Stummer Schrei nach Wasser: Schäden in den Wäldern

Region  Hitze und Trockenheit haben Wälder geschwächt und Schädlingen den Boden bereitet. Wenn Niederschläge in den nächsten Monaten ausbleiben, drohen enorme Schäden. Vor allem eine Baumart hat keine Zukunft mehr.

Von Reto Bosch
Schadholzunfall im Landkreis Heilbronn

 

Christian Feldmann trägt keinen weißen Arztkittel, sondern grünes Hemd. Wenn der Chef des Kreisforstamts über den Gesundheitszustand der regionalen Wälder redet, klingt er trotzdem wie ein besorgter Arzt.

Wie ein Arzt, der sich Mühe gibt, die Angehörigen nicht zu sehr zu erschrecken, aber trotzdem Klartext reden will. Er sagt: "Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind wir noch einigermaßen glimpflich davongekommen. Wenn es in den kommenden Monaten nicht genügend regnet, droht aber eine Katastrophe."

Immunsystem der Bäume ist stark geschwächt

Die Wälder in der Region leiden. Vor allem im Norden des Landkreises. Trockenheit und Hitze haben das Immunsystem der Bäume stark geschwächt. Sie werfen Blätter oder Nadeln ab, sie können sich den Angriffen von Schädlingen nur noch schwer erwehren. Viele Buchen haben schon zur Unzeit ihre Blätter zu Boden segeln lassen. Das verbliebene Laub hat sich früh verfärbt, die Bäume konnten weniger Nährstoffvorräte anlegen. Feldmann befürchtet, dass Buchen absterben werden. "Egal, wie sich das Wetter entwickelt, stark geschädigte Buchen werden nicht mehr austreiben." Das schmerzt besonders, sie ist die wichtigste Baumart in der Region, macht rund ein Drittel des Gesamtbestandes aus.

Neben dem Wetter setzen den Buchen die vielen Jahre mit sehr starkem Fruchtbesatz zu. Wildschweine freuen sich zwar über die große Menge an Bucheckern, den Bäumen geht damit aber viel Energie verloren. Die enorme Fruktifikation - so heißt der Fachbegriff für den Fruchtbesatz - ist laut Christian Feldmann ebenfalls eine Folge des Klimawandels.

Nadelbäumen geht es schlecht

Jerg Hilt, Geschäftsführer der Forstkammer Baden-Württemberg, ist ebenfalls pessimistisch. "Die Folgen der Trockenheit werden die Waldbesitzer noch über Jahre hinaus beschäftigen." Positiv sei, dass das Land eine finanzielle Unterstützung der Waldbesitzer in die Wege geleitet habe. Das helfe dabei, Nasslager einzurichten, Holztransporte zu forcieren und Schadflächen wieder aufzubauen.

Während sich die Eiche wacker hält, schreitet in der Region der Niedergang der flach wurzelnden Fichte voran. Sie liegt im Grunde auf der Intensivstation. Die Nadelbäume können nicht mehr genügend Harz produzieren, um Schädlinge wie den Borkenäfer abzuwehren. Trockenheit und Dürre boten ideale Bedingungen. "Wir hatten dieses Jahr drei Generationen", sagt Feldmann. Für 2019 eine denkbar schlechte Ausgangslage. Die Schädlinge machen es sich in Bäumen oder Bodenstreu gemütlich und warten auf das Frühjahr.

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Gegen den Borkenkäfer wurde zum ersten Mal seit langem wieder gespritzt

"Zum ersten Mal seit vielen Jahren haben wir wieder gegen den Borkenkäfer gespritzt", erklärt der Amtsleiter. Nicht die Bäume, aber die Polter geschnittenen Holzes. "Wir haben das Holz nicht aus dem wald bekommen." Große Fuhrkapazitäten waren wegen der Stürme in den Norden und Osten Deutschlands abgewandert. Nach Ansicht von Jerg Hilt sollte das Transportgewicht für Holz-Laster erhöht werden. "Die Bäume müssen schnell abtransportiert werden." In der Not zeigte das Waldpflegepersonal Kreativität. Förster und Waldarbeiter packten ganze Polter in Deponiefolie ein. Die Hoffnung: höhere Temperaturen könnten die Käfer dahinraffen. Diese Erwartung erfüllte sich nicht, die Schädlinge hatten ihre Entwicklung aber eingestellt und konnten nicht ausfliegen.

Fichte ist seit Jahren auf dem Rückzug

Wenn Feldmann in die Zukunft blicken soll, schaut er zunächst einmal zurück. 2003 schlugen Hitze und Dürre schon einmal zu. "Wir haben damals gesehen, dass über mehrere Jahre hinweg der Verlust von Blättern und Nadeln stark angestiegen ist." In den kommenden Monaten muss es also ordentlich regnen. Ein trocken-heißes Frühjahr würde zur Krise des Patienten führen. Mit Blick auf den Klimawandel glaubt Feldmann, dass die Fichte in der Fläche nicht zu halten sein wird. Ende der 80er Jahre hatte sie in der Region einen Anteil von 28 Prozent. Jetzt sind es laut Feldmann noch zehn bis elf Prozent. Für ihn ist klar: "Der Klimawandel ist das Thema, das Generationen nach uns noch beschäftigen wird."

Preise liegen am Boden

Da viel Sturm- und Käferholz angefallen ist, sinken die Preise für Fichtenholz. Nach Angaben des Heilbronner Kreisforstamtsleiters Christian Feldmann liegen die Erlöse aktuell bei durchschnittlich 50 bis 60 Euro je Festmeter. Im Normalfall seien es 90 bis 95 Euro. Das schmerzt die privaten und kommunalen Waldbesitzer, deren Interessen von der Forstkammer Baden-Württemberg vertreten werden. Sie bewirtschaften eine Million Hektar Wald.

 


 

Viele Folgen

Kommentar: Viele Folgen

Förster gehören in aller Regel nicht in die Gruppe der Schaumschläger und Alarmisten. Deshalb: Wenn Kreisforstamts-Chef Christian Feldmann von einer "drohenden Katastrophe" spricht, hat das Gewicht. Und selbst wenn in den nächsten Monaten genügend Niederschläge fallen sollten, um die ganz großen Kalamitäten abzuwenden, wird der Klimawandel das Gesicht der regionalen Wälder stärker verändern, als es der saure Regen der 80er Jahre jemals getan hat.

Die Fichte zum Beispiel ist zum Auslaufmodell geworden. Sehr zum Leidwesen der Waldbesitzer. Für das schnell wachsende Holz ließen sich gute Preise erzielen - allerdings nur dann, wenn Stürme und gefräßige Schädlinge den Markt nicht mit Nadelholz überschwemmen. Fatale Folgen sind zu befürchten, wenn die Buche stirbt. Sie prägt die Wälder zwischen Eppingen und Wüstenrot wie keine andere Baumart.

Gefragt ist nun ein glückliches Händchen. Die Forstexperten müssen eine klimastabile Baumartenmischung finden, die auch in Jahrzehnten noch den Geschmack der Verbraucher trifft - etwa für Furnier, Möbel oder Bodenbeläge. Die Douglasie könnte ein wichtiges Teil im künftigen Waldpuzzle sein. Das Zertifizierungssystem FSC - fast alle Kommunen in der Region und der gesamte Staatsforst haben sich verpflichtet, die strengen Regeln einzuhalten - beschränkt die Douglasie aber. Nicht ohne Grund, diese Baumart ist nicht heimisch, das Ökosystem muss sich erst an diese Nadelbaumart anpassen. Das zeigt: Der Klimawandel hat im Wald eben nicht nur wirtschaftliche, sondern auch ökologische Folgen.

 

 


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