Vesperkirchen - ein Angebot für Leib und Seele

Region  Neben einer warmen Mahlzeit gibt es bei Vesperkirchen in Öhringen und anderswo in der Region Gemeinschaft und Unterhaltung. Manchmal kommen 50 Leute, manchmal über 100 - von denen viele einfach jemanden zum Reden suchen. Jeder gibt für das Essen, was er kann.

Von Yvonne Tscherwitschke

Vesperkirchen - ein Angebot für Leib und Seele.

Es ist kurz vor elf Uhr. In einer Stunde kommt in der Spitalkirche in Öhringen die Suppe auf den Tisch. Obwohl noch einige Zeit ist bis dahin, füllt sich der Eingangsbereich von Minute zu Minuten. Immer mehr Jacken und Mäntel hängen an den Haken. Darunter stehen Rollatoren in Reih und Glied. Überwiegend ältere Menschen nehmen an den Tischen Platz.

Es sind ganz verschiedene Menschen hier, die während der zwei Wochen Einkehrkirche die Gelegenenheit nutzen, gegen eine kleine Spende ein Mittagessen zu bekommen. Vorzugsweise Frauen kommen in die Spitalkirche, hat Andrea Stengl beobachtet. Sie ist seit 18 Jahren im Küchenteam, seit 20 Jahren gibt es die Einkehrkirche.

Manche kommen, weil das Geld nicht reicht, andere suchen Gemeinschaft

"Frauen trauen sich mehr", hat sagt Andrea Stengl. Und: Viele überleben ihre Männer. Heute sind um die 70 Menschen da, am Montag waren es 120. Nicht alle kommen, weil am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist. Viele kommen, weil sie die Gemeinschaft schätzen. "Alle haben ein Bedürfnis, aber halt unterschiedlich", sagt Andrea Stengl. Deshalb sitzen immer die gleichen Menschen beisammen. Heute vermisst sie den Senior vom Eckhaus. "Er sitzt immer bei den Damen aus der Residenz", erklärt sie. "Aber in dem Alter kann immer mal jemand sterben."

Sieben Wochen lang gibt es in der Stuttgarter Vesperkirche Suppe, medizinische Versorgung, Ruhe, Gespräche, Haare schneiden, Berufsberatung und eine Spielecke für Kinder. 900 Ehrenamtliche helfen dort. Kleiner ist die Zahl der Ehrenamtlichen in Eppingen, die immer montags Menschen verköstigen. In der Heilbronner Nikolaikirche heißt es Seelenschmaus.

 

Ein Leben lang auf sich selbst gestellt

Vesperkirchen - ein Angebot für Leib und Seele
Elisabeth Geier kommt in die Spitalkirche wegen der Gemeinschaft - sie freut sich auf das Reden und das Singen. Foto: Yvonne Tscherwitschke

Elisabeth Geier (90) wärmt ihre Hände an der Tasse. Draußen ist es heute kalt. „Aber eine halbe Tasse reicht mir“, sagt die kleine Frau mit den wachen Augen. Mit ihrem warmen blau-weiß-melierten Wollpullover und der kuschligen Stoffhose sitzt sie am Tisch und hält mit ihrem Stock den Platz neben sich frei. „Die Monika kommt noch“, sagt Elisabeth und erzählt, dass die „viel Jüngere“ sich um sie kümmere, ihr bei Besorgungen helfe und sie abhole.

Elisabeth lebt allein in ihrer Wohnung im Öhringer Süden. So, wie sie es gewohnt ist. „Ich war schon immer allein, hab keine Kinder“, erzählt sie. Und keinen Mann. „Hab keinen gefunden.“ Dabei war sie früher sicher eine attraktive Frau. Noch heute geht eine große Anziehungskraft von ihr aus. Trotz ihres hohen Alters verströmt sie Energie und Lebenslust. Keine Zeit habe sie früher für einen Partner gehabt, habe nach der Flucht immer arbeiten müssen. Lange Jahre war sie an der Schleifmaschine.

Schwester und den Vater nach dem Krieg in Hohenlohe wieder gefunden

Aus Rumänien ist sie gekommen, hat in Hohenlohe wieder die Schwester gefunden, die nach Russland verschleppt worden war. Nach über 20 Jahren haben sie dann auch den Vater wieder gefunden. Der Krieg hat ihr Leben geprägt, sagt Elisabeth. Hat sie stark gemacht, auch jetzt, für das Alleinsein. Sie kommt klar. Die Bushaltestelle ist ganz nah am Haus. So kann sie in die Innenstadt, selbst ihre Dinge erledigen. Jeden Tag kocht sie selbst, wenn sie nicht zur Einkehrkirche geht. „Aber nicht so viel, Suppe meist“. Schweres ist ihr Magen nicht mehr gewöhnt.

So isst sie auch in der Spitalkirche meist nur die Suppe und den Nachtisch. Schokolade und Joghurt mag sie gern, auch Spätzle. „Davon haben sie mir gestern eingepackt.“ Kartoffeln, verrät sie mit einem spitzbübischen Grinsen, mag sie dafür nicht so gern. Aber das sei egal, verrät Elisabeth. Denn sie kommt in die Spitalkirche wegen der Gemeinschaft, dem Reden, dem Singen. Deshalb geht sie mit Monika auch oft ins Haus an der Walk. „Da singen wir, es gibt Kaffee und Kuchen, da kommen dann auch die Dementen dazu“, erzählt Elisabeth, während ihr Blick zur Tür geht. Die Monika, sagt sie, ist heute spät. Aber sie kommt. Auf Monika, sagt Elisabeth, ist Verlass. „Immer.“

 

Die Katze ist für die Seele da

Vesperkirchen für Lein und Seele
Josefine Lubzik lebt in einer Seniorenresidenz, aber auch dort ist sie oft alleine. Foto: Yvonne Tscherwitschke

Josefine Lubzik hat ein ansteckendes Lachen. Gut gelaunt überlegt die Frau mit den kurzen grauen Haaren, ob sie die Orange aus dem Obstkorb auf dem Tisch schälen soll, jetzt noch, so kurz vor dem Mittagessen. Sie hält sie in den Händen, überlegt und erzählt. Von ihrem Alltag in der Seniorenresidenz am Hofgarten. Zwei Zimmer hat sie dort. Die bewohnt sie mit ihrer Katze. „Cindy, das ist mein Seelenheil“, sagt die Dame mit dem salbeigrünen Pullover. Erst am Vormittag noch war die 91-Jährige mit dem Kätzchen beim Tierarzt. „Sie hat eine Wunde, die schlecht verheilt“, sorgt sie sich.

Obwohl sie sich in der Residenz versorgen lassen könnte, kümmert sich Josefine noch um alles selbst. Als sie ihren Mann vor 26 Jahren verloren hat, da hat sie sich entschieden, aus der viel zu großen Vier-Zimmer-Wohnung auszuziehen. Zwei Zimmer, das sei einfacher in Ordnung zu halten. Das reiche ihr.

Der Sohn wohne ganz nah, in Pfedelbach. „Aber der ist ja auch schon 70“, sagt Josefine. Gleich gibt es Suppe mit den kleinen Klößen drin. Und Schweinebraten. „Braten koche ich mir nicht mehr“, sagt Josefine. „Sonst aber alles, quer Beet, vor allem viel Gemüse.“ In die Spitalkirche kommt sie wegen der Unterhaltung, nicht wegen des Essens. Auch wenn es schön sei, dass es immer einen Salatteller gebe. Und auch Kaffee und Kuchen sei schön.

"Ich bin ganz zufrieden"

Es sind vor allem aber die Gespräche, die ihr gut tun. In der Residenz, sagt sie, sei es manchmal schon ein bisschen steril. Jeden Montag gebe es dort einen Spielenachmittag. Sonst aber hätten die Bewohner wenig miteinander zu tun. Man treffe sich nicht zum Spaziergang. „Da ist jeder für sich.“ Sie kommt damit klar. Wie sie ihr ganzes Leben mit sich klargekommen ist.

Was ihre Träume waren? Ob sie die verwirklichen konnte? Josefine überlegt kurz, erzählt dann davon, wie sie zum Pflichtjahr nach Hohenlohe gekommen ist als junge Frau, von dort in die Ausbildung. Und davon, wie sie später als Hauswirtschafterin bei der Familie Stapf und einer Apotheke gearbeitet habe. Geheiratet, erzählt sie, habe sie erst spät, nach dem Krieg. „Aber ich bin ganz zufrieden“, sagt sie. Und lacht gut gelaunt in die Runde.

 

Irgendwann wird man aufgefangen

Vesperkirchen für Leib und Seele
Nach dem Tod seiner Frau musste Harald sich neu sortieren. Auch die Einkehrkirche gibt Halt. Foto: Yvonne Tscherwitschke

Harald möchte heute Schmidt mit Nachnamen heißen. Er grinst. Das ist seine Bedingung, um seine Geschichte zu erzählen. Er möchte nicht erkannt werden. Deshalb soll auch nur seine Hand auf das Foto. „Datenschutz“, sagt er.

Der Frührentner sticht heraus aus der Menge der Menschen in der Spitalkirche: Harald ist Mann und mit seinen 63 Jahren einer der jüngeren Besucher. Der gepflegte Senior sitzt mit seinem grauen Pullover am Tisch. Die Suppe mit Einlagen und Gemüse, die er gerade selbst holen wollte, stellt ihm eine nette Dame vom Küchenteam zuvorkommend an den Platz. Er lächelt zum Dank.

Zu seinen Kindern in Bayern möchte er noch nicht umziehen

Seit fünf Jahren kommt er in die Einkehrkirche. Meist jedenfalls, erzählt er. Im vergangenen Jahr habe er das Angebot gar nicht genutzt. Die Jahre davor aber schon. Die Gemeinschaft hier sei schön, sagt er. Seit vor zehn Jahren seine Frau gestorben ist, sei ihm das wichtig. Anfangs, erinnert er sich, „da drehst du dich im Kreis“. Das sei nicht schön gewesen. Irgendwann, blickt er zurück, wurde er aufgefangen, habe nette Menschen kennengelernt.

Vor 23 Jahren ist er aus Niedersachsen nach Öhringen gezogen, musste sich hier erst neu orientieren, zusammen mit seiner Frau, der Familie. Jetzt geht er in Reha-Sport, engagiert sich im Kinderschutzbund und ist in drei Verbänden aktiv. Seine Kinder leben in Bayern. Zu ihnen zu ziehen, das kommt für den 63-Jährigen noch nicht in Frage.

Seine Wohnung in Öhringen hält er alleine in Schuss. Noch komme er gut klar, mit dem Einkaufen, mit allem, auch das Kochen sei kein Problem. „Meist mache ich mir Pfannengericht“, sagt er. Gern auch mal Spiegelei mit Speck. „Das ist prima.“ Harald gehört zu den Menschen, die nicht wegen Knödel und Braten in die Spitalkirche kommen. Viel wichtiger sind ihm die Gespräche, das Rahmenprogramm mit Kinofilm, mit Auftritten von Chören und die Angebote der Kirchengemeinden mit Andacht und Gottesdienst im Anschluss an das gemeinsame Mahl. Denn auch trotz der vielfältigen Aktivitäten in den Vereinen bleibt doch immer noch genug Zeit, sich im Kreis zu drehen – wenn man es denn zulässt.

 

Gesellschaft ist einfach wichtig

Vesperkirchen für Leib und Seele
Monika kümmert sich um andere, hilft, wo sie kann, bringt Kaffeespenden mit. Foto: Yvonne Tscherwitschke

Monika ist mit ihren 62 Jahren eine der jüngeren Besucherinnen der Einkehrkirche. Sie kommt nicht, weil zu Hause der Kühlschrank leer wäre. Oder aber, weil sie niemanden zum Reden hätte. Ihr Mann lebt noch. Und sie arbeitet einige Stunden in der Woche bei der Raiffeisenbank.

Aber sie freut sich, in den zwei Wochen Einkehrkirche viele bekannte Gesichter zu sehen, mit Menschen Zeit zu verbringen. Aus dem Taubertal ist sie 1982 nach Öhringen gekommen. Schnell habe sie Anschluss gefunden. Sie geht zum Singen, in den Frauenkreis, hat eine Freundin, die ein Auto hat und sie mitnimmt zu Besinnungstagen ins Kloster Schöntal. „Das tut gut“, sagt Monika, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. „Da kommt man mal raus.“

„Wenn man in dem Alter noch so fit ist, dass man unter die Leute kann, dann ist das gut"

Dann habe sie auch wieder was zum Erzählen für Elisabeth und die anderen. Viele der Frauen um sie herum seien deutlich älter, sagt Monika. 70, 80, 90. „Eine hat gestern ihren 94. Geburtstag gefeiert.“ In ihrer Stimme klingt Bewunderung mit. „Wenn man in dem Alter noch so fit ist, dass man unter die Leute kann, dann ist das gut, dann kann man so alt werden“, sagt Monika.

Sie weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. „Die Tochter meiner Cousine hat gerade ganz jung einen Gehirntumor bekommen, das ist schlimm für alle, für die ganze Familie.“ Und: „Man weiß nie, was auf einen zukommt“. Ein bisschen hat sie Angst vor Krankheiten, davor, auf andere angewiesen zu sein. „Aber wenn man sich austauschen kann, dann gibt das Kraft“.

Monika findet, dass die Menschen zu viel alleine sind

Sie profitiere von den Erfahrungen der Älteren. Und sie weiß, dass man sich einbringen muss, solange man kann. „Denn die Menschen sind viel zu viel allein“, weiß sie aus den Klagen der Freundinnen. Selbst wer Familie in der Nähe habe, sei oft die meiste Zeit alleine.

Noch schlimmer sei es für die, die keine Kinder haben. Kontakte müsse man deshalb knüpfen, so lange man das könne. Aber man helfe sich, versichert Monika. Oft ganz pragmatisch mit kleinen Dingen. Mal geht es darum, jemanden in der Spitalkirche zur Toilette zu begleiten, oder daheim abzuholen. Kein Problem. Dafür gibt es gemeinsame Zeit. „Und heute Klöße“, strahlt die Frau mit dem rot-weißen Pulli und der passenden Kette.