Warum der Neckartalradweg ein hohes Geländer bekommen hat

Lauffen  Stadt und Planer verteidigen die 1,30 Meter hohe, massive Absturzsicherung am Flussufer des Neckartalradwegs.Vorgaben kommen von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen.

Von Friedhelm Römer

Vorfahrt für die Sicherheit

An dem massiven Stahlgeländer entlang des Neckartalradwegs bei Lauffen scheiden sich die Geister. Doch eine Vorschrift lässt kaum einen Spielraum.

Foto: Mario Berger

 

Das massive, 1,30 Meter hohe Stahlgeländer am Neckar ist nicht zu übersehen. Es dient als Absturzsicherung auf dem im Spätherbst fertiggestellten 1,5 Kilometer langen, asphaltierten Teilstück des Neckartalradwegs von Lauffen bis hinter die Talheimer Gemeindegrenzen. Doch die Konstruktion kommt nicht bei allen Bürgern gut an.

"Ist das wirklich notwendig, die Sicht auf den Neckar so zu verschandeln?", fragt Bernd Lange aus Talheim und hält "eine solch massive Absicherung für stark übertrieben". Und der Lauffener Ulrich Bleck fragt nach einer Richtlinie für dieses Geländer.

Einzige Alternative

Lauffens Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger ist zwar auch kein Freund dieser massiven Konstruktion. "Die einzige Alternative wäre gewesen, gar nicht zu bauen. Wir sehen diesen Radweg jedoch als Infrastrukturmaßnahme, die für die Region wichtig ist."

Der Neckartalradweg zählt zu den besonders beliebten touristischen Routen im Land und führt über 366 Kilometer von Villingen-Schwenningen bis nach Mannheim. Für die Strecken, an denen nicht gebaut wird, gilt der Bestandsschutz. Dort bleibt also ungeachtet der Flussnähe alles wie gehabt und der Blick auf die Natur ungetrübt.

Der hiesige Lückenschluss ist 3,5 Kilometer lang und führt durch das Betriebsgelände von Märker Zement. Knapp 20 Jahre hat es gedauert, bis eine Lösung gefunden wurde. Bisher mussten die Radler den Umweg samt eines satten Anstiegs von Lauffen über Nordheim nach Heilbronn in Kauf nehmen.

Absturzsicherung ist Pflicht

Vorfahrt für die Sicherheit

So sah das Teilstück am Neckar zwischen Lauffen und Horkheim früher ohne Geländer aus. Da war es noch kein klassifizierter Radweg.

Foto: Archiv/Veigel

 

"95 Prozent von dem, was jetzt steht, ist von außen vorgeschrieben", sagt Waldenberger. Der mit dem Projekt beauftragte Ingenieur Thomas Kistinger bestätigt die Aussage des Bürgermeisters. "Wir brauchen dort eine Absturzsicherung mit einer Höhe von 1,30 Meter." Eine solche Sicherung sei ab einer Absturzhöhe von 50 Zentimetern vorgeschrieben. Selbst die Bauarbeiter mussten angeseilt arbeiten.

Lediglich das Material des Geländers sei flexibel, eine Holzkonstruktion wäre möglich gewesen. "Das sieht dann nicht so sehr wie ein Fremdkörper aus", gibt Kistinger zu. Andererseits habe das Wasser- und Wirtschaftsamt auf das Thema Hochwasser hingewiesen. "Im Fall von großem Treibgut würde das Holzgeländer dann schnell weggerissen werden", so der Ingenieur aus Öhringen.

Steilhänge und Fluss beengen den Radweg

Die Vorgaben für den Radwegbau macht die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Sie lässt kaum einen Gestaltungsraum. Im Normalfall fordere sie eine Mindestbreite von drei Metern. Hier sind es nur 2,50 Meter und ein Ausnahmefall. Eine breitere Lösung war jedoch nicht möglich, weil es auf der einen Seite von steilen Weinbergen, auf der anderen vom Neckar begrenzt ist.

Viele Jahre hatte sich auf diesem 1,5 Kilometer langen Teilstück überhaupt nichts getan. Früher war es zwar ein beschilderter, aber kein offizieller Radweg. Der damalige Landrat Klaus Czernuska habe einen Eingriff für schwierig erachtet, weil der Weg direkt am Naturschutzgebiet entlangführt, so Waldenberger. Erst sein Nachfolger Detlef Piepenburg habe den Aspekt von Radtourismus und Berufspendlern höher bewertet und dazu beigetragen, den Weg für einen Lückenschluss freizumachen. Heute ist die Strecke ein familientauglicher Weg, der zum baden-württembergischen Radnetz zählt, auf dem auch landwirtschaftlicher Verkehr unterwegs ist. Die Kosten für den Bau des 1,5 Kilometer langen Teilstücks beziffert Planer Kistinger auf rund 260 000 Euro.

Vorgaben

Die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) ist ein deutscher gemeinnütziger technisch-wissenschaftlicher Verein mit Sitz in Köln. Wesentliche Aufgaben sind die Aufstellung und Fortschreibung von Richtlinien und Empfehlungen für Straßenbau, Straßenverkehrstechnik und Verkehrsplanung. Die FGSV betreut in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie der Bundesanstalt für Straßenwesen Forschungsvorhaben aus dem Bereich des gesamten Verkehrswesens. 

 

Hoffnung

Kommentar: Hoffnung

Auf diesen Anblick möchten Radfahrer gerne verzichten. Ein 1,30 Meter hohes, kilometerlanges Stahlgeländer, das einem ein wenig die Freude nimmt, mitten in der Natur zwischen Weinbergen und Fluss zu radeln. Auf die Vorstellung, sich über mehrere hundert Kilometer neben einem solchen Fremdkörper zu bewegen, möchte man sich erst recht nicht einlassen. Und über die Optik darf gerne gestritten werden.

Allerdings ist die Stadt Lauffen nur dann Ansprechpartner für Kritik, wenn man sich generell gegen einen Radwegausbau ausspricht. Dass sie sich an die Vorschriften hält, ist ihr jedenfalls nicht vorzuwerfen. Das muss sie sogar.

Nur zur Erinnerung: Vor dem Ausbau war dies jahrzehntelang ein Schotterweg und alles andere als eine attraktive Strecke − weder kinderfreundlich noch für Inlineskater und Rennradfahrer geeignet. Insofern hat der nun asphaltierte Weg deutlich an Qualität gewonnen und ist für eine breitere Masse interessant geworden. Dies wird sich zeigen, sobald die Freiluftsaison beginnt.

Radfahrer werden darüber hinwegkommen, dass seit dem vergangenen Spätherbst auf dem Neckartalradweg über diese alles in allem überschaubare Strecke von eineinhalb Kilometern ein Stahlgeländer steht. Es bleibt die Hoffnung, dass der Bestandsschutz auf dem restlichen Neckartalradweg noch so lange wie möglich gilt.

Ihre Meinung? friedhelm.roemer@stimme.de