Unterrichtsausfall nimmt am Schuljahresende zu

Region  Weil sich die Lehrerversorgung im Laufe des Jahres verschlechtert, fallen Stunden aus. Die Schulen können die Vertretung nicht mehr gewährleisten. Ein Vater aus Bad Wimpfen findet das "nicht fair".

Von Tanja Ochs

Unterrichtsausfall nimmt am Schuljahresende zu

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Von sechs Unterrichtsstunden fallen zwei aus, zwei werden vertreten. Gerade am Schuljahresende seien solche Tage nicht unüblich, wissen Eltern von Gymnasiasten. "Das ist nichts, was wir begrüßen", betont Josef Knoblauch, Schulleiter am Hohenstaufen-Gymnasium (HSG) in Bad Wimpfen. "Nach Möglichkeit" soll der Unterricht stattfinden, aber Korrekturtage, Klassenfahrten oder Krankheiten führen zu Engpässen.

Lücken kann man nicht schönreden

Dabei gehe man im Kollegium "bis an die Grenze der Belastbarkeit", sagt der Schulleiter. Von Überstunden, Mehrarbeit der Teilzeitkräfte bis zu Zusammenlegung oder Doppelaufsicht reicht das Repertoire der Vertretungsvarianten in den ohnehin schon knapp besetzten Schulen. "Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt", sagt Roland Götzinger, Leiter am Mörike-Gymnasium in Neuenstadt und Bezirkssprecher der Direktorenvereinigung. Die Lehrer seien engagiert. "Trotzdem gibt es Lücken", so Götzinger. "Das will ich nicht schönreden."

Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage von Elternvertretern spricht von 13,5 Prozent Unterrichtsausfall an Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart. In Bad Wimpfen sei es weniger, sagt Knoblauch. Wie beispielsweise am Eppinger Hartmanni-Gymnasium fallen aber auch in seinem Haus ganze Tage für einzelne Klassen aus, wenn Klausuren korrigiert werden. 100 Lehrer-Arbeitstage fallen dafür an, rechnet der Wimpfener Direktor vor. Das entspreche den Vorgaben des Ministeriums und lasse sich nur mit Ausfall kompensieren.

Schülern fehlt Übungszeit

Den Schülern fehle dadurch wichtige Übungszeit, sagt Martin Feuerstein. Sein Sohn besucht die siebte Klasse am HSG, mindestens drei Viertel seines Nachmittagsunterricht seien in diesem Schuljahr ausgefallen. Feuerstein spricht insgesamt von zehn bis 20 Prozent Ausfall. Damit nehme man Kindern viele Chancen. "Sie bekommen nicht den Unterricht, den sie brauchen", sagt der Vater. Das sei nicht nur am HSG so, im ganzen Land falle "deutlich mehr aus, als sein dürfte", weil Schulen keine Reserven haben.

Der Heilbronner Schulamtsleiter Wolfgang Seibold bestätigt die Schwierigkeiten: "Wir decken die Stundentafel ab, aber Förder- oder AG-Bereich sind kleiner geworden." Die Schulen seien "höchst kreativ im Stopfen von langfristigen Löchern". Auch das Kultusministerium ziehe alle Register, unter anderem sind Überstunden von Lehrern nicht mehr limitiert und werden bezahlt. Trotzdem bleibe es ein Spagat, sagt Klaus Pfeil, Rektor der Güglinger Realschule. Sechs schwangere und zwei langfristig erkrankte Lehrer musste er in diesem Schuljahr ersetzen. Damit war die "gute Lehrerversorgung" vom Beginn des Schuljahres schnell Geschichte. "Da streichen wir zuerst den Förderunterricht", erklärt der Schulleiter. Der Unterricht werde mit den Vertretungen so lange wie möglich aufrecht erhalten.

Die Situation wird sich nicht verbessern

Doch die übernehmen nicht immer Fachlehrer: "Die kann man nicht herzaubern", sagt HSG-Schulleiter Knoblauch. "Manchmal ist Vertretung nur Aufsicht", meint auch Christiane Ziemer, Schulleiterin der Heilbronner Fritz-Ulrich-Schule. Auch die Gemeinschaftsschule startete das Schuljahr mit 100 Prozent Lehrerversorgung. "Aber das haben wir schon lange nicht mehr", erklärt Christiane Ziemer. Die Situation sei fatal - und werde vermutlich im kommenden Jahr noch schlimmer.

Grund zur Sorge für Martin Feuerstein, der als Kinderarzt in Bad Friedrichshall arbeitet: "Kinder müssen lernen, sich zu strukturieren, um selbstständig lernen zu können." Das sei durch den massiven Unterrichtsausfall unmöglich. "Das ist nicht fair", findet der Mediziner.

Vollerhebung zum Stundenausfall

Erstmals hat das Kultusministerium im Juni eine Vollerhebung über den Ausfall an allen Schulen des Landes gemacht. Zuvor hatte es nur Stichproben in einer Novemberwoche an 15 Prozent der Schulen gegeben.

Derzeit laufe die Auswertung, so das Ministerium auf Anfrage von stimme.de, Ergebnisse werde man noch vor den Sommerferien veröffentlichen. Die Schulen waren im Vorfeld informiert. In der betreffenden Woche waren Absolventen allerdings nicht mehr an den Schulen und damit weniger Klassen als zu Beginn des Jahres zu versorgen.