Vor 30 Jahren begann die Abrüstung auf der Waldheide

Heilbronn  Am 1. September 1988, dem Antikriegstag, wurden die ersten Atomraketen von der Waldheide abgezogen. Heute um 18 Uhr findet eine Gedenkfeier an der Ehrenhalle im Rathausinnenhof statt.

Von Kilian Krauth
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Vor genau 30 Jahren wurden auf der Waldheide die ersten neun von insgesamt 40 Pershing-II-Atomraketen der Verschrottung zugeführt.

Foto: Archiv/Eisenmenger

Zwei Ereignisse haben sich tief ins kollektive Bewusstsein der Heilbronner eingegraben: die Zerstörung der Stadt am 4. Dezember 1944, also am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Und das Pershing-Unglück, bei dem am 11. Januar 1985 auf der Waldheide der Motor einer Atomrakete explodierte - und die Region knapp einer Katastrophe entging. Heilbronn stand damals, auf dem Höhepunkt des sogenannten Kalten Krieges, im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit.

40 Pershing-II-Raketen wurden abgezogen

Was vielen Menschen in der Region heute weniger bewusst ist: "Ein Hauch von Weltgeschichte", so schrieb die Heilbronner Stimme damals, umwehte die Stadt auch, als Ende der 1980er Jahre politisches Tauwetter einsetzte, an dessen Ende der Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs zwischen Ost- und Westeuropa stand.

Am 1. September 1988, also an diesem Samstag vor 30 Jahren, wurden die ersten neun von insgesamt 40 Pershing-II-Raketen vom US-Fort Redleg auf der Waldheide abgezogen. Erstmals wurden damals in Mitteleuropa Mittelstreckenraketen verschrottet, oder konkret: Die Abschussrampen kamen nach Frankfurt, die atomaren Waffenteile über Ramstein - wo kurz zuvor Düsenjäger bei einer Flugschau kollidiert waren - in die USA.

Der Antikriegstag ist Anlass einer Gedenkfeier

Der 1. September war mit Bedacht gewählt. Er ist der Antikriegstag, wobei das Datum auf den Einmarsch der Wehrmacht 1939 nach Polen Bezug nimmt - und damit unter der Parole "Nie wieder Krieg!" auf den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nimmt den Antikriegstag zum Anlass für eine Gedenkfeier, die diesen Samstag um 18 Uhr an der Ehrenhalle im Rathausinnenhof beginnt.

Bei Mitgliedern der Friedensbewegung dürften dabei auch Erinnerungen an den 1. September 1988 wach werden. Mancher mag sogar dabei gewesen sein und ein Transparent gehalten haben, als sich an jenem Donnerstag um 9.59 Uhr die Tore öffneten und ein erster Konvoi Richtung Autobahn abbog, flankiert von US-Soldaten, aber auch von deutschen Polizisten, Journalisten und nicht zuletzt von sowjetischen Kontrolleuren.

Der Einstieg in die Abrüstung

Erst neun Monate zuvor hatten im Dezember 1987 die damals mächtigsten Männer der Welt den Weg dafür frei gemacht: US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow unterzeichneten das INF-Abrüstungsabkommen. Jahrelang hatte die erbitterte innenpolitische Auseinandersetzung über den Nato-Doppelbeschluss die Bevölkerung gespalten.

1990 war die Waldheide frei von Pershing-Raketen. 1991 zog die US-Army ab, das Areal ging an den Bund, der es der Stadt verkaufte. Im Laufe der 1990er hat sich die Natur die Heide zurückerobert.

 


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