Tagebuch des entmachteten Heilbronner Bürgermeisters Emil Beutinger

Heilbronn  Das Tagebuch des von den Nazis 1933 aus dem Amt getriebenen Oberbürgermeisters Emil Beutinger (1875-1957) war nach dem Krieg lange gesperrt. Nun konnte es die Heilbronner Stimme im Stadtarchiv Heilbronn einsehen.

Von unserer Redaktion

Tagebuch des entmachteten Bürgermeisters Emil Beutinger

Hier leicht redigierte und gekürzte Auszüge:

"Am 10. November brannte morgens die Synagoge ab. Um 7.15 Uhr war die Kuppel eingestürzt und es brannte im Inneren weiter − Brandstiftung, denn gleichzeitig brannten alle Synagogen in Deutschland, mit ganz wenigen Ausnahmen. Um halb 4 Uhr morgens ertönten einige schwere Schläge wie Kanonenschläge, das waren die Brandbomben. Die Feuerwehr sah untätig zu − denn die Synagoge sollte ja abbrennen. Es war "die Rache des Volkes" über den Mord an dem Botschaftsrat vom Rath in Paris.

Nachmittags etwa um 4 Uhr wurde ich telefonisch gewarnt, nicht nach Hause zu gehen − denn ich würde sicher überfallen werden. Die Stimme am Telefon war sicher verstellt − aber sehr dringend. Ich befolgte den Rat und fuhr ohne jedes Gepäck, so wie ich gerade im Büro war, nach Stuttgart.

In der Nacht hatte man Schaufenster der Judengeschäfte eingeschlagen und die Auslagen der Fenster demoliert und auf die Straße geworfen. Es sah schauderhaft aus. Auf den Gehwegen lagen in hohen Haufen die Scherben und der Mob vergnügte sich noch am Donnerstag abends, Steine in die offenen Fenster zu werfen.

Aber die Masse der Bevölkerung stand ablehnend diesem Treiben gegenüber. Einzuschreiten getraute sich niemand − ebenso wenig wie die Polizei, welche teilnahmslos zusah. Wer aber gegen die Sache etwas zu äußeren wagte, wurde verhaftet. Alle erwachsenen jüdischen Männer unter 60 Jahren wurden verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht. Ob man dorthin auch Frauen brachte, weiß ich noch nicht."

Mehr zum Thema: Die Nacht, in der die Synagogen brannten  

 

 


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