Stadtbahn-Pendler machen ihrem Unmut Luft

Region  Die Zahl der unpünktlichen oder ausgefallenen Stadtbahnen sorgt bei vielen Fahrgästen für Kritik. Die Betreiber versprechen Verbesserungen dieses Jahr.

Von Jürgen Kümmerle
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Die AVG beantwortete Leserfragen zum Thema Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Stadtbahn. Foto: Archiv/Hatos

 

"Ja, die Stadtbahn ist ein Erfolgsprojekt", sagt Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer der Albtalverkehrsgesellschaft (AVG) in Karlsruhe. Die Fahrgäste sind da teilweise anderer Meinung. Trotz gestiegener Fahrgastzahlen haben viele dem gelben Zug aus Karlsruhe den Rücken gekehrt und sind wieder aufs Auto umgestiegen.

Bei Menschen, die auf die Stadtbahn angewiesen sind, ist der Geduldsfaden gerissen. Unpünktliche oder gestrichene Züge, keine Informationen an den Haltstellen; über die Jahre hat sich Frust bei den Fahrgästen der Stadtbahn angestaut. Dieser entlädt sich mitunter auch bei der Redaktion dieser Zeitung. Es ist Zeit, Fahrgäste und AVG-Verantwortliche an einen Tisch zu bringen. Beim Forum der Heilbronner Stimme/Kraichgau Stimme/Hohenloher Zeitung hatten beide Seiten die Gelegenheit, Fragen zu stellen und Antworten zu geben.

Ein großes Ärgernis unter den Fahrgästen ist die Zahl der ausgefallenen Züge. "Der 18 Uhr-Zug fällt aus, der 18.23-Uhr-Zug fällt aus und jedes Mal verschwindet die Verbindung auf dem Display", sagt Evgenia Kokkali-Schröder, die regelmäßig von Heilbronn in Richtung Karlsruhe unterwegs ist. "Man weiß nicht, kommt noch eine Stadtbahn, kommt sie verspätet oder fällt sie ganz aus." Pendler Michael Terner, der in Öhringen-Cappel in die Stadtbahn einsteigt, stimmt Kokkali-Schröder zu. "Wie kann eine Bahn auf einem Gleis einfach verschwinden?"

Fehler im System wurden festgestellt

Egerer von der AVG gibt zu: "Es ist nicht zu erklären, weshalb wir im Zeitalter der Digitalisierung solche Probleme haben." Bei einem gewissen Prozentsatz an Fahrten würden solche Fehler auftreten. "Ich gebe Ihnen recht, das ist total ärgerlich." Die digitalen Anzeigetafeln werden mit bestimmten Daten gefüttert. Bei der Datenübermittlung habe man Fehler im System festgestellt. "Die gute Nachricht ist, dass wir diese Probleme derzeit abarbeiten."

Damit weniger Züge ausfallen, hat die AVG 20 neue Fahrzeuge bestellt. Die ersten sollen Ende 2020 ausgeliefert werden. "Die Wagenkapazität ist beim Thema Pünktlichkeit ein großer Einflussfaktor", sagt Kai Kampermann, Leiter des Fahrbetriebs bei der AVG. Die Strecke S4 soll dabei berücksichtigt werden.

Doch was helfen mehr Wagen, wenn zu den Stoßzeiten einfach zu wenige Fahrzeuge eingesetzt werden? "16.11 Uhr, Abfahrt Heilbronn-Harmonie in Richtung Öhringen, nur ein Fahrzeug. Und das ist total überfüllt. Zwei Stunden später fahren zwei Wagen und es sitzen fünf Leute drin", regt sich Jürgen Weilbacher, Stadtbahnpendler aus Weinsberg, auf.

Mehr Wagenkapazität muss her

"Es gibt im Heilbronner Verdichtungsbereich Leistungen, wo wir wissen, da muss mehr Wagenkapazität her", erklärt Kampermann. "Wenn es gerechtfertigt ist, an einer Verbindung einen Wagen abzuziehen und an einer anderen Verbindung anzuhängen, gehen wir aufs Land Baden-Württemberg zu. Das wird in der Regel auch umgesetzt."

Ein Mangel herrsche aber nicht nur an Wagenmaterial. "Wir haben einen Personalunterbestand", gibt Daniel Sartorius, Leiter Betrieb bei der AVG, zu. Aufgrund der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt habe sich die AVG noch im Jahr 2018 schwergetan, ausreichend Bewerber für den Beruf des Triebwagenführers zu finden. Die Konsequenz: Die AVG hat in Heilbronn eine Personaleinsatzstelle gegründet. Eine Ausbilderin bereitet dort künftige Stadtbahnfahrer auf ihren Beruf vor. "Es stabilisiert sich mehr und mehr. Wir sind in der Lage, die Lorbeeren zu ernten", sagt Sartorius.

Nach Egerers Angaben habe die AVG derzeit noch ein Personaldefizit von 23 Fahrern. Dieser Wert habe vor vier Jahren noch deutlich höher gelegen. "Wir schließen die Lücke mit großen Schritten." Dass Service und Zuverlässigkeit besser werden würden, hatte die AVG die vergangenen Jahre immer wieder versprochen.

Ersatzbusse stehen bereit

Die Gäste aus Karlsruhe sind zuversichtlich, dass bereits dieses Jahr deutliche Verbesserungen eintreten. "Wir haben seit diesem Jahr für Heilbronn zwischen 5 und 23 Uhr drei Busse in Warnreserve stehen, die nur darauf warten, von der Leitstelle für Ersatzverkehre abgerufen zu werden", sagt Kampermann. Dies sei eine Reaktion der AVG auf die vielen Störungen entlang der S 4 im Bereich Heilbronn. "Wir bezahlen den Busunternehmer auch dann, wenn er gar keinen Einsatz hat. Täglich zahlen wir dafür, dass der Bus mit Schlüssel im Zündschloss für uns auf dem Hof steht."

Kampermann macht Mut für die Zukunft. 2022 sollen die Streckenlängen der Züge, die derzeit noch die komplette Route von Karlsruhe bis nach Öhringen fahren, verkürzt werden. "Wir arbeiten an einer sogenannten Teilnetzbildung. Die Linien werden in kleiner Einheiten aufgespalten." Dadurch gebe es weniger Umläufe und die Gefahr von Verspätungen verringere sich. Egerer räumt zum Abschluss des Forums ein: "Zuverlässigkeit ist das A und O, damit die Stadtbahn eine attraktive Alternative zum Auto wird."

 


Stadtbahn-Betreiber stellen sich den Fragen der Leser

Die Heilbronner Stimme hat ihren Lesern die Chance gegeben, Fragen zur Stadtbahn zu stellen. Das antwortet die AVG:

 

Warum werden in der Sprinter-Verbindung, die morgens um 9 Uhr in Eppingen Richtung Karlsruhe abfahren sollte, uralte Züge eingesetzt?

AVG: Die AVG hat noch einige ältere hochflurige Zweisystemfahrzeuge in ihrer Flotte. Auf deren Einsatz kann nicht verzichtet werden. Aktuell wird an der Erneuerung und Vergrößerung der Flotte gearbeitet: 20 stufenlose neue Stadtbahnen sind bestellt, werden ab Februar 2020 ausgeliefert.

 

Warum sind zu den Hauptverkehrszeiten nur zwei Wagen unterwegs?

AVG: Die Fahrgastzahlen sind gestiegen, das Angebot muss nachgezogen werden. Dazu gibt es Verträge zwischen der AVG und den Aufgabenträgern. Wie viele Zügen fahren, entscheidet das Land Baden-Württemberg. Die Fahrgastzahlen werden regelmäßig ausgewertet. In enger Abstimmung werden sie bewertet und das Land entscheidet, ob er eine Mehrleistung finanzieren kann und will.

 

Weshalb hat die Stadtbahn, die um 7.05 Uhr von Leingarten nach Heilbronn und um 7.17 Uhr von Heilbronn nach Öhringen-Cappel fährt, immer Verspätung?

AVG: Der Zug ist sehr verspätungsanfällig, weil er einen langen Weg vom Albtalbahnhof in Karlsruhe (5.26 Uhr) bis nach Öhringen-Cappel (7.59 Uhr) zurücklegt. Auf der stark befahrenen Kraichgaustrecke kreuzt er an sieben Stellen mit einem entgegenkommenden Zug: In Grötzingen, Wössingen, Bretten Bahnhof, Gölshausen Industrie, Zaisenhausen, Eppingen und Gemmingen. Der zweigleisige Ausbau der Kraichgaubahn würde für erhebliche Entlastung sorgen.

 

Das gleiche Problem besteht mittags um 15.26 Uhr und 15.36 Uhr Abfahrt Heilbronn/Willy-Brand-Platz nach Öhringen-Cappel.

AVG: Der Zug um 15.26 Uhr ist ein "Langläufer", der bereits um 13.34 Uhr am Karlsruher Albtalbahnhof startet. Schon bei kleineren Verspätungen rückt diese Verbindung sehr eng an den nur zehn Minuten später fahrenden Zug heran. Das Fahrgastaufkommen zu der Zeit ist hoch und die Kunden steigen nachvollziehbarerweise alle in den ersten Zug ein, der kommt. Das kostet Zeit. Die beiden Verbindungen müssten entzerrt werden, was aber nicht ohne Weiteres möglich ist.

 

Wann wird die S42 zwischen Rappenau und Sinsheim ebenfalls im 30 Minuten-Takt ohne Umsteigen und ohne 17 Minuten Aufenthalt in Bad Rappenau bei jeder zweiten Bahn angeboten?

AVG: Über die Taktdichte entscheidet das Land als Aufgabenträger. Wie dicht der Takt ist, hängt von der Zahl der Fahrgäste ab. Die Wartezeiten in Bad Rappenau entstehen, weil die Stadtbahn vom Regionalzug überholt wird. Auf der eingleisigen Strecke mit wenigen, weit voneinander entfernten Signalen müssen die Züge stets warten, bis der nächste Abschnitt frei ist. Um das zu verbessern, müsste die DB Netz AG die Signaltechnik ausbauen. Das muss finanziert werden. Die AVG macht sich im Rahmen des Mobilitätspakts Heilbronn/Neckarsulm für den Ausbau stark.

 

Ich wünsche mir mehr Security-Personal, das vor allem nachts in den Stadtbahnen mitfährt.

AVG: Die AVG setzt Security gemäß einem festen Kontingent ein. Fahrgäste, die bei bestimmten Zügen Bedarf sehen, können eine E-Mail an lobundtadel@avg.karlsruhe.de senden. Die Fachabteilung wird versuchen, die Security entsprechend einzusetzen.

 

Warum fahren Stadtbahnen oft ganz nach vorne an den Bahnsteig, obwohl die meisten Fahrgäste am anderen Ende des Bahnsteigs stehen?

AVG: Die Fahrer dürfen nicht selbst entscheiden, wo sie anhalten. An manchen Bahnhöfen und Haltepunkten geben ihnen Signale den Platz vor. Anderswo will die AVG die Halteplätze durch das Anbringen von "Orientierungszeichen" standardisieren lassen. Der Prozess - gemeinsam mit DB Netz und DB Station & Service - dauert länger. 

 


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