Stadtgalerie: 56,5 Millionen Besucher in zehn Jahren

Heilbronn  Aus Sicht vieler profitiert der Einzelhandelsstandort Heilbronn durch die ECE-Ansiedlung, doch nicht alle haben sich mit der Stadtgalerie ausgesöhnt.

Von Bärbel Kistner
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Für Roland Nölscher gibt es keinen Zweifel. Der Schuhhändler ist überzeugt, dass es um den Einzelhandelsstandort Heilbronn überhaupt nicht gut bestellt wäre, gäbe es die Stadtgalerie nicht. "Das wäre katastrophal."

Sein Schuhhaus Kaufmann liegt in der Fleiner Straße genau gegenüber vom Eingang der Stadtgalerie. Nölscher hat bereits ein Jahr vor der Eröffnung des Centers am 5. März 2008 mehr als eine Million Euro in seinen Laden investiert: Der Bau der Stadtgalerie hat den Ausschlag gegeben für seine hohe Investition.

Strahlkraft über Heilbronn hinaus

Auch Modehändler Wolfgang Palm steht nach zehn Jahren voll dahinter: "Wäre die Stadtgalerie damals nicht gekommen, wäre das ein herber Verlust für den Handel gewesen", sagt Palm. "Wir hätten viel Frequenz verloren, etwa an das Breuningerland." So sieht man es auch bei der Stadtinitiative: "Wir können gottfroh sein, dass wir das Center haben", erklärt der Vorsitzende Thomas Gauß. "Es gibt dort wichtigen Handel mit Strahlkraft über Heilbronn hinaus." Für die Innenstadt habe die Stadtgalerie große Bedeutung. 56,5 Millionen Besucher wurden bislang gezählt.

 

Auch die Anfrage bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) belegt die Einschätzung der Händler mit Zahlen. Bei den Einzelhandelskennziffern habe Heilbronn von 2003 − das Jahr, in dem die ECE als Projektentwickler den Zuschlag bekam − bis 2017 eine positive Entwicklung zu verzeichnen: Der Einzelhandelsumsatz pro Einwohner stieg von 7613 Euro auf zuletzt 9439 Euro. "Heilbronn steht mit vergleichbaren Städten in Baden-Württemberg überdurchschnittlich gut da", sagt IHK-Sprecher Detlef Schulz-Kuhnt.

Aus heutiger Sicht könne festgestellt werden, dass sich die Ansiedlung eines innerstädtischen Einkaufszentrums insgesamt positiv auf den Heilbronner Einzelhandel ausgewirkt habe. "Die Stadtgalerie wirkt als Frequenzbringer und Einkaufsmagnet."

Dem vielfachen Lob mag sich Wolf Theilacker nach wie vor nicht anschließen. Der damalige Sprecher der Bürgerinitiative "Kein ECE auf dem Landerer-Areal" hat sich in dem Jahrzehnt nicht ausgesöhnt. 13.000 Unterschriften hatten die Gegner gesammelt, um die Stadtgalerie zu verhindern − pro Quadratmeter Verkaufsfläche ein Nein. Der Kommunalpolitiker der Grünen bleibt dabei: "Die Stadt hat damals eine große Chance beim Klosterhof vertan." Der Deutschhof hätte ein "einzigartiger, kultureller Ort werden können, der Blickfang in einem innerstädtischen Park".

Die Stadt erwarb das Klosterhof-Areal

Der Kaufvertrag mit der ECE für das Landerer-Areal war besiegelt, als 2005 die Stadt völlig überraschend das Klosterhof-Areal erwerben konnte. Bei manchen nährte das die Hoffnung auf ein Center im Herzen der Stadt. Aus Sicht der Verwaltung war es dafür zu spät. Grünen-Stadtrat Karl-Heinz Kimmerle findet es dennoch schlimm, "dass OB Himmelsbach damals nicht eine Wende am Klosterhof herbeigeführt hat". Er trauert vor allem dem Spielplatz vor dem Kaufhof nach.

Über seinen früheren Kommentar muss Kimmerle heute ein wenig schmunzeln. Als "Fehlentscheidung und größte städtebauliche Katastrophe" hatte er das Projekt bei seiner Etatrede 2005 bezeichnet. "Heute habe ich meinen Frieden damit geschlossen." Lange habe er das Center boykottiert, "aber inzwischen doch mal was dort gekauft", gibt Kimmerle zu.

Selbst wenn er sich eine leichtere Architektur vorstellen könnte, findet er die Gasse zum Deutschhof hin nicht unattraktiv. Für Wolf Theilacker dagegen bleibt die Stadtgalerie ein "aggressiver Fremdkörper, der den Deutschhof erdrückt".

Heilbronn als enge Stadt

Der Hausherr der Städtischen Museen im Deutschhof, Marc Gundel, kann diese Kritik nicht nachvollziehen: "Das Umfeld hat gewonnen, der Wegeführung hat es viel gebracht." Heilbronn sei schon immer eine enge Stadt gewesen. "Die Größe des Gebäudes hat seine Berechtigung", sagt der Kunsthistoriker. Architektur sei immer auch zeitgeistig.

Eine Diskussion um einen Abriss wie am Wollhaus werde es bei der Stadtgalerie so schnell nicht geben, meint Gundel. Er schätzt nicht nur die "gute, professionelle Nachbarschaft". Wenn Stadtgalerie-Besucher sich etwas zu Essen besorgen, um es dann im Innenhof zu verzehren, sieht er das als eine Bereicherung für seinen Deutschhof.

Veränderungen bei den Händlern

Nach zehn Jahren stehen in der Stadtgalerie die Zeichen auf Umbruch. Von den Mietern der ersten Stunde ist aber noch knapp die Hälfte übrig, rund 35 der 75 Shops und Dienstleister haben ihren Vertrag verlängert. Erfahrene Einzelhändler wie Wolfgang Palm und Thomas Gauß bewerten Veränderungen im Besatz als normale Entwicklung.

Für die individuellen Konzepte, die sich Innenstadtbesucher stets wünschen, sei eine Stadtgalerie nicht der richtige Ort. "Auch ein Luxuscenter war nie angedacht", weiß Gauß. "Das Angebot richtet sich immer nach der Nachfrage." Für Palm haben innerstädtische Center nach wie vor ihre Berechtigung. Der Run der ersten Stunde aber ist Geschichte.

 

 

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