Viehtransporte sollen ausgebremst werden

Region  Eine Wüstenroterin reiht sich ein in die Front der Tiertransport-Gegner. Mit einer Petition wollen die Tierschützer Druck auf die Politik ausüben und Verbesserungen für Rinder, Schweine und Co. erreichen. Geplant ist auch eine Großkundgebung.

Von Reto Bosch

Strapazen für Millionen Rinder und Schweine

Nutztiere werden oft über große Strecken transportiert. Das kann Stress verursachen.

Foto:dpa

 

Ihr letzter Weg ist für viele Nutztiere oft der längste. Auf dem Weg zum Schlachthof legen sie häufig große Strecken zurück, zuweilen sind es Tausende Kilometer. Diese Transporte sind strapaziös, nach Ansicht von Tierschützern sehr oft sogar mit Qualen verbunden. Petra Kletzander aus Wüstenrot kämpft gegen solche Tiertransporte.

Das Bündnis Mensch-Fair-Tier hat in allen Bundesländern eine Petition gestartet, die Unterzeichnungsfrist endet diesen Samstag. "Die Petition wird zeitgleich an alle Petitionsausschüsse der Landtage und des Bundestags übergeben", sagt Kletzander. Doch die Tierschützer sind nicht allein. Grüne und FDP haben parlamentarische Initiativen gestartet, um Schlacht-, Nutz- und Zuchttieren zu helfen.

Dokumentation mit grausamen BIldern

Petra Kletzander gehört zu den Gründerinnen von Mensch-Fair-Tier. "Eine Dokumentation im Fernsehen hat mir im November 2017 vor Augen geführt, wie grausam Tiertransporte sind." Das Thema lässt der Wüstenroterin keine Ruhe, vor einem halben Jahr schließlich erblickt das Aktionsbündnis das Licht der Welt. Rund 30 Aktive wollen deutschlandweit Verbraucher aufklären und Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse nehmen. Die aktuelle Petition wendet sich konkret gegen Nutztiertransporte aus Deutschland in EU-Staaten und EU-Drittländer. Akzeptabel seien nur Transporte innerhalb Deutschlands, wenn Rinder, Schweine und Co. maximal vier Stunden über die Autobahnen rollen. Ende der Woche lagen knapp 10.000 Unterschriften vor. Für ein kleines Bündnis ein gutes Ergebnis, findet Petra Kletzander.

Der Deutsche Tierschutzbund fordert ebenfalls eine radikale Abkehr von der bisherigen Praxis. Insgesamt würden jährlich etwa vier Millionen Tiere in Länder außerhalb der EU gebracht, oft über mehrere Zwischenstationen. Die Nutztiere würden beispielsweise in Deutschland geboren, in Osteuropa aufgezogen und anschließend in die Türkei gefahren.

Mehr zum Thema: Die Bundestagsfraktion der Grünen setzt sich mit einem parlamentarischen Antrag für eine Begrenzung von Tiertransporten ein. Demnächst wird darüber abgestimmt

 

Tierschutzbund spricht von unerträglichee Enge, Durst und Verletzungen

Der Tierschutzbund bezweifelt auch, dass als Zuchttiere ausgewiesene Rinder tatsächlich zu diesem Zweck ins EU-Ausland gebracht werden. Am Zielort landeten die Tiere früher oder später im Schlachthof. Innerhalb der Europäischen Union gehen nach Zahlen des Tierschutzbundes jedes Jahr mehr als 350 Millionen Schweine, Rinder oder Schafe auf die Reise. "Die Tiere leiden unter der unerträglichen Enge, unter Hitze oder Kälte, quälendem Durst und verletzungsbedingten Schmerzen", schreibt die Tierschutzorganisation.

Ruhe- oder Melkzeiten würden meist unzureichend oder überhaupt nicht eingehalten. Und: Außerhalb der EU seien Gesetze maßgebend, die das Wohlbefinden der Tiere noch weniger schützten. Lebendtiertransporte in EU-Drittländer müssten unterbleiben, Gesamt-Fahrtzeiten dürften national vier Stunden, international acht Stunden nicht überschreiten.

Aber wie ist die Lage auf Deutschlands und Europas Straßen? Einblick gibt die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Fraktion. Diese geht davon aus, dass es bei Langstreckentransporten zu "systematischen Missachtungen der Tierschutzanforderungen kommt". Grundsätzlich bestätigt die Bundesregierung dies nicht. Bei Transporten von Tieren über die türkisch-bulgarische Grenze sei sie aber der Ansicht, dass ein besonders Risiko besteht, dass Vorschriften nicht eingehalten werden - vor allem im Sommer bei hohen Temperaturen. Dazu kommt, dass die türkischen Grenzkontrollen mehrere Stunden dauern, ein aktueller Bericht der europäischen Kommission spricht in Extremfällen von Wartezeiten von Tagen oder sogar Wochen.

Lange Transportzeiten für Tiere

Allein aus Deutschland wurden im vergangenen Jahr 11.200 Rinder, 354.000 Schweine und 167.000 Geflügeltiere in Schlachthöfe anderer EU-Staaten gebracht. Ein anderes Beispiel: 2017 wurden aus Deutschland 644.000 Kälber in andere EU-Länder exportiert. Sie dienen Nutz- oder Zuchtzwecken. Die Transporte von Schlachtvieh in EU-Drittstaaten ist 2017 gesunken. Laut Bundesregierung waren es nur noch 64 Schlachtrinder. Dafür mussten aber beispielsweise mehr als 30.000 Zuchtrinder den langen Weg in die Türkei auf sich nehmen. Als durchschnittliche geplante Transportdauer dorthin gibt die Bundesregierung 103 Stunden an. Tatsächlich kann die Fahrtzeit deutlich höher ausfallen.

Kontrollen finden nur stichprobenartig statt. In Baden-Württemberg prüften Polizei und Veterinäre im Jahr 2016 rund 8500 Langstreckentransporte von Rindern. Nach Auskunft des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums lagen in mehr als 110 Fällen tierschutzrelevante Verstöße vor, in 33 Fällen wurde ein Bußgeld verhängt.

Petra Kletzander hofft nun darauf, dass die Anträge von Grünen und FDP, die Langzeittransporte vorerst stoppen wollen, Erfolg bringen. Druck üben die Tierschützer am 29. September in Köln aus. "Zu einer von uns mitorganisierten Großkundgebung erwarten wir mehr als 1000 Besucher", sagt die Wüstenroterin. Und sie betont, dass die Petition auch am heutigen Samstag noch unterzeichnet werden kann (www.mensch-fair-tier.de; weact.campact.de).

 


 

Mehr Schutz

Mehr Schutz
Ein Kommentar von Reto Bosch

Eines der grausamsten Beispiele für eine fehlgeleitete Landwirtschaftspolitik verbirgt sich hinter dem Begriff "Herodes-Prämie". Bis ins Jahr 2000 bekamen Bauern von der EU Geld dafür, wenn sie neu geborene Kälber in bestimmte Länder karren und dort töten ließen. Damit wollte die Union die zu niedrigen Fleischpreise stützen. Viele Tiertransporte waren die Folge. 

Heute wäre diese systematische Vernichtung von Säugetieren kaum noch vorstellbar. Zu sehr hat sich der Tierschutzgedanke bei Landwirten, Politik und Öffentlichkeit verankert. Gebessert hat sich auch die Situation auf den Autobahnen. Die Transporter wurden fortentwickelt, Vorschriften verschärft.

Und trotzdem liegt noch vieles im Argen. Die geltende Rechtslage gleicht in manchen Teilen einem zahnlosen Tiger. Es fehlen beispielsweise detaillierte Begrenzungen für Gesamt-Fahrtzeiten. Vier Stunden national, acht Stunden international − diese Forderung klingt nach einem sinnvollen Kompromiss zwischen wirtschaftlichen Zwängen und Tierschutz. Dass Transporter an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei manchmal Tage verbringen müssen, ist jedenfalls inakzeptabel. Drittländer, in denen zu laxe Schutzstandards gelten, müssen aus den Navigationsgeräten der Lastwagen verschwinden.

Warum sind überhaupt so viele Nutztiere auf der Straße unterwegs? Weil auch die Landwirtschaft arbeitsteilig vorgeht. In Betrieb A kommt ein Tier zur Welt, in Betrieb B wird es gemästet, in Schlachthof C verarbeitet. Und die Wege in die Schlachthöfe sind gewachsen. Nicht zuletzt wegen strengeren Hygienevorgaben ist die Zahl der Metzgereien auf dem Land geschrumpft. Enormer Kostendruck hat bei den Fleischerzeugern zu einer Konzentration geführt. Eine Vollbremsung ist überfällig: Keine Schlachtviehtransporte ins Ausland mehr. Fleisch kann tiefgekühlt verreisen.

Ihre Meinung? reto.bosch@stimme.de