Warum die Judenfeindlichkeit zunimmt

Eppingen  Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes, sieht auch in den neuen Medien eine Ursache für neu aufkeimenden Judenhass. Dieser betreffe nicht nur Juden, sondern alle, sagte er bei einem Vortrag in Eppingen.

Von Christine Faget
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Warum die Judenfeindlichkeit zunimmt

Das Judentum basiert auf einer langen Tradition von Bildung und Alphabetschrift. Auch deshalb müssten Juden immer wieder als Feindbild herhalten, meint Michael Blume.

Foto: dpa

Auf einmal war der Judenhass auch in Eppingen sehr konkret, erinnert sich Janis Kohde, der das Hartmanni-Gymnasium besucht. Im vergangenen Jahr hatten antisemitische Kommentare in der Abi-Zeitung für Aufruhr gesorgt. Sonst sei das Phänomen im Kraichgau eher abstrakt, sagt der 17-Jährige in der Diskussion mit Dr. Michael Blume.

Der Landesbeauftragte für Antisemitismus hat eine Erklärung dafür, warum die Judenfeindlichkeit zunimmt. Im evangelischen Gemeindehaus in Eppingen stellt der 42 Jahre alte Religionswissenschaftler außerdem klar: Die Angriffe betreffen keineswegs nur Juden. Sondern uns alle. Zum Beispiel auch Angela Merkel oder Emmanuel Macron, die in bestimmten Netzwerken als Juden beschimpft werden. "Wenn Antisemiten keine Juden haben, die sie als Verantwortliche heranziehen können, dann benennen sie welche", begründet Blume.

Warum Juden oft als Feindbild herhalten müssen

Doch warum müssen ausgerechnet Juden so häufig als Feindbild herhalten? Das Wort Antisemitismus beziehe sich auf den biblischen Sem, holt Blume zur Erklärung aus. Sem sei ein Vorfahr von Abraham, auf den sich die Juden als Stammvater berufen. Und: Dem Talmud zufolge sei Sem der erste gewesen, der eine Schule errichtet habe. Zum ersten Mal sei das Ideal entstanden, dass die ganze Menschheit lernen soll, sagt Blume. "Das ist diese große Tradition der Bildung. Deswegen richtet sich der Hass immer wieder gegen Juden."

Auch, um zu erklären, warum der Antisemitismus wieder zunimmt, muss Blume ausholen. Er hat sich angeschaut, wann in der Geschichte Juden besonders verfolgt wurden und festgestellt: "Immer dann, wenn ein neues Medium aufgetreten ist, hat es die Welt erschüttert." Als der Buchdruck erfunden wurde, habe Martin Luther die Bibel und seine 95 Thesen verbreiten können - aber auch Schriften zur "Judensau" von Wittenberg. "Das ist so schlimm, dass man sich schämt", bemerkt der Antisemitismusbeauftragte des Landes. Als das Radio erfunden wurde, hätten es die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler als Volksempfänger benutzt - und auf diesem Weg ihre feindseligen Parolen verbreitet.

Mit drei Klicks in einem antisemitischen Netzwerk

Mit der Entwicklung der neuen Medien wie Twitter, Youtube und Co tauche nun das nächste Phänomen auf. "Wenn jemand beispielsweise glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist, dann klickt er sich von einem Video zum nächsten." Wer sich ein Feindbild suche, sei mit drei Klicks in einem antisemitischen Netzwerk, sagt Blume. Die Feindseligkeit wende sich niemals nur gegen Juden, sondern bedrohe die ganze Gesellschaft.

Zwar sieht Blume in seinem Vortrag die neuen Medien mit als eine Ursache für den aufkeimenden Antisemitismus. Gleichzeitig mahnt er: "Einfach zu sagen, dann machen wir bei den neuen Medien halt nicht mir, ist auch keine gute Idee." Für Michael Blume liegt eine Lösung in der Politik vor Ort. Auch deshalb ist er der Einladung von Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch nach Eppingen gefolgt.

Es sei wichtig, dass man mit seinem Amt als Antisemitismusbeauftragter zu den Menschen in die Fläche gehe, findet er. "Wir werden den Antisemitismus dann besiegen, wenn jeder an seiner Stelle damit anfängt", ist sein Appell.


Buch zum Thema: Michael Blume: "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht", Patmos Verlag, 208 Seiten, 19 Euro. 

Zur Person: Dr. Michael Blume ist 1976 in Filderstadt geboren. Der Religionswissenschaftler und Buchautor ist seit März 2018 Antisemitismusbeauftragter des Landes. 2014 leitete er die Mission „Sonderkontingent Nordirak“ bei der 1100 jesidische Frauen und Mädchen aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg geholt wurden, unter ihnen auch die spätere UN-Botschafterin Nadia Murad.

 

 

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