dann meistens auf die Errichtung von Mauern hinaus. Grundsätzlich gebe es aber heutzutage auch massive Stahlsysteme mit der gleichen Sicherheitsstufe.

Die haben im Vergleich zu den Betonmauern auch einen Vorteil: Die Entwässerung ist deutlich einfacher. Auf großen Teilen der A81 herrschen noch solche Systeme aus Stahlleitplanken vor. Es sei schwierig, den Bestand durch Betonmauern zu ersetzen, weil dann auch die gesamte Entwässerung neu geplant werden müsste, erklärt der Präsidiumssprecher.

Mittelstreifen werden zu verkehrsarmen Zeiten gepflegt

Stattdessen würden die bestehenden Stahlsysteme mancherorts in ein höheres Sicherheitsniveau umgerüstet. "Natürlich wächst dazwischen dann ein bisschen Grün, aber es werden nicht bewusst Pflanzen eingebracht." Der Grund: Begrünte Mittelstreifen müsse man jeden Sommer ein- bis zweimal pflegen und mähen. "Wir versuchen natürlich, das nicht zu den Hauptverkehrszeiten zu erledigen", sagt der Sprecher. Nachts sei die Grünpflege aber äußerst schwierig.

Anders sieht das Michael Endres von Via6West: Seine Mähkolonnen sind im Sommer auch nachts oder in den frühen Morgenstunden unterwegs. Alles andere sei bei diesen Temperaturen für die Mitarbeiter unerträglich. "Vor zwei Wochen haben wir auf dem Asphalt 61,8 Grad gemessen", erzählt Endres. Die Hitze strahle vom Boden ab.

Außerdem sei die Projektgesellschaft vertraglich dazu angehalten, solche Arbeiten in verkehrsarmen Zeiten auszuführen. Käme es wegen der Sperrung des linken Fahrstreifens tagsüber zu einem Stau, gäbe es einen finanziellen Abzug. Mit dem Ende der Hitzeperiode würden die Mitarbeiter aber demnächst zu ihren normalen Arbeitszeiten mit Beginn um sieben Uhr morgens zurückkehren, sagt Endres.

Mehr Müll auf dem Mittelstreifen

Aber warum muss der Mittelstreifen auf der A6 überhaupt gepflegt werden, wenn dort hauptsächlich Betonmauern zu finden sind? "Es geht ja nicht nur ums Mähen", sagt Endres. Ein gewisser Pflegestandard müsse eingehalten werden. Das heißt im Klartext: Die Kolonnen sammeln vor allem viel Müll vom Mittelstreifen auf. "Es ist in den letzten Jahren schlimmer geworden", findet Michael Endres.

Die Mitarbeiter der Reinigungskolonnen würden sogar mit Flaschen oder anderem Müll beworfen werden. Immer wieder fände man menschliche Hinterlassenschaften − in Flaschen und Beuteln oder sogar direkt im Grünstreifen, zum Beispiel nach längeren Staus. "Ich habe Hochachtung vor unseren Mitarbeitern, die das wegmachen", sagt Endres.


Wie diese Geschichte entstanden ist:

Den Anstoß für die Recherche gab Thorsten Scholz mit einer Frage in den Kommentaren unserer Facebookseite. Unter diesem Artikel über nächtliche Mäharbeiten auf der A6 fragte er: "Warum wird der Bereich zwischen den Fahrbahnen überhaupt bepflanzt? Durch Mähaktionen kommt es zu Folgekosten, Unfällen und Staus."

Wegen der Autobahnen 6 und 81 ist diese Frage relevant für unsere Region und passt damit gut zu unserer Serie "Noch Fragen?". Wenn auch Sie unserer Redaktion einen Rechercheauftrag geben möchten, schicken Sie uns Ihre Frage einfach zu. Aus den besten entsteht eine Geschichte. Einen Überblick über alle Fragen, die wir im Rahmen der Serie beantwortet haben, finden Sie hier

 

 

 


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