Telemedizin: Hier kommt der Online-Arzt

Region  Ärztemangel auf dem Land, weite Wege ins nächste Krankenhaus und volle Notaufnahmen: Bei der medizinischen Versorgung zeichnen sich Probleme ab. Kann die Digitalisierung neue Lösungen für die Gesundheitversorgung bieten?

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Hier kommt der Online-Arzt

Seit knapp zwei Jahren arbeitet Boris Brand mit der Online-Sprechstunde. Er findet, es sei im Interesse aller, dass niedergelassene Ärzte das Feld nicht reinen Call-Center-Ärzten überlassen.

Foto: Archiv/Blass

Die medizinische Versorgung in Deutschland zählt nach wie vor zu den besten weltweit - aber gleichzeitig zu den teuersten. Und jede Menge Probleme zeichnen sie am Horizont ab oder schlagen schon voll durch: die Bevölkerung wird älter, aber das Pflegepersonal ist knapp.

Die Versorgung auf dem Land bricht weg, weil kleine Krankenhäuser geschlossen werden und Nachwuchs-Mediziner keine Lust haben auf stressige "Landarzt"-Jobs. Weite Wege für die Patienten sind die Folge. Die Notaufnahmen großer Kliniken laufen regelmäßig über - auch mit Menschen, die direkt ins Krankenhaus gehen, weil sie gar keinen Hausarzt mehr haben.

Mehr zum Thema: So steht es um die ärztliche Versorgung im Land

 

Neckarsulmer Arzt bietet Online-Sprechstunde an

Kann die Telemedizin da neue Lösungen bieten - indem sie zum Beispiel den Zugang zum Arzt erleichtert, ohne dass Patienten erst weite Strecken zurücklegen müssen?

Ja, findet der Neckarsulmer Orthopäde und Unfallchirurg Boris Brand, der als einer der ersten Ärzte im Land seit knapp zwei Jahren Online-Sprechstunden für Bestandspatienten anbietet. Inzwischen wird er deutschlandweit angefragt, um Berufskollegen von seinen Erfahrungen zu berichten. "Wenn ein Arzt das zusätzlich machen kann, ist das doch eine tolle Ergänzung zur normalen Sprechstunde", findet Brand.

Für Patienten habe es Vorteile, wenn Niedergelassene diesen Bereich selbst besetzen, statt das Feld Tele-Ärzten in Call-Centern zu überlassen: "Die Online-Sprechstunde gehört in die Hand von uns Niedergelassenen. Wenn das medizinisch erforderlich ist, können wir Patienten direkt in unsere klassische Sprechstunde einbestellen."

Keine Angst vor der Video-Diagnose

Die Angst vor der Diagnosestellung per Video teilt Brand nicht. Beratungs- und Kontrollleistungen - etwa Wund- oder Bewegungskontrolle - seien in der Regel per Video möglich. Bei allem, was eine manuelle Untersuchung erforderlich mache, müsse der Arzt sich trauen, dem Patienten zu sagen: "Das kann ich so nicht beurteilen. Bitte kommen Sie in die Sprechstunde."

Als Teamarzt von Sportmannschaften wie den Neckarsulmer Bundesliga-Handballerinnen bekommt Brand seit Jahren - vor allem am Wochenende - Fotos von Verletzungen aufs Handy geschickt und beurteilt auf dieser Basis, was zu tun ist. "Deshalb weiß ich inzwischen ziemlich gut, was funktioniert und was nicht", sagt er und ist überzeugt, dass das Thema bald an Fahrt aufnimmt: "Wenn noch mehr Ärzte das selbst ausprobieren und sehen, dass es funktioniert, wird die Online-Sprechstunde eine rasante Entwicklung nehmen."

Telemedizin für alle Kassenpatienten im Land

Bundesweit an die Spitze im Bereich Telemedizin hat sich die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) mit ihrem Modellprojekt Doc Direkt gesetzt. Inzwischen können sich alle Kassenpatienten im Land über die Plattform Rat von rund 40 teilnehmenden Ärzten holen. Die Landesärztekammer hatte eigens dafür das Fernbehandlungsverbot gelockert, wonach Ärzte nur solche Patienten online behandeln dürfen, die sie zuvor persönlich gesehen haben. 

Die KVBW ist stolz auf ihre Vorreiterrolle. "Zum ersten Mal in Deutschland gibt es eine Alternative zum klassischen Arztbesuch", heißt es von dort. "Es hat sich gezeigt, dass die telemedizinische Behandlung in passenden Fällen für Patienten eine Möglichkeit ist, sich schnell und unkompliziert ärztlichen Rat zu holen." Die Rückmeldungen seien "ausgesprochen positiv".

Im kommenden Jahr soll das Angebot ausgeweitet werden. Ziel ist es, dass via Doc Direkt Online-Rezepte und im nächsten Schritt auch Krankmeldungen ausgestellt werden können, wie das in anderen europäischen Ländern bereits praktiziert wird. Dafür seien jedoch gesetzliche Änderungen nötig, auf die die Akteure im Land nun hoffen.

 


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