Starke Schäden an Rohren im Kernkraftwerk Neckarwestheim

Neckarwestheim  Die Korrosion in den Dampferzeugern von GKN II ist stärker als vermutet. Teilweise haben die von radioaktiver Kühlflüssigkeit durchfluteten Leitungen mehr als 90 Prozent ihrer Wandstärke verloren. Was die EnBW jetzt tun muss, damit der Reaktor wieder ans Netz gehen kann.

Von Reto Bosch
GKN II (Kuppel in der Mitte) ist ein Druckwasserreaktor, der 2022 vom Netz gehen soll. Foto: Archiv/Veigel.

Mehr als 100 Heizrohre in den Dampferzeugern von GKN II weisen zum Teil erhebliche Schäden auf. An manchen Stellen haben die Leitungen bis zu 91 Prozent ihres Wandmaterials verloren. Das sagte das Landesumweltministerium unserer Redaktion.

Die Probleme wurden bei der aktuellen Revision in den Neckarwestheimer Anlagen deutlich. Atomaufsicht und Betreiber EnBW betonen, dass die Rohre trotzdem noch ausreichend stabil waren. Das sieht die Anti-Atomkraft-Organisation "Ausgestrahlt" anders. Matthias Weyland erklärt: "Dass es bislang nicht zu einem Heizrohrbruch und damit zu einem Störfall kam, ist bloßes Glück."

Mehr als 4000 Heizrohre pro Dampferzeuger

In den vier Dampferzeugern von GKN II gibt es jeweils 4100 Heizrohre. Sie transportieren unter hohem Druck die Kühlflüssigkeit des radioaktiv belasteten Primärkreislaufs in die Dampferzeuger, wo der Sekundärkreislauf die überschüssige Wärme abtransportiert. Ein sicherheitsrelevanter Bereich also.

Würde eines dieser 4100 aus einer Eisen-Nickel-Chrom-Legierung bestehenden Rohre reißen, käme es zu einem Störfall. Radioaktiv belastetes Material könnte den besonders gesicherten Primärkreislauf verlassen und in den Sekundkarbereich eindringen. Das Umweltministerium betont, dass die Anlage auch für einen solchen Störfall ausgelegt ist, damit umgehen kann.

101 Rohre sind von Korrosionen betroffen

Bei den regelmäßigen Revisionen müssen die Kernkraftwerk-Betreiber ihre Anlagen auf Herz und Nieren prüfen lassen. Die EnBW gab Mitte September bekannt, dass bei "einzelnen Heizrohren eine Schwächung der Rohrwände" festgestellt worden ist. Inzwischen liegen genauere Infomationen vor. Laut Landesumweltministerium sind 101 Rohre betroffen.

"Die maximale Wanddickenschwächung betrug 91 Prozent", erklärte ein Ministeriumssprecher unserer Redaktion. "Ausgestrahlt" drückt das Dilemma in Millimeter aus: nur noch 0,1 statt 1,2. Die rissartigen Schäden verlaufen zum Teil linear in Umfangsrichtung - was nach Ansicht von "Ausgestrahlt" die Gefahr erhöht, dass die Leitungen abreißen.

EnBW: Sicherheit des Leistungsbetriebs war nicht gefährdet

"Es gab keine Auswirkungen auf die Sicherheit des Leistungsbetriebs", teilte dagegen die EnBW-Pressestelle der Stimme mit. Mit der Aufsichtbehörde, also dem Umweltministerium, sei ein Konzept für die Wartungsarbeiten abgestimmt worden. "Die Rohre werden, je nach Befund, mit Stopfen unterschiedlicher Länge dicht gesetzt", erläuterte die EnBW. Es sei eine ausführliche Ursachenanalyse vollzogen worden. Genau nachvollziehbare chemische Prozesse hätten zu den Wanddickenschwächungen geführt.

Die Atomaufsicht spricht zum einen von punktförmig auftretender Korrosion, aber auch von Spannungskorrosion. Diese Prozesse, so die EnBW, würden künftig so beeinflusst, dass es zu Problemen, wie sie derzeit bestehen, nicht mehr komme. "Dies wird durch umfangreiche Prüfungen in der Revision 2019 erneut untersucht."

Hat die Atomaufsicht das Problem unterschätzt?

GKN II kann erst dann wieder ans Netz gehen, wenn alle Reparaturen abgeschlossen sind. Das Umweltministerium will zudem zusammen mit Gutachtern die von der EnBW vorgelegten sicherheitstechnischen Nachweise prüfen. Erst dann könnte der Reaktor wieder angefahren werden. "Nach derzeitigem Sachstand könnte dies etwa Mitte November der Fall sein", sagte der Ministeriumssprecher.

Für "Ausgestrahlt" steht fest, dass der Karlsruher Energieversorger und die Atomaufsicht das Ausmaß der Schäden unterschätzt haben. "Es ist jedenfalls nicht dem Zufall zu verdanken, dass es keine Leckage gegeben hat", wehrt sich der Sprecher des Umweltministeriums.

Und er ergänzt: "Wir haben haben das Ausmaß der Schäden auch nicht unterschätzt." Da bei der Revision 2017 Auffälligkeiten entdeckt worden seien, habe man für 2018 ein Prüfkonzept vorgelegt, das den nach dem Regelwerk erforderlichen Umfang überschreite. "Dadurch wurden die Befunde rechtzeitig entdeckt."

 


Kommentar: Nicht plausibel

Nicht plausibel

Aufsichtsbehörden, Atomkraftgegegner und Medien sehen den Betreibern von Kernkraftwerken aus guten Gründen genau auf die Finger. Kommt es zu Problemen, müssen diese in vielen Fällen als sogenannte meldepflichtige Ereignisse kommuniziert werden. Zuweilen geht es dabei um in ihrer Relevanz sehr überschaubare Vorgänge. Sie erhalten dann vom Kraftwerksbetreiber eine Klassifizierung nach internationalen Standards. Meist heißt es dann: "Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung."

Fast immer klingt diese Einstufung auch für den Außenstehenden plausibel. Für die korrodierten Heizrohre gilt das nicht. Und für diese Bewertung muss man sich nicht die von "Ausgestrahlt" beschworene Warnung vor einer Super-Gau-Gefahr zu eigen machen.

Teilweise haben die von radioaktiv belastetem Kühlwasser durchfluteten Heizrohre mehr als 90 Prozent (!) ihrer Wandstärke verloren. Große Sicherheitsreserven hatten diese Leitungen nicht mehr. Es geht auch nicht um "einzelne" Rohrleitungen - die EnBW nannte die genaue Zahl auf Anfrage erst gar nicht. Es geht um 101 Rohre. Und da spielt es nur eine untergeordnete Rolle, dass es pro Dampferzeuger 4100 solcher Leitungen gibt. Ein einziger Riss reicht aus, um einen Störfall auszulösen.

Immerhin: Dank einer verschärften Prüfroutine wurden die Schäden noch rechtzeitig entdeckt.

 

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