Warum es hier so schwierig ist, eine Wohnung zu finden

Region  Wir haben unsere Leser gefragt, welche Schwierigkeiten sie bei der Wohnungssuche hatten. Fünf Punkte wiegen besonders schwer. Es sind Schilderungen von Verzweiflung und Resignation.

Von Julia Weller und Jens Dierolf
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Studenten suchen Wohnraum
Eine Suchanzeige hängt an einem schwarzen Brett. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Vor dem heutigen Auftakt unserer Serie zur Wohnungsnot hatten wir bei unseren Lesern nachgefragt, welche Erfahrungen sie bei der Suche nach einer Unterkunft in der Region gemacht haben. Etliche Leser haben sich gemeldet – mit zum Teil schockierenden Schicksalen.

Viele Alleinerziehende, Geringverdiener und Rentner trifft die angespannte Lage mit voller Wucht. Denn oft frisst die Miete einen großen Teil des Einkommens. Beim jüngsten bundesweiten Vergleich im Jahr 2010 lag die durchschnittliche Kaltmiete im Land laut Statistischem Bundesamt noch bei 6,46 Euro pro Quadratmeter. Von einem solchen Mietpreis sind heute die allermeisten Angebote weit entfernt.

Für unsere Artikelserie haben wir untersucht, wie es zu der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt gekommen ist und was die Kommunen dagegen unternehmen. Wir haben Stadtsoziologen und -planer interviewt und uns alternative Wohnkonzepte angesehen. Und wir haben die Fragen und Sorgen unserer Leser gesammelt. Einige Beispiele haben wir hier im ersten Serienteil zusammengetragen.

 

Wohnungsnot in Heilbronn
Viele Menschen leben in einer Wohnung, die entweder zu groß oder zu klein für die eigenen Bedürfnisse ist. Foto: Archiv/Veigel

1. Zu sechst in zwei Zimmern: Wohnungen in der falschen Größe

Oft finden Wohnungssuchende gar nicht zu wenige Angebote – sondern nur zu wenige in der für sie richtigen Größe. „Wir leben seit 17 Jahren in einer Zweizimmerwohnung der Stadtsiedlung und suchen seit mehreren Jahren nach einer größeren Wohnung, da wir inzwischen zu fünft und bald zu sechst sind“, schreibt Sabine S. aus Heilbronn. Die Familie sei auf der Suche nach Hilfe schon bei der Stadtsiedlung gewesen, beim Jugendamt und sogar beim Oberbürgermeister – ohne Erfolg.

Eine andere Leserin berichtet vom umgekehrten Problem: Sie wohnt seit sechs Jahren in einer unangemessen großen Dreizimmerwohnung, für die sie von ihrem Arbeitslosengeld II noch draufzahlen muss. Seit September wohnt die Frau alleine und braucht nun so schnell wie möglich eine kleinere Wohnung. „Sonst droht mir das Obdachlosenheim oder Mietschulden und Klagen“, schreibt sie.

1950 lebten laut Statistischem Landesamt in Baden-Württemberg in jeder Wohnung rund 4,5 Menschen. Im Jahr 2017 waren es durchschnittlich nur noch 2,1 Personen. Investoren reagieren mit dem Bau von kleinen Apartments. Große Wohnungen sind dagegen rar: „Unsere Familie musste sich aufteilen“, berichtet eine Stimme-Leserin. „Mein Sohn lebt bei der Oma, da wir keine Wohnung finden, in der wir alle Platz haben.“

 

Das Jagsttal bei Möckmühl. Hier gibt es noch günstigen Wohnraum. Foto: Archiv

2. Von wegen Landflucht: Nur dort ist es günstig

Not macht erfinderisch. Und zwingt zu Kompromissen. „Wir haben lange nach einer halbwegs bezahlbaren Wohnung in Weinsberg und Umgebung gesucht“, schreibt eine Frau. „Jetzt wohnen wir im Jagsttal – in einem Haus mit Garten.“ Modernisierte Drei-Zimmer-Wohnungen für weniger als sechs Euro Kaltmiete je Quadratmeter lassen sich im Jagsttal noch finden. In direkter Nähe zu Heilbronn sind neun Euro aufwärts inzwischen Standard.

Größer ist der Unterschied bei den Bauplätzen. 100 Euro je Quadratmeter Bauland waren es in Widdern im vergangenen Jahr, erzählt Kämmerer Mirko Weinbeer. Zum Vergleich: Im Weinsberger Neubaugebiet „Heilbronner Fußweg“ sind es aktuell 450 Euro. Das Jagsttal ist zu einer Alternative gerade für Familien geworden, die Platz suchen. Inzwischen sind selbst in Widdern die Baugrundstücke rar. Landflucht ist kein Thema mehr. Ganztagsbetreuung für unter Dreijährige gebe es und inzwischen auch einen kompleten DSL-Breitbandausbau. 20 bis 25 Minuten Fahrzeit nach Neckarsulm seien für Audi-Mitarbeiter eine Alternative. Im Berufsverkehr ist die Fahrtzeit von Weinsberg kaum kürzer.

Vor zehn Jahren hätten viele Leute in Widdern eine freie Wohnung bei der Gemeinde gemeldet, sagt Weinbeer. Inzwischen kämen hauptsächlich Bürger wegen eines Wohnungsgesuchs.

 

Kindertagesstätte
Kinderlärm ist zwar rechtlich geschützt - Vermieter können sich aber trotzdem gegen Familien entscheiden. Foto: dpa

3. Drei Kinder, keine Chance: Wenn Vermieter Familien benachteiligen

Wer Haustiere oder Kinder hat, hat es bei vielen Vermietern schwer – das berichten zahlreiche Stimme-Leser. „Meine Schwester und ihre Familie haben eineinhalb Jahre lang nach einer bezahlbaren Unterkunft gesucht“, schreibt eine Frau. Der Vermieter ihrer vorigen Wohnung habe ihnen mit den Worten gekündigt „Diese Gegend mag keine Kinder. Die Nachbarn beschweren sich, wenn Kinder draußen spielen.“ Und auch bei vielen Wohnungsbesichtigungen habe die fünfköpfige Familie Absagen wie diese bekommen: „Hätten Sie drei Hunde statt drei Kinder, hätten Sie bessere Chancen.“

Dabei entscheiden deutsche Gerichte bei Mietstreitigkeiten meistens familienfreundlich – Vermieter dürfen verschiedenen Urteilen zufolge nicht wegen Kinderlärm kündigen. Der ist sogar gesetzlich geschützt: Seit 2011 darf zum Beispiel in Kitas und auf Spielplätzen beliebig laut getobt werden. Vermieter dürfen nicht verhindern, dass Mieter nach ihrem Einzug nahe Familienangehörige wie Ehepartner und Kinder in die Mietwohnung aufnehmen. Allerdings dürfen sie sich vorher aussuchen, wem sie eine leerstehende Wohnung vermieten – und dabei einen Single einer Familie vorziehen.

Wie Kinder sind auch Haustiere oft ein Hindernis bei der Wohnungssuche. „Ich finde es furchtbar, dass inzwischen in fast jeder Anzeige ‚keine Haustiere’ gefordert wird“, schreibt ein Leser. Dabei dürfen Vermieter nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs Tiere nicht prinzipiell ausschließen. Kleintiere wie Hamster oder Fische dürfen auf jeden Fall ohne Genehmigung gehalten werden, egal was im Mietvertrag steht. Lediglich den Einzug von Hunden und Katzen können Vermieter mit sachlichen Gründen untersagen, unter Umständen auch andere Arten wie etwa Ratten.

 

Mietpreisbremse
Wer wegen Eigenbedarf eine Kündigung bekommt, findet seine alte Wohnung manchmal später auf Portalen wie Airbnb wieder. Foto: dpa

4. Zwangsräumung mit 70: Gegen Eigenbedarf vorzugehen, ist schwierig

Fred K. ist 70, wohnt seit neun Jahren in seiner Eppinger Wohnung – und steht nun vor der Zwangsräumung. Denn sein Vermieter kündigte ihm wegen Eigenbedarf. Ein Jahr lang ist Fred K. schon auf der Suche nach einer neuen, kleinen Wohnung. „Ich habe schon alles versucht: Makler, Zeitungen, Facebook, Ebay. Viele Freunde und Bekannte schauen sich ohne Erfolg um. Ich war auf dem Rathaus, auch nichts.“

Ähnlich geht es auch anderen Stimme-Lesern, sogar zwei Schwangere berichten von ihrer Not. „Wo soll ich dann bloß hin mit meinem Kleinkind? Das lässt einen verzweifeln“, schreibt eine Frau aus Ilsfeld. Auf dem Markt finde die bald Alleinerziehende nichts Bezahlbares. Eine andere Familie zieht demnächst gegen eine Eigenbedarfskündigung vor Gericht – in der Hoffnung, die Schwangerschaft der Frau werde als Härtefall anerkannt. Dann könnte die Familie noch eine Weile in ihrem jetzigen Zuhause bleiben. „Es ist eine Katastrophe, dass man keine Wohnung findet“, schreibt die Frau an die Stimme.

Eigenbedarfskündigungen sind nur zulässig, wenn der Vermieter die Wohnung tatsächlich für sich selbst, enge Verwandte oder andere Personen aus seinem Hausstand benötigt. Eine Kündigung wegen Eigenbedarfs und die anschließende Vermietung der Wohnung an Urlauber, zum Beispiel über Airbnb, ist verboten.

 

Die Höhe der Mieten kann Existenzen bedrohen. Foto: Jens Kalaene/dpa

5. 1450 Euro Lohn, 1000 Euro Miete: Wenn der Wohnungsmangel Existenzängste auslöst

„Wie soll eine alleinerziehende Mutter für eine Drei-Zimmer-Wohnung 800 bis 1000 Euro kalt bezahlen?“, fragt eine Leserin. Netto blieben ihr 1450 Euro von ihrem Lohn. Zu viel, um einen Wohnberechtigungsschein zu erhalten, schreibt sie und klagt: „Der Staat unterstützt lieber Leute, die nicht arbeiten.“ Auch Vermieter würden immer unverschämter. „Sie verlangen für eine Drei-Zimmer-Wohnung mehr als vor fünf Jahren für ein ganzes Haus.“

Ein junges Paar (beide 25) ärgert sich: „Die Preise sind einfach teilweise viel zu hoch und die Wohnknappheit wird schlichtweg ausgenutzt.“ Eine moderne Drei-Zimmer-Wohnung ab 80 Quadratmetern koste oft mehr als 1000 Euro warm, 1200 Euro seien keine Ausnahme. Eine Wohnung zum passenden Zeitpunkt zu finden, sei kaum möglich. So drohten doppelte Mietzahlungen. 

Eine Mutter schreibt, sie suche für ihren Sohn. Für Lehrlinge seien die aktuellen Mieten kaum mehr zu bewältigen. Auf Bewerbungen bekomme sie überhaupt keine Antwort. Und die Wartezeit auf eine Wohnung bei der Stadtsiedlung betrage drei Jahre.

Wer die Wohnungsangebote mit den aktuellen Mietspiegeln vergleicht, kommt schnell zu dem Schluss: Viele Offerten sind rein rechtlich gar nicht zulässig. Denn gemäß der Mietpreisbremse, die in Heilbronn und Neckarsulm gilt, darf bei einem Wechsel die Miete höchstens zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Ausnahmen sind unter anderem neuere, möblierte oder umfassend renovierte Wohnungen. In der Praxis bleibe die Mietpreisbremse ein „stumpfes Schwert“, sagt Thomas Hille von der Stabsstelle Stadtentwicklung. Im Klartext: Der Mieter müsste juristisch gegen den Vermieter vorgehen.

 

Weitere Stimmen unserer Leser zum Wohnungsmangel

„Man liest Todesanzeigen und fragt die Hinterbliebenen , ob das Haus vermietet wird.“

„Meine Gemeinde sagt mir, ich hätte hier keine Chance, eine Wohnung zu finden.“

„Richtig frustrierend: Man muss alles offenlegen, das ist demütigend.“

„Auf dem Buga-Gelände entsteht neuer Wohnraum – jedoch nur für die Wohlhabenden.“

„Gehören sozial schwache Familien nicht mehr zum Stadtbild? Möchte man sie weghaben?“

„Wen stört denn eine Wohnungskatze, die noch nie ein Pfötchen vor die Tür gesetzt hat? Manche setzen daher ihr Tier vor die Tür. Kein Wunder, dass Menschen vereinsamen.“

„Die Ansprüche der Vermieter: Man braucht einen Festvertrag, muss Single sein.“

 


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