Sorge um das gesamte atomare Erbe

Interview  Franz Wagner von der AG Atomerbe Neckarwestheim erklärt im Stimme-Interview, weshalb er selbst vor geringsten Strahlungsrisiken aus der Atomanlage warnt.

Von Christian Gleichauf

"Es geht um die Frage: Kann man es verhindern?"
Atomkraftgegner von der AG Atomerbe Neckarwestheim halten den Rückbau der Kernkraftwerke grundsätzlich für sehr riskant. Sie wollen die Pläne des Betreibers EnBW und des Landes für den Umgang mit den Gebäuden nicht akzeptieren. Foto: Archiv/Berger  

Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Atomerbe Neckarwestheim warnt vor den Folgen des AKW-Rückbaus (wir berichteten). Franz Wagner (54) aus Heilbronn-Frankenbach, beruflich Internist und einer der Sprecher der AG Atomerbe, erläutert im Gespräch, warum gerade jetzt die schwach strahlenden Teile im Fokus stehen.

 

Herr Wagner, das Ende der Kernkraft in Deutschland naht. Trotzdem besteht weiter das Risiko, dass stark strahlender Atommüll nicht fachgerecht endgelagert wird. Warum sorgen Sie sich da so sehr um die kaum strahlenden Gebäudeteile?

Franz Wagner: Wir sorgen uns um das gesamte atomare Erbe. Auch und gerade darum, wie lange die Castoren noch in Neckarwestheim gelagert werden müssen und wie es mit ihnen weitergeht. Ein Thema ist aber ebenso wichtig: Wir möchten verhindern, dass Radioaktivität aus dem GKN in die Alltagsumwelt der Menschen kommen kann. Wenn die wahrscheinlich oder vermeintlich ungefährlichen Gebäudeteile deponiert oder in den Stoffkreislauf übergeben werden, dann kann nicht mehr nachverfolgt werden, welchen Schaden sie anrichten.

 

Sie sind Arzt: Gilt bei ionisierender Strahlung nicht der Grundsatz, dass mehr gefährlicher ist als weniger?

"Es geht um die Frage: Kann man es verhindern?"

Franz Wagner

Foto: privat

 

Wagner: Richtig. Durch weniger Strahlung entsteht aber eben nicht ein kleinerer Schaden, sondern die Schadenshäufigkeit ist geringer. Eine durch wenig Strahlung ausgelöste Krebserkrankung kann im Einzelfall aber genauso schwerwiegend sein wie eine durch starke Strahlung ausgelöste.

 

Ob eine Krankheit durch natürliche Strahlung oder durch die vielleicht tausendmal kleinere Strahlung des GKN-Materials ausgelöst wurde, könnte man nie herausfinden...

Wagner: Das nicht. Aber nach Schätzungen der Internationalen Strahlenschutzkommission ICRP dürfte hochgerechnet pro Jahr eine niedrige zweistellige Zahl von Todesfällen in Deutschland auf das Konto dieser Abfälle gehen. Das ist nicht sehr viel, aber wen es trifft, den trifft es.

 

Deshalb fordern Sie, dass fast alles Material in Neckarwestheim bleiben soll. Akzeptieren sie hier nicht das Argument der Verhältnismäßigkeit?

Wagner: Es geht immer um die Frage: Kann man es verhindern? Der Einzelne kann es später nicht mehr verhindern. Deshalb halten wir das Vorsorgeprinzip hier ganz hoch.

 

Zur Verhältnismäßigkeit würde aber auch gehören, dass Sie klar sagen, dass Granit-Arbeitsplatten in Küchen wesentlich gefährlicher sind als alles, was aus dem GKN freigegeben wird.

Wagner: Das sage ich auch in meinem persönlichen Lebensumfeld. Und als AG Atomerbe halten wir es für unbedingt notwendig, dass man viel strenger gegen andere Strahlungsquellen vorgeht, für die der Mensch verantwortlich ist. Die Grenzwerte bei Baumaterialien sind viel zu hoch. In der Medizin gibt es Bedarf, die Strahlenbelastung zu reduzieren. Wir entwickeln uns da weiter. Aber es ist schwierig, wenn man einer Bürgerinitiative vorhält, dass sie doch lieber gegen etwas anderes kämpfen sollte.

 

Eine Zusammenarbeit mit den Behörden ist für Sie ausgeschlossen?

Wagner: Nein, wenn die Signale kommen, sind wir offen für konstruktive Arbeit. Aber bei den Scoping-Terminen hatten wir das Gefühl, wir reden gegen eine Wand. Wir gehen übrigens jetzt so aktiv gegen die Abrissgenehmigung vor, weil die Weichen gestellt werden. Wenn die Genehmigung erteilt wurde, ist die Sache entschieden.