Tierschutz: Bauernpräsident will Ausgleich für teurere Produktion

Region  Der Deutsche Bauernverband unterstützt die Tierwohlpläne von Julia Klöckner, weist aber auf einen höheren Aufwand hin. Ob die Verbraucher höhere Preise akzeptieren, ist unklar. Im Stimme-Interview spricht Bauernpräsident Joachim Rukwied über das neue staatliche Tierwohllabel.

Von Reto Bosch

Initiative "Tierwohl"
Ein markiertes Schwein aus einem Betrieb, der der Initiative «Tierwohl» angehört. Foto: dpa

Das neue staatliche Tierwohllabel nimmt Gestalt an: drei Stufen, mehr Platz für die Tiere, begrenzte Transportzeiten. Bauernpräsident Joachim Rukwied aus Eberstadt unterstützt die Pläne von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Im Interview mit der Heilbronner Stimme weist Rukwied auch auf seine Sorgen wegen des Brexits hin. Für die deutschen Landwirte gehe es um Milliarden.

 

Herr Rukwied, nächste Woche beginnt die Grüne Woche in Berlin. Eine Gelegenheit für die Branche, für Ihre Belange zu werben. Sehen Sie auch eine zunehmende Entfremdung von Verbraucher und Landwirtschaft?

Joachim Rukwied: Nein, das sehe ich nicht. Die Landwirtschaft steht nach wie vor in der Mitte der Gesellschaft. Wir öffnen regelmäßig unsere Betriebe, was auf große Resonanz stößt. In Stuttgart fand die Auftaktveranstaltung zur Reihe "Bürgerdialog" statt. Eine Entfremdung ist nicht erkennbar, es fehlt aber zunehmend an Wissen über die Landwirtschaft.

 

Es gibt aber durchaus kontroverse Themen. Die Fristverlängerung bei der betäubungslosen Ferkelkastration zum Beispiel stößt auf vielstimmige Kritik.

Rukwied: Wir wollen so schnell wie möglich aussteigen. Aus unserer Sicht gibt es vier Methoden, die alle noch nicht praxisreif sind. Deshalb war die Verlängerung dringend notwendig. Gerade für kleinere Betriebe brauchen wir den vierten Weg, also die Möglichkeit, dass die Landwirte selbst eine örtliche Betäubung machen dürfen. Wir nutzen die kommenden Monate intensiv und hoffen, nach Ablauf der zweijährigen Frist eine praxistaugliche Lösung zuhaben.

 

Wissenschaftler halten die Impfung gegen Ebergeruch für praxistauglich.

Rukwied: Da laufen vielschichtige Diskussionen. Bei der Immunokastration gibt es noch einen gewissen Anteil an Stinkern. Außerdem ist eine zweistufige Behandlung erforderlich. Auch dieser Eingriff in Form einer Impfung wird kontrovers gewertet.

 

Die Arbeiten an einem staatlichen Tierwohllabel laufen, erste Details wurden diese Woche bekannt. Es soll ein dreistufiges Kennzeichen geben. Was sagen Sie zu den Plänen von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner?

Rukwied: Diese Woche hat ein Runder Tisch getagt, bei dem viele Punkte besprochen wurden. Wir begleiten und unterstützen Frau Klöckner auf diesem Weg. Ganz entscheidend ist, dass die von Handel und Landwirtschaft gegründete Initiative Tierwohl in ihrer Zukunft nicht gefährdet wird. Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass die Bauern auf den höheren Produktionskosten sitzen bleiben.

 

Wenn Tiere mehr Platz und bessere Ställe bekommen, kostet das Geld. Können diese Mehrausgaben an die Verbraucher weitergegeben werden?

Rukwied: Das ist eine spannende Frage, über die ich nicht spekulieren will. Wenn ich aber auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicke, war es im deutschen Lebensmittelmarkt immer eine Herausforderung, durch höhere Standards verursachte Mehrausgaben weiterzugeben. Ich sehe dann die Chance, wenn Bundesregierung und Handel gemeinsam nach vorne gehen.

 

Wünschenswert wäre ein verbindliches Tierwohllabel auf europäischer Ebene. Das scheint nicht zu funktionieren. Warum?

Rukwied: Ich habe in aller Deutlichkeit gesagt, dass wir eine Haltungs- und Herkunftskennzeichnung wollen, gerne verpflichtend. Das stößt aber auf wenig Unterstützung. Wir sagen, dass Fleisch, das unterhalb deutscher Standards produziert wurde, als Stufe null zu klassifizieren ist. Die Politik argumentiert dann, dass damit Produkte aus dem Ausland diskriminiert werden könnten. Aber es käme auf einen Versuch an.

 

Weniger Pflanzenschutz, mehr Biodiversität: Was antworten sie Umweltschützern, die eine Reform des Ackerbaus fordern?

Rukwied: Wir haben in den vergangenen 30 Jahren viel bewegt, auch aus der Branche kamen viele Vorstöße. Zwischenfrüchte schaffen Biodiversität, nehmen Restnährstoffe auf. Wir setzen stark auf schonende Bodenbearbeitung, pflegen ökologische Vorrangflächen, legen Blühstreifen an. Die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln und Düngern ist viel präziser geworden. Diesen Weg wollen wir weitergehen. Ich sage aber klar und deutlich: Unabhängig ob ökologische oder konventionelle Landwirtschaft - ohne Pflanzenschutz können wir Qualität und Erntemenge nicht sichern.

 

Warum setzen Sie nicht ein Zeichen und verzichten auf das umstrittene Glyphosat.

Rukwied: Mir liegen keine Erkenntnisse vor, die belegen, dass dieser Wirkstoff bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schädlich ist. Für uns ist die Wissenschaft maßgeblich, ob ein Wirkstoff zugelassen wird. Wir setzen das Mittel verantwortungsbewusst und lediglich temporär ein.

 

Die baden-württembergische Landwirtschaft würde davon profitieren, wenn kleinere Betriebe im Vergleich zu den großen Höfen stärker unterstützt würden. Warum kämpft der Bauernverband nicht für einen Kurswechsel?

Rukwied: Man darf nicht vergessen, dass der Bauernverband die Interessen aller Landwirte in Deutschland vertritt, nicht nur die im Südwesten. Wir haben uns immer dagegen ausgesprochen, die Zahlungen zu kappen oder mit zunehmender Fläche zu reduzieren, aber die ersten Hektare stärker zu stützen. Derzeit bekommen die Landwirte für die ersten 46 Hektar mehr Geld, was wir an die erhöhte Durchschnittsgröße der Betriebe anpassen wollen. Einen grundlegenden Kurswechsel lehnen wir aber ab.

 

Seit 2014 gilt das EU-Embargo gegen Russland wegen der Annexion der Krim. Können Sie beziffern, welcher Schaden den deutschen Landwirten seitdem entstanden ist?

Rukwied: Der Schaden am Anfang war immens. Wir sind von direkten Einkommensverlusten von jährlich rund 500 Millionen Euro ausgegangen. Wir haben daher versucht andere Märkte zu erschließen. Ein viel größeres Problem ist momentan aber der Brexit. Wir haben bei Agrarprodukten einen Exportüberschuss von etwa 3,6 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn der Zugang zum britischen Markt wegbrechen würde, hätte das fatale Folgen.