Steinwüste statt Vorgarten: Was die Folgen für das Stadtklima sind

Region  Immer häufiger ersetzt lebloses Grau in den Wohngebieten lebendiges Grün. Aus den Vorgärten werden Schotterflächen mit gravierenden Auswirkungen für das Stadtklima und die Insekten.

Von Iris Baars-Werner
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Steinwüste statt Vorgarten

Asphalt, Steine, Gabionen: In den Wohngebieten wird Grün immer mehr verdrängt.

Fotos: focus finder/ThomBal/stock.adobe.com

Eine "Verunstaltung des öffentlichen Raumes" nennt die Autorin, Architektin und Denkmalpflegerin Karla Krieger die moderne Variante der Steingärten. Die grauen und schwarzen, bisweilen mit bunten Ornamenten durchzogenen groben Schotterflächen, die sich zusehends ausbreiten, sind für sie "ein Angriff auf die Sinne".

"Ein Dorn im Auge" ist das leblose Grau, welches das lebendige Grün verdrängt, auch für den Leiter des Heilbronner Grünflächenamtes Hans-Peter Barz. "Wenn man sieht, wie jede Pflanze systematisch verbannt wird, dreht sich einem als Gärtner der Magen um", findet er klare Worte.

Dabei mag er sich nicht auf einen Streit über Geschmack einlassen: In den Städten sei der Versiegelungsgrad durch dichte Bebauung und Verkehrsflächen sowie schon hoch, "wenn man jetzt noch die letzten privaten Grünflächen verschottert, versteinert und versiegelt" dann verstärke man das Problem. Das Kleinklima verändere sich gravierend: In den zunehmend heißen Sommern "heizen sich die Steine auf und strahlen nachts zusätzlich Wärme ab."

 

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Schlecht fürs Stadtklima und bei Starkregen

Neben dem Stadtklima verweist Barz auf die zunehmenden Starkregenereignisse. "Im Gras und mit Bepflanzung werden die Regenfälle gepuffert", bei den Steinflächen "aber rauscht das Wasser nur so durch". Die steinernen Gärten nennt auch Gottfried May-Stürmer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Heilbronn "schlecht für den vorbeugenden Hochwasserschutz", die durchschießenden Wassermassen überforderten vielerorts die Kläranlagen. Für ihn kommt hinzu: "Die Steine sind schlecht für die Artenvielfalt."

Gärten mit natürlichem Bewuchs, zumal mit heimischen Pflanzen, "sind normalerweise Lebensräume für allerlei Tierchen", gibt Hans-Peter Barz zu bedenken, "wenn die dort keine Nahrungsquellen mehr finden, hat das dramatische Auswirkungen". Keine Insekten, keine Singvögel: darauf wies jüngst eine Studie hin. Dass "die Monokultur der Tod vieler Insekten und Vögel ist", schreibt Heimatreporterin Moni Bordt im Bürgerportal meine.stimme.de. Sie fragt: "Warum müssen überall Steine in die Gärten gekippt werden?"

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Die Steinwüsten sind nicht wie erhofft pflegeleicht

Steinwüste statt Vorgarten

Dass Steine pflegeleicht sind, hoffen manche Grundstücksbesitzer. "Das ist ein Schmarrn", redet Jörg Biegert Klartext. Der Leingartener Gartengestalter erinnert seine Kunden daran, dass man "Leguminosen wie etwa Klee dadurch nicht abhält", der Staub, der sich zwischen die Steine lege, sei die ideale Nahrungsgrundlage für Unkräuter. "Die robusteren Arten siedeln sich zuallererst an", bestätigt ihn Hans-Peter Barz.

Hinzu kommt umherfliegendes Laub. Weil das nicht herauszuharken ist, hat Biegert schon Hausbesitzer beobachtet, die "mit akkubetriebenem Staubsauger" in den Steinen für Sauberkeit sorgen.

Jörg Biegert lehnt die Herstellung solcher Steinwüsten aus gestalterischen und ökologischen Gründen ab - und hat deswegen schon Stammkunden verloren. Er hält ebenso wie Gottfried May-Stürmer die Schotterflächen baurechtlich für nicht zulässig: "Das ist keine Grünfläche, das Verarbeiten der toten Materie ist ein Bauwerk."

Dadurch werde der rechtlich geforderte Anteil unbebauter Flächen verringert. Dabei hat der Gesetzgeber festgelegt, dass beim Hausbau der Eingriff in die Natur durch Grünflächen ausgeglichen werden muss.

In neuen Bebauungsplänen können Verbote ausgesprochen werden

"Wachsam wie ein Luchs" müssten Städte sein, sagt Dr. Christoph Böhmer, Leiter des Baurechtsamtes Heilbronn. Er ist "hell entsetzt", in welchem Ausmaß Steine eingesetzt werden. "Ein paar Pflänzchen" würden zum Schutz mit Trögen umgeben - "und dann wird der Schotter mit Glyphosat gegen Unkraut abgespritzt".

Steinwüste statt Vorgarten

Ist das noch ein Vorgarten oder schon eine Bebauung? Kommunen können über den Bebauungsplan eingreifen.

Heilbronn geht seit kurzem mit dem Baurecht dagegen vor. Im Bebauungsplan für den Neckarbogen sind erstmals "lose Material- und Steinschüttungen" verboten, auch für die Klingenäcker Sontheim soll diese Regelung gelten. In Alt-Gebieten aber seien dem Rathaus die Hände gebunden.

Aufdruck auf Kassenbon gegen den Trend

Die Neckarsulmer Baumschule Schimmele wehrt sich mit einem Aufdruck auf den Kassenbons: "Für Pflanzen, die in Steinflächen gepflanzt werden, wird keinerlei Gewähr übernommen." Gegen die "wahnsinnigen Temperaturen", die im Sommer um die Pflanzen entstehen, seien heimische Gewächse nicht gewappnet, sagt Thomas Schimmele.

Er setzt auf Beratung der Kunden, etwa, dass hier "keine Biene, keine Hummel auch nur irgendeine Nahrung findet". Und dass die schwere Last den Boden verdichtet, sodass die Kleintiere im Untergrund leiden. Klara Krieger würde ergänzen: "Das Bild spielender Kinder ist in einem solchen Garten nicht vorstellbar." Für Jörg Biegert ist klar: "Das sind keine Biotope für Tier und Mensch."

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Kommentar: Versteinert

Iris Baars-Werner
Iris Baars-Werner. Foto: Mario Berger

Am Anfang tauchte der graue Granitschotter nur vereinzelt auf als ein Element in weitgehend grünen Gärten. Inzwischen haben Städte und Dörfer ganze Neubaugebiete, in denen man das lebendige Grün suchen muss. An seiner Stelle türmen sie sich auf, die grauen und schwarzen toten Steinhäufen. Im Verbund mit der wachsenden Liebe privater und öffentlicher Bauherren zu den sich fast schon wehrhaft auftürmenden Gabionenwänden entsteht das Bild versteinerter Ortschaften.

Nun gehören Gestaltung und Geschmack zu den Freiheiten der Bürger. Und jede Zeit hatte ihre Hässlichkeiten. Stilbildung bei Hausbau, Gartengestaltung und Einrichtungstrends findet inzwischen nicht mehr durch regional tradierte Materialien und bodenständiges Handwerk statt, sondern über Baumärkte und die wöchentlichen Discounterangebote.

Die modische Marotte mit dem vermeintlich pflegeleichten Material hat aber ihre Grenzen dort, wo sie der Allgemeinheit und der Umwelt Schäden zufügt. Das Kleinklima leidet, die Kanalisationen sind überfordert. Die Steinwüsten, die höchstens mal durch eine zurechtgestutzte Konifere unterbrochen werden, bieten Insekten keine Nahrung. Damit die Steine aussehen wie am ersten Tag, wird allerlei Chemie und Pflanzengift eingesetzt.

Es ist die Aufgabe der Städte und Gemeinden, die Bauwilligen (und Gemeinderäte) mit Argumenten aufzuklären. Und wo der Rat nichts fruchtet, muss eben die Tat folgen: über Verbote oder Gestaltungsgebote in Bebauungsplänen.

 


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