Vor weiterem Flächenverlust gewarnt

Heilbronn  Bei Felderrundfahrt mahnende Worte zur Versiegelung von Agrarflächen. Wird bald der Import von heimischen Nahrungsmitteln eine Konsequenz sein?

Von Carsten Friese
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Nach dem idyllischen Flair einer Felderrundfahrt mit geschmückten Traktoren, Sonnenschirmen und Gästen mit Strohhüten auf den Wägen stehen die mahnenden Worte danach in einem starken Kontrast: Als „bedenklich“ stuft Hermann Hagner, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Neckargartach, die Entwicklung in dem wichtigen Wirtschaftszweig im Ort ein. 1965 habe es 46 zahlende Mitglieder im Verein gegeben, heute noch vier, davon drei über 60. 1970 habe es 39 Milchlieferanten im Stadtteil gegeben, heute keinen mehr. Mit der Rundfahrt wolle man zeigen, dass der Beruf auch dazu dient, Kulturlandschaft zu erhalten.

Vorranggebiete Landwirtschaft als Vorschlag

Zusammen mit den Freien Wählern Heilbronn hat der Landwirtschaftsverein die gut 90-minütige Felderrundfahrt Richtung Böllinger Höfe organisiert. In Hagners Feldscheune gibt es danach bei kühlen Getränken, Steaks und Grillwurst einen besonderen Nachtisch. Jan Schwarting, Geschäftsführer des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, klärt in einem Diavortrag über Ausgleichsflächen und Ökokonten auf. Auf seine Zahlen über immer weiter zurückgehende Landwirtschaftsflächen (siehe Hintergrund) folgt eine deutliche Mahnung.

Wenn der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehrsflächen so weiter gehe, „kommt irgendwann der Tag, an dem wir bei landwirtschaftlichen Produkten von Importen abhängig sind“. Der Wert solcher Flächen sei vielen Menschen nicht klar, man müsse Freiflächen „besser sichern“, zum Beispiel durch Vorranggebiete Landwirtschaft. Sonst wäre die Konsequenz, dass verbleibende Flächen immer intensiver genutzt würden.

Blumenwiesen angelegt zischen den Äckern

Auch das vieldiskutierte Insektensterben ist in dem Berufszweig ein großes Thema. Kritik an einer Mitschuld der Landwirte durch intensiven Pestizideinsatz wird immer wieder laut. „Wir machen viel für Insektenschutz“, sagt Hagner, verweist auf Ackerrandstreifen und neuerdings Blumenwiesen, die zwischen den Feldern angelegt werden. Insgesamt seien es rund drei Hektar. „Wir leben doch auch von den Insekten, ohne Bestäubung gibt es keine Pflanzen.“ In diesem Jahr haben die Landwirte erstmals eine „Honig-Blütenmischung“ gesät. Mitte Juli werden die Blumen dort blühen. Hagner sieht sich nicht nur als Agrarproduzent. „Wir sind auch Naturerhalter.“

Gutes Gefühl bei deutschen Produkten

Für Freie-Wähler-Vorsitzenden Stefan Fiebig waren die Informationen auf der Felderrundfahrt aufschlussreich. Welche Ausmaße Ausgleichsflächen bei Audi ausmachen, hat ihn überrascht. Und vom Höhenweg habe man einen „wunderschönen Blick auf ganz Heilbronn“.

Rundfahrt-Gast Adolf Mack ist dafür, dass nicht mehr so großzügig Landwirtschaftsflächen abgegeben werden sollten. Wenn er Nahrungsmittel aus Deutschland kaufe, habe er „ein gutes Gefühl“.

Uwe Zeggel erkennt keinen großen Sinn in Ausgleichsmaßnahmen für versiegelte Flächen wie bei Audi, wenn weit auseinander stehende Obstbäume gepflanzt und Froschteiche angelegt werden. Dieses Gelände liege danach doch eher brach, wiege Getreideflächen nicht auf. Auch die Preisentwicklung für Landwirtschaftsprodukte sieht er kritisch, vor allem für die Landwirte selbst. Lebensmittel seien zu billig, es müssten höhere Preise verlangt werden. In Italien oder Frankreich, vergleicht er, „kostet der Liter Milch an die zwei Euro“.
 

3,5 Hektar pro Tag weniger

Im Schnitt gehen täglich bundesweit 61 Hektar Ackerflächen verloren, etwa die Größe von 92 Fußballfeldern, stellte Bauernverband-Geschäftsführer Jan Schwarting nach der Felderrundfahrt fest.   In Baden-Württemberg sei der Rückgang 3,5 Hektar pro Tag, für Schwarting ebenfalls ein erheblicher Wert. Im Stadtkreis Heilbronn ist die landwirtschaftliche Fläche nach seinen Zahlen von 4770 (1991) auf 4118 Hektar (2016) gesunken. Dies ging nicht nur auf das Konto von Siedlungen und Verkehrsflächen, sonder auch auf eine Zunahme der ausgewiesenen Schutzflächen in der Landschaft. 

 


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