Ungebetene Gäste breiten sich im Neckar aus

Region  Aus dem Schwarzen Meer stammende Schwarzmundgrundeln haben sich stark verbreitet. Inzwischen sind die Fische auch in Flüssen in der Region Heilbronn angekommen. Das macht den Anglern große Sorgen.

Von Reto Bosch

Ungebetene Gäste breiten sich aus

Hans Frank sorgt sich um die heimischen Fischarten im Neckar.

Foto: Bosch

 

Hans Frank steht am Neckarufer in Bad Friedrichshall-Kochendorf und sucht nach dem Eindringling. Diesmal vergebens. "Ab 2012 haben sich die Schwarzmundgrundeln explosionsartig vermehrt", sagt der Kreisvorsitzende des Landesfischereiverbands. Das Problem: Der schuppige Einwanderer aus dem Schwarzen Meer verdrängt die heimischen Fischarten.

Behörde sieht Gefährungspotenzial für den Neckar

Das Umweltministerium sieht in den Schwarzmundgrundeln ein vergleichsweise hohes Gefährdungspotenzial für den Neckar. Diese machten in vielen Bereichen einen hohen Anteil des Fischbestandes aus und übten einen hohen Konkurrenzdruck auf die heimischen Arten aus. Hans Frank meint: Die Grundeln fressen die Brut anderer Fische. Studien, die das in Zweifel ziehen, sieht Frank skeptisch. Die Zuwanderer sind im Neckar, aber nicht nur dort anzutreffen. In der Jagst, meint Frank, haben sie schon zweie Wehre überwunden. "Sie stehen schon kurz vor dem Biotop in Herbolzheim." Er geht davon aus, dass sich diese Fischart weiter flussaufwärts ausbreiten wird.

Die Verbände untersuchen per Elektrofischerei regelmäßig den Fischbestand. 2009 fanden die Angler noch keine einzige Schwarzmundgrundel. 2014 waren es an der Messstelle im Alten Neckar bereits knapp 600, im Heilbronner Neckar sogar mehr als 1200. Und in der Jagst bei Duttenberg fanden sich 2017 fast 770 Schwarzmeergrundeln. In allen untersuchten Flussabschnitten war der Zuwanderer mit Abstand am stärksten vertreten.

Grundelfischen in Kirchheim brachte vergleichsweise wenig Erfolg

Ungebetene Gäste breiten sich aus

Um die Zahl der Grundeln etwas zu reduzieren, hatte die Hegegemeinschaft 6 bei Kirchheim eine Angel-Aktion organisiert. 40 Fischer machten mit, die meisten wären froh, wenn der Fisch niemals den Weg vom Schwarzen Meer nach Württemberg gefunden hätte. Albrecht Röser aus Lauffen sagte: "Den Fisch bringen wir nicht mehr los. Was wir heute rausholen, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Heinrich Schenk und seine Begleiter Josip Herceg (71)und Jürgen Hofmann können der Grundel nichts Positives abgewinnen. "Die Grundel stört den Unterbau unser heimischen Fische", sagte Schenk. "Der muss einfach raus", ergänzte Herceg. Allerdings gibt es auch Angler, die die Grundel als Speisefisch schätzen.

Hans Frank rät zur Gelassenheit. "Wir müssen uns eben umstellen." Sorgen bereitet ihm allerdings, dass immer wieder kranke Schwarzmundgrundeln gefangen werden. "Fleckenseuche" lautet die Diagnose. Ist die Krankheit auf andere Fischarten übertragbar? Frank sagt: "Das wissen wir nicht. Wir haben noch keine Informationen bekommen."

Es gibt viele andere zugewanderte Tierarten

Die Schwarzmundgrundel ist nicht der erste tierische Zuwanderer, der Kummer bereitet. Die vermutlich im Breitenauer See ausgesetzten Roten Amerikanischen Sumpfkrebse vermehrten sich so stark, dass sie die heimischen Edelkrebse vollständig verdrängten. Auch deshalb, weil sie die Krebspest mit in den See brachten. Hans Frank hat schon das eine oder andere Mal über seine Beobachtungen gestaunt: Goldfische oder fremde Sonnenbarsche im Neckar, sogar Rotwangen-Schildkröten leben in den Gewässern. Ein ausgesetzter Koi schleppte das Herpes-Virus ein. Frank: "Die Leute wissen gar nicht, was sie in der heimischen Tierwelt anrichten können."

Reise am Schiffsrumpf oder im Ballasttank

Der Schiffsverkehr hat die Schwarzmundgrundel von Osteuropa nach Baden-Württemberg gebracht. Sie saugt sich am Rumpf fest oder gelangt in die Ballastwassertanks. Die Grundel bis zu 25 Zentimeter lang, schreibt der BUND. Am Hinterende der vorderen Rückenflosse befindet sich bei ihr außerdem ein sehr auffälliger schwarzer Augenfleck.

Die Körperfarbe ist hellbraun oder hellgrau mit dunklen Punkten, passt sich allerdings auch dem Untergrund an, auf dem sich das Tier gerade aufhält. Die Grundel lebt in den Boden- und Uferzonen der Gewässer und ernährt sich laut BUND von verschiedenen wirbellosen Tieren wie Insektenlarven, Flohkrebsen, Schnecken und Muscheln. Sie selbst werde von Raubfischen wie Flussbarsch und Dorsch sowie von fischjagenden Vögeln wie Graureiher und Kormoran gefressen. Schwarzmundgrundeln können bis zu vier Jahre alt werden. Nach ihrer ersten Laichsaison sterben die Männchen.

 


Kommentar: Unsitte

Unsitte

Waschbär, Nilgans, Regenbogenforelle, die Kirschessigfliege oder der Galizische Sumpfkrebs besiedeln unterschiedliche Lebensräume, haben aber eines gemeinsam: Sie sind nach Deutschland eingewandert. Neozoen nennt man solche Tiere, für sie gibt es auch in Baden-Württemberg viele Beispiele. Die Schwarzmundgrundel ist also kein Sonderfall.

Der Fisch stammt ursprünglich vom Schwarzen Meer, reiste als Blinder Passagier in den Wassertanks von Schiffen mit. Einmal im Neckar angekommen, vermehrte sich die Grundel schnell und ist heute ein harter Konkurrent für einheimische Fische - auch wenn umstritten ist, ob sie wirklich den Nachwuchs anderer Arten frisst.

Dass sich die Angler am Neckar und wohl bald auch an Jagst und Kocher über diese Entwicklung ärgern, ist nachvollziehbar. Zumal die Zahl erkrankter Grundeln steigt und Unsicherheit besteht, ob Fleckenseuche und Co auf heimische Fischarten überspringen. Nur: Der Ärger bringt nichts. Den Anglern bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich auf die neue Situation einzustellen und auf die Selbstheilungskräfte der Fluss-Ökosysteme zu vertrauen.

Die Schwarzmundgrundeln sind wie viele andere Tiere und Pflanzen in der Bugwelle des wachsenden internationalen Warenverkehrs nach Deutschland geschwommen. Das zu verhindern, ist schwierig. Leicht zu verhindern ist aber die Unsitte, fremde Tierarten auszusetzen. Die Kois werden zu groß für den Teich? Ab damit in den Neckar. Die Schildkröte macht zu viel Arbeit? Ab damit in den Neckar. Dies kann Schaden anrichten. Etwa dann, wenn die Exoten andere Tiere vertreiben oder Krankheiten einschleppen.