Warum extreme Wetterverhältnisse häufiger werden

Interview  Der Klimaexperte Florian Imbery vom Deutschen Wetterdienst erklärt im Stimme-Interview, inwiefern die Hitzeperiode im Juni mit dem Klimawandel zusammenhängt, kritisiert Donald Trumps Klimapolitik und gibt einen Ausblick, welche Wetterextreme und Katastrophen noch auf uns zukommen könnten.

Von Annika Heffter
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Dr. Florian Imbery ist Sachgebietsleiter in der Abteilung Klimaüberwachung des Deutschen Wetterdienstes. Foto: DWD

Herr Imbery, letzten Monat war es ganz schön warm…

Florian Imbery: Das Außergewöhnliche ist nicht nur, dass dies der wärmste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland, Europa und sogar der ganzen Welt war, sondern auch, dass es eine große Abweichung zum vieljährigen Mittelwert gab.

 

Hat dieser Hitzerekord etwas mit dem Klimawandel zu tun?

Imbery: Bei Temperaturen ist der Einfluss des menschengemachten Klimawandels inzwischen sehr gut nachzuweisen. Wir hatten in der letzten Juniwoche ja auch eine sehr intensive Hitzewelle in Frankreich. Eine Studie, die am Dienstag veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass ein Ereignis wie diese Hitzeperiode durch den menschengemachten Klimawandel fünfmal wahrscheinlicher geworden ist.

 

Sie erwähnten mehrmals, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Ist das denn so?

Imbery: Ja, wir arbeiten zum Beispiel mit Klimamodellen, in denen Hypothesen getestet werden. Jeder Versuch, die globale Temperaturerhöhung der letzten 150 bis 200 Jahre und das sich ändernde Klima mit anderen Ursachen zu erklären, hat nicht funktioniert. Der Grund sind die menschlichen Treibhausgasemissionen.

 

Gibt es nicht auch viele natürliche Ursachen für den Klimawandel?

Imbery: Der natürliche Anteil am bisher beobachteten Klimawandel wird auf unter fünf Prozent geschätzt. Dass der Klimawandel zu mehr als 90 Prozent menschengemacht ist, ist absoluter Konsens in der Klimaforschung und der Meteorologie. Es gibt sogar Metastudien, die untersuchen, wie viel Prozent der Wissenschaftler dem widersprechen, aber Fakt ist, dass es inzwischen keine Diskussion in der Klimaforschung mehr darüber gibt, ob der Klimawandel von menschlichen Treibhausgasemissionen verursacht wurde.

 

Warum gab es früher Streit und Diskussionen und jetzt nicht mehr?

Imbery: Wir haben inzwischen eine bessere Datenbasis. Wir haben mehr technische Werkzeuge wie Klimamodelle, mit denen sich das nachweisen lässt. Außerdem erleben wir in den letzten 15 Jahren eine Beschleunigung der Änderung, die zum Teil auch jetzt schon zu besorgniserregenden Prozessen, zum Beispiel in Grönland, führt.

 

Gehören zu den besorgniserregenden Prozessen auch eine potentielle Trinkwasserknappheit?

Imbery: Das kommt stark darauf an, welche Region der Erde wir uns anschauen. Ja, es kann zu Trinkwasserknappheit kommen. 2018 war das wärmste Jahr seit Anbeginn unserer systematischen Messungen in Deutschland, also seit 1881, mit einer ausgeprägten Trockenheit. Es hat wenig geregnet bei sehr hohen Temperaturen, was besonders in Ost- und Norddeutschland zum Teil auch schon zu Problemen geführt hat. Einzelne Gemeinden ließen den Wasserverbrauch einschränken, das automatisierte Gießen des eigenen Vorgartens wurde untersagt. Die sozioökonomischen bis militärischen Konsequenzen auf globaler Skala kann ich nicht beurteilen. Es gibt aber zum Beispiel die Befürchtung, dass die globalen Auswirkungen des Klimawandels ein Grund für große Migrationsströme sein werden.

 

Am Beispiel Bürgerkrieg in Syrien kann man erkennen, dass das auch schon damals ein Thema war…

Imbery: Genau, das ist eine der Hypothesen. In Syrien hat es in den 2000er Jahren über mehrere Jahre sehr wenig geregnet, viele Landwirte und Bauern mussten ihre Landwirtschaft aufgeben und sind in die inoffiziellen Vorstädte von Aleppo und Damaskus gezogen, in die Nähe der Orte, wo die Aufstände auch begannen. Man muss nur wirklich aufpassen, dass man keine monokausalen Aussagen trifft, letztendlich spielen viele Faktoren eine Rolle. Ein Bürgerkrieg ist nichts Naturgemachtes.

 

Stört es Sie, wenn Politiker wie Donald Trump den Unterschied zwischen Klima und Wetter nicht verstehen?

Imbery: Die Frage ist, ob Präsident Trump es wirklich nicht versteht oder nicht verstehen will. Natürlich stört mich das. Vor allem die direkten Auswirkungen seiner Politik, zum Beispiel, dass er die USA aus dem Pariser Klimaabkommen herausgeführt hat. Das ist sehr fatal, weil die USA einer der größten CO2-Emittenten der Welt sind. Wie gesagt, der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlicher Konsens. Wenn ein Politiker heute noch sagt „Da gibt es wissenschaftlichen Disput und außerdem friere ich gerade“, dann ist das wissenschaftlich gesehen Nonsens und schlicht eine politische Agenda.

 

Sind denn die Ziele des Pariser Klimaabkommens ausreichend?

Imbery: Die Beschränkung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad ist sicherlich ein gutes, aber auch ein ambitioniertes Ziel. Der Weltklimarat hat letztes Jahr einen Bericht veröffentlicht, was der Unterschied zwischen 1,5 Grad Erwärmung und 2 Grad ausmachen könnte. Für viele Regionen der Welt, ob es die flachen Inseln in der Südsee sind oder Länder wie Bangladesch, das zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel liegt, kann das 1,5 Grad-Ziel lebensrettend sein. Allerdings bedeutet das nicht, dass es keine katastrophalen Änderungen mehr geben wird, wenn dieses Ziel erreicht würde. Auch 1,5 Grad bedeuten in manchen Regionen, dass die Natur und das Leben sich grundlegend verändern werden.

 

Bedeutet das, dass der Klimawandel unumkehrbar ist?

Imbery: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das emittierte CO2 in der Atmosphäre eine Verweildauer von Jahrhunderten hat. Umkehrbar ist das erst einmal nicht. Was wir machen können, ist, dass wir diese Prozesse stark verlangsamen. Das eigentliche Ziel ist es, global so schnell wie möglich auf null Emissionen zu kommen und vielleicht sogar in Zukunft CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. So schnell wie möglich heißt vor Mitte des Jahrhunderts. In manchen Teilprozessen des Klimasystems gibt es allerdings Kipppunkte, wie zum Beispiel im Fall des antarktischen Eisschildes, des Regenwalds im Amazonas-Gebiet oder des Golfstroms. Falls diese Kipppunkte überschritten werden, lassen sich diese nicht einfach wieder rückgängig machen. Wo allerdings diese Kipppunkte genau liegen, ist bis heute noch nicht ausreichend bekannt.

 

Juni

Sind Sie optimistisch, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts auf null Emissionen weltweit kommen werden? Glauben Sie, dass da zum Beispiel ein Land wie China mitziehen wird?

Imbery: Ich sehe auch in Deutschland nicht den großen Willen, da mitzuziehen. Deutschland hatte lange den Ruf eines Musterschülers im Klimaschutz, aber im Moment ist es schwierig, viele positive Beispiele zu finden. China hat neben dem Klimaschutz natürlich auch noch das Problem einer extremen Luftverschmutzung in den Metropolen, aber beim Ausbau erneuerbarer Energien liegt China inzwischen weit vor Europa.

 

Also kein Lichtblick in Sicht?

Imbery: Optimistisch bin ich, wenn ich sehe, dass viele Menschen erkannt haben, dass der Klimaschutz ein relevantes Thema ist und die Politik dazu auffordern, dass endlich etwas passiert.

 

Ist Deutschland nicht nur ein kleiner Teil des Problems, beziehungsweise sollten wir wirklich unsere Wirtschaft für den Klimaschutz opfern?

Imbery: Zuerst einmal kann ich die Argumentation verstehen. Der deutsche Anteil der globalen Emissionen liegt im Moment bei etwa zwei Prozent. Deutschland legt auf der anderen Seite immer großen Wert darauf, dass es ein innovatives Land ist bei technischen Entwicklungen und ich glaube, viele andere Länder schauen darauf, was Deutschland in Sachen Klimaschutz macht. Das heißt sowohl bei der Innovation als auch bei der Umsetzung könnte Deutschland Vorbild sein. Ansonsten muss man klar sagen: Nichts tun kostet auch. Die Konsequenzen des Klimawandels mit allen zu erwartenden Folgen, zusätzlichen Kriegen, ökonomischen Katastrophen und Migrationsströmen übertreffen die Kosten für den Klimaschutz bei weitem. Leider ist es ein Problem, das oft in die Zukunft verlagert wird, weil sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft nicht auf sehr lange Zeiträume geplant wird.

 

Die jetzigen Berichte zum Hitzemonat Juni zeigen, dass es in Baden-Württemberg noch am kühlsten und regenreichsten war. Sind das gute Nachrichten?

Imbery: Intensive Hitzewellen sind immer regional differenziert ausgeprägt, zum Beispiel die bisher intensivste Hitzeperiode im Sommer 2003 hatte ihr deutschlandweit stärksten Auswirkungen in Baden-Württemberg und dem Oberrheingraben. Auswertungen von Klimaprojektionen bis Ende des 21.Jahrhunderts ergeben, dass die stärkste Zunahme der mittleren Temperaturen wie auch von intensiven Hitzeperioden in Baden-Württemberg sowie in Brandenburg und Teilen von Sachsen zu erwarten ist.

 

Werden extreme Wetterverhältnisse zunehmen?

Imbery: Wir erwarten bei vielen Wetterextremen, zum Beispiel Hitzeereignissen, Starkniederschlägen und Dürren, eine Zunahme der Ereignisse, der Andauern und der Intensitäten. Mit Hilfe von Projektionsergebnissen aus Klimasimulationen werten wir die statistische Eintrittswahrscheinlichkeiten für solche Ereignisse, sowohl für die Mitte wie auch das Ende des 21. Jahrhunderts, aus. Für beide Zeitfenster sehen wir hier eine signifikante Zunahme solcher Extremereignisse, bei den Temperaturen erwarten wir, dass Ereignisse wie der Juni 2019 Mitte des Jahrhunderts eher die Regel als die Ausnahme sein werden.

 

Was sind drei konkrete Maßnahmen, die die Politik angehen sollte?

Imbery: Eine Maßnahme wären intelligente Verkehrssysteme und mehr technische Möglichkeiten, um aus dem Benzin- und Dieselverkehr herauszukommen. Daraus folgen weitere Investitionen in die Forschung zu erneuerbaren Energiesystemen. Und als letztes ist es ganz wichtig, auf internationale Zusammenarbeit zu bauen, um technische Innovation möglichst breit umzusetzen. Klimaschutz ist das eine, Adaption das andere. Wir müssen uns zukünftig auch an den Klimawandel anpassen und unsere Städte und Infrastrukturen fit für die veränderten Bedingungen machen.

 

Zur Person

Dr. Florian Imbery ist Sachgebietsleiter in der Abteilung Klimaüberwachung des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Er ist 53 Jahre alt, hat Geographie und Klimatologie an der Universität Basel studiert und am Meteorologischen Institut der Universität Freiburg promoviert. Seit 2009 arbeitet er beim DWD im Bereich Klimaanalyse und Dokumentation der Klimaentwicklung in Deutschland.

 

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