"Tanz! Heilbronn" begibt sich auf Spurensuche

Heilbronn  Acht nationale und internationale Produktionen präsentiert das Festival für zeitgenössischen Tanz vom 27. Mai bis 1. Juni in den drei Spielstätten des Heilbronner Theaters. In dem Vor-Ort-Projekt "Once upon a time in Heilbronn" kommen Zeitzeugen zu Wort, wie sie die Stationierung amerikanischer Soldaten erlebt haben.

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Das 12. Festival "Tanz! Heilbronn" begibt sich auf Spurensuche

Emotionale Momente mit Tänzern, Musikern und Sängern: "Kirina" nach der gleichnamigen Schlacht nennt sich das opulente Tanztheater mit Faso Danse Théâtre, eine postkoloniale Zukunftsvision für Afrika.

Foto: Sophia Garcia

Wie sind wir geworden, wer wir sind, lautet die Frage nach der Essenz des Menschen. Und so begibt sich das Festival "Tanz! Heilbronn" auf Spurensuche und präsentiert vom 27. Mai bis 1. Juni acht Produktionen an sechs Festivaltagen in den drei Spielstätten des Theaters: Boxx, Großes Haus und Komödienhaus. Kuratiert wird die 12. Ausgabe des Festivals für zeitgenössische Tanzformen wieder von Karin Kirchhoff aus Berlin.

Die Netzwerkerin in Sachen Tanz hat neben zwei deutschen Erstaufführungen eine Kooperation mit den Ludwigsburger Schlossfestspielen eingefädelt, präsentiert bekannte Kompanien und wenig bekannte Jung-Choreographen. 128 000 Euro beträgt der Etat des Events. Damit "Tanz! Heilbronn" seinem Namen gerecht wird, gibt es während des Festivals Mittanz-Aktionen.

Berührung, Schweiß und Risiko

Der Tanz mit seiner unmittelbaren Körperlichkeit ist der Rebell unter den Künsten. Tanz ist Berührung, ist Schweiß und Risiko. Und kann sehr persönlich und politisch werden, wenn er auf Spurensuche geht und dabei die soziokulturellen Zusammenhänge eines persönlichen Werdegangs aufdeckt. Wohl kaum einer Kunstform gelingt es, sich immer wieder neu zu erfinden und zu entwerfen. Vielleicht erklärt das den Publikumserfolg von zeitgenössischem Tanz?

Wie jedes Jahr wird zum Festival ein ortsbezogenes Projekt erarbeitet. "Once upon a time in Heilbronn" lautet der Titel einer semi-dokumentarischen Tanzcollage mit Heilbronnern: Sie erkundet die Zeit, als amerikanische Militärs in Heilbronn stationiert waren zwischen 1945 und 1992. Welchen Einfluss hatte die Begegnung zweier Kulturen - geboren aus der deutschen Kriegsschuld und geprägt vom Kalten Krieg - auf die Stadt und ihre Einwohner? Im Zentrum von "Tanz! Heilbronn" aber stehen Gastspiele nationaler und internationaler Kompanien. Wie Karin Kirchhoff ihre programmatische Auswahl begründet?

Liebeserklärung an die Einzigartigkeit eines Jeden

Das 12. Festival "Tanz! Heilbronn" begibt sich auf Spurensuche

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Theaterpreis Faust 2018: Das Stück "Soul Chain", eine Choreographie von Sharon Eyal, getanzt von tanzmainz vom Staatstheater Mainz.

Foto: Andreas Etter

"Die Spurensuche führt in eine reale und in eine imaginierte Vergangenheit. Sie führt auf andere Kontinente und in aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen." Den Auftakt am 27. Mai im Großen Haus macht die Kompanie tanzmainz vom Staatstheater Mainz mit dem Stück "Soul Chain" der israelischen Choreographin Sharon Eyal: ein dynamisch-kraftvolles Amalgam aus Ballett und Elektro, das die Konformität von Gruppen zum Thema macht - und doch eine Liebeserklärung ist an die Einzigartigkeit eines Jeden. "Soul Chain" wurde 2018 mit dem Deutschen Theaterpreis Faust ausgezeichnet: eine Choreographie, bei der sich das Ensemble in einen Schwarm voll Energie verwandelt.

Der libanesisch-kanadische Nachwuchschoreograph und Tänzer Charlie Prince kommt am 28. Mai mit der deutschen Erstaufführung von "Cosmic A*" in die Boxx. Seine ungewöhnlichen Körperbilder sind politisch reflektiert mit einem Interesse an einer originären arabischen Körpersprache. Da sein Solo kein Abendfüller ist, hat an diesem zweiteiligen Abend die Tänzer-Choreographin Nacera Belaza ihren Auftritt.

Kooperation mit den Schlossfestspielen Ludwigsburg

Das Stück "La Nuit" der in Algerien geborenen und in Frankreich lebenden Belaza versetzt in Trance. Ein minimalistisches Solo wie die Drehtänze der Derwische, zu dem Belaza auch Licht und Sounddesign geschaffen hat. Dieser Doppelabend wird am 29. Mai wiederholt: für Tanzfans, die sich am 28. Mai die seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, im Forum am Schlosspark Ludwigsburg das Tanztheater Wuppertal zu erleben mit Pina Bauschs legendärem Stück "Vollmond". Karten dafür sind im Festivalpackage "Tanz! Heilbronn" enthalten. Mit den Schlossfestspielen ist eine längerfristige Kooperation geplant. Im Gegenzug gibt es am 30. Mai auf dem Kiliansplatz orientalischen Kreistanz zum Mitmachen. Den "Circle Time Dabke" bringen Tänzer Medhat Aldabaal und Perkussionist Ali Hasan zunächst nach Ludwigsburg, dann nach Heilbronn und schließlich auf weitere öffentliche Plätze in Baden-Württemberg.

Das 12. Festival "Tanz! Heilbronn" begibt sich auf Spurensuche

Zwischen Hip-Hop und House: Paradox-sal nennt sich die ausschließlich weibliche Formation aus Frankreich. Mit dem Stück "Queen Blood" kommt diese selbstbewusste Form des Urban Dance ins Große Haus.

Foto: Laurent Philippe

Nur in Heilbronn präsentiert am 29. Mai die Gruppe Humanhood der Katalin Júlia Robert Parés und des Briten Rudi Cole mit "Torus" eine deutsche Erstaufführung. Westliche Naturwissenschaft und asiatische Mystik sind in das Stück eingeflossen, das die Eleganz von Tai Chi mit der Dynamik zeitgenössischen Tanzes verbindet.

Eine Truppe ausschließlich aus Tänzerinnen

Faso Danse Théâtre bringt am 30. Mai eine große Produktion mit Tänzern, Sängern, Livemusik und Statisten auf die Bühne des Großen Hauses. Das Stück "Kirina" von Choreograph Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso macht das Nationalepos um die Schlacht von Kirina 1235 im heutigen Mali zum Thema - und den Kampf Westafrikas um eine bessere Zukunft.

Zum Festivalabschluss am 1. Juni kommt mit Paradox-sal eine ausschließlich weibliche Formation. Die Tänzerinnen aus Frankreich erkunden in "Queen Blood" von Ousmane Sy was Weiblichkeit und Frausein heute bedeutet zu einem Soundtrack aus House und Hip-Hop.


Kartenvorverkauf und Workshops

Neben acht internationalen Produktionen präsentiert "Tanz! Heilbronn" erneut Publikumsgespräche, Mittanz-Aktionen und Konzerte. In drei Workshops im Heilbronner Steps Tanzstudio in der Villmatstraße 35 bieten professionelle Tänzer und Choreographen, die beim Festival auftreten, die Möglichkeit, aktiv zu werden: Valentina Dragotta leitet "Einführung in den House Dance - vom Club auf die Bühne", Charlie Prince "Die innere Bewegung (ent)erden" und Emma Farnell-Watson "Bewegungspraxis und Repertoire". Informationen unter www.steps-tanzstudio.de, Anmeldeschluss ist der 14. Mai.

Der Vorverkauf für das Festival, das so konzipiert ist, dass man alle Vorstellungen ansehen kann, hat begonnen. Das Festivalpackage ist 20 Prozent günstiger als der Einzelverkauf. Die Festivalpakete zwischen 115,60 Euro (78,20) und 161,20 Euro (101) sind nur im Besucherservice erhältlich unter Telefon 07131 56 3001, Einzelkarten auch online unter www.theater-heilbronn.de.


Programmübersicht: Tanz! Heilbronn 2020 

27. Mai, 19.30 Uhr
Großes Haus
SOUL CHAIN,
tanzmainz / Sharon Eyal

28. Mai, 20 Uhr,
BOXX
COSMIC A* Charlie Prince/
LA NUIT Nacera Belaza

28. Mai, 20 Uhr,
Theatersaal Forum am
Schlosspark Ludwigsburg
VOLLMOND
Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

29. Mai, 19.30 Uhr,
Komödienhaus
TORUS
Humanhood

29. Mai, 21.30 Uhr,
BOXX
COSMIC A* Charlie Prince/
LA NUIT Nacera Belaza

30. Mai, 15.30 Uhr,
Kiliansplatz
CIRCLE TIME DABKE
Orientalischer Kreistanz zum
Mitmachen für die ganze Familie

30. Mai, 19.30 Uhr,
Großes Haus
KIRINA
Faso Danse Théâtre

30. Mai, 21 Uhr,
Großes Haus
DANSEZ!
Konzert und Tanz, für alle

31. Mai, 15.30 Uhr und 19.30 Uhr,
BOXX
ONCE UPON A TIME IN HEILBRONN
Tanztheaterprojekt von Barbara Buck
mit Darsteller*innen aus Heilbronn
und Umgebung

31. Mai, 21 Uhr
K3-ebene 3
TIMELIGHT -TIMELESS
Funk & Soulkonzert mit Jeremy Riley

1. Juni, 15.30 Uhr,
BOXX
ONCE UPON A TIME IN HEILBRONN
Tanztheaterprojekt von Barbara Buck
mit Darstel ler*innen aus Heilbronn
und Umgebung

1. Juni, 19.30 Uhr
Großes Haus
QUEEN BLOOD


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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