Verdachtsfälle in Heilbronn werden zur Abstrichstelle geschickt

Heilbronn  Mitarbeiter der Rettungsdienste nehmen Rachenabstriche von potenziell infizierten Menschen. Bis Donnerstagabend wurden etwa 600 Proben genommen. Mitarbeiter tragen zum Schutz Spezialanzüge.

Email

Langsam rollt ein Auto auf die Kontrollstelle zu. Ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes erklärt den Probanden, wo Freiwillige vom Deutschen Roten Kreuz oder den Johannitern eine Rachenprobe nehmen.

Foto: Andreas Veigel

Rot-weiß gestreifte Absperrbaken weisen den Autofahrern den Weg, Parkbuchten sind eingerichtet. Auto reiht sich an Auto. Auf dem Gelände der Straßenmeisterei in der Lichtenbergerstraße in Heilbronn tragen Männer durchsichtige Plastikschürzen, Spezialwesten, Mundschutz und Handschuhe. Sie gehen auf die Autofahrer zu, die im Schritttempo auf das Gelände rollen. Mit einer Kelle zwingen sie die Fahrer zum Anhalten. In gebotenem Abstand weisen sie ihnen den Weg in Richtung Parkplatz.

Langsam bricht die Nacht über Heilbronn herein. Die Temperaturen sind mild. Große Scheinwerfer sind aufgebaut. Dort, wo die Straßenmeisterei untergebracht ist, haben Stadt und Landkreis Heilbronn eine Abstrichstelle für Menschen eingerichtet, die sich möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert haben.

Mobile Kontrollstellen haben sich nicht bewährt

Acht Termine habe es bis Donnerstagabend im Stadt- und Landkreis gegeben. Zunächst habe man von mobilen Kontrollstellen aus getestet. Doch diese Lösung habe sich nicht bewährt. Jetzt ist die Stelle zentral im Heilbronner Industriegebiet aufgebaut. Bislang ist sie von 17 bis 21 Uhr geöffnet. In dieser Zeit müssen die Betroffenen zur Untersuchung erscheinen.

"Etwa 600 Menschen wurden seit dem Aufbau der Abstrichstellen beprobt", sagt Ludwig Landzettel, Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes im Kreisverband Heilbronn. Anders als der Hohenlohekreis, der seine mobile Abstrichstelle in Kupferzell-Belzhag offen kommuniziert hatte, wurde der Standort von der Stadt und dem Landkreis Heilbronn geheim gehalten. Man fürchte einen Ansturm von Menschen. Um dies zu verhindern und um Mitarbeiter zu schützen, sind eigens Männer aus dem Sicherheitsgewerbe eingestellt. Auch sie tragen Schutzkleidung.

Bevor jemand eine Probe abgeben darf, müssen eindeutige Hinweise vorliegen, dass er beispielsweise aus einem Risikogebiet zurückgekehrt ist, Kontakt zu einem bereits infizierten Menschen hatte und Symptome zeige. Darauf weisen Behörden gebetsmühlenartig hin. Erst dann bekommen mögliche Corona-Infizierte einen Termin. Ohne Termin könne keine Proben abgegeben werden, betont auch Landzettel vom Roten Kreuz. Erste Abfragen, ob jemand für eine Untersuchung infrage komme, erfolgte in den meisten Fällen über die Hotline.

Menschen müssen sich ausweisen

Schriftlich wird dazu vorab mitgeteilt, dass die Probanden bei geschlossenem Fenster in ihren Fahrzeugen sitzen bleiben sollen. "Warten Sie, bis Sie von unseren Mitarbeitern angesprochen werden", heißt es weiter. Nachdem die Menschen aus ihren Fahrzeugen ausgestiegen sind, müssen sie sich ausweisen. Die Probeentnahme erfolge durch einen Abstrich des Rachens mittels eines Watteträgers. Dieser wird von einem Helfer mit dem Namen des Probanden versehen, verpackt und zur Analyse in ein Labor gesendet. Ist die Probe positiv, erhalten die Betroffenen einen Anruf des Gesundheitsamtes.

Dass die Menschen für die Probeentnahme im Auto sitzen bleiben, davon sei man abgekommen. "Wenn jemand zuvor gehustet hat, ist der Innenraum Virenbeladen", sagt Landzettel. Die Gefahr, das sich einer der freiwilligen Helfer infiziere, sei zu groß gewesen.

Dauer ist ungewiss

"Der Kontakt vor Ort läuft außerordentlich ruhig", sagt Landzettelt. Nur einmal habe es einen Vorfall gegeben, bei dem ein Mann vor Toröffnung seine Probe abgeben wollte. "Da kann es zu einer Tätlichkeit gegen einen unserer Mitarbeiter." Landzettel betont, dass freiwillige Helfer im Dienst seien. "Ihnen bin ich sehr dankbar." Pro Termin seien zehn Helfer eingeteilt. 95 Prozent kämen vom Roten Kreuz, der Rest sei von der Johanniter Unfallhilfe. Wie lange die Abstrichstelle aufgebaut bleibt, sei nicht klar.


Kommentar: Frage der Zeit

Lange haben die Stadt und der Landkreis Heilbronn ein Geheimnis darum gemacht, wo die Abstrichstelle für Corona-Verdachtsfälle eingerichtet ist. Sie fürchteten einen Massenansturm von Menschen, die sich spontan einem Test unterziehen wollen. Dies ist bislang ausgeblieben, teilt das Deutsche Rote Kreuz mit. Im Internetzeitalter, durch soziale Netzwerke und einfach, weil Menschen während der Pandemie nur ein Thema kennen − Corona. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis die Beprobungsstelle öffentlich wird. Deutlich souveräner verhielt sich der Hohenlohekreis. Von Anfang an teilten die Behörden mit, wo sich deren Abstrichstelle befindet. Auch dort hat niemand die Beprobungsstelle gestürmt.

Bis auf ein paar Unverbesserliche, die sich trotz aller Warnhinweise zu Corona-Partys treffen, darf man beim größten Teil der Menschen von einem vernünftigen Verhalten ausgehen. Sie sind informiert, wissen um die Gefahren und wie man sie vermeidet. Geheimniskrämerei verunsichert und schafft Misstrauen. Offenheit ist das Gebot in diesen Zeiten. Die ist notwendig, um unüberlegtes Handeln zu vermeiden. Viele haben das verstanden.


Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

Kommentar hinzufügen