So wird der Blaue Turm in Bad Wimpfen gerettet

Bad Wimpfen  Die Zeichen der Zeit nagen am Wahrzeichen der Stauferstadt. Seit einem Jahr laufen nun die verschiedenen Sanierungsmaßnahmen zur Rettung. Im Jahr 2020 soll alles fertig sein.

Der Blaue Turm in Bad Wimpfen ist das Wahrzeichen der Stadt: Schon von Weitem ragt er aus der Silhouette heraus. Was alles getan wird, um den Turm zu retten.

Zwei Jahre lange wurde das Mauerwerk untersucht

4163
2017 fiel der Startschuss für das Mammut-Projekt. Im ersten Schritt wurde der Blaue Turm eingerüstet.

„Der Blaue Turm bedeutet Heimat“, das steht für Bürgermeister Claus Brechter fest. Doch noch etwas ist Ende 2016 sicher: Um das Wahrzeichen zu erhalten, kommt die Stadt nicht um eine teure Sanierung herum. Der Zahn der Zeit nagt an dem einstigen Staufer-Wehrturm, eine viel zu schwere Turmhaube drückt auf das bröckelige Fundament, tiefe Risse ziehen sich durchs Mauerwerk.

Das ergeben zwei Jahre andauernde Untersuchungen der Bausubstanz mit Injektionen, Probebohrungen und Mauersteinprüfung. Bislang hat ein Korsett aus Stahl alles notdürftig zusammengehalten. Die Lösung nun: Den Turm in sich stabilisieren und die Risse im Gestein verkleben. „Wir wollen versuchen, das Füllmauerwerk so zu verfestigen, dass es sich selber trägt“, erklärt Bauingenieur Helmut Maus. Durch die Verfestigung der Mitte erreiche man eine Entlastung der Außenmauer. Rund sieben Millionen Euro werden die Sanierungskosten betragen.

Spendenaktionen und Unterstützer finanzieren die Sanierung

_DSC7927
Das Projekt hat viele Unterstützer.

Einen Großteil der Kosten decken Gelder aus Förderprogrammen ab, rund eine Million muss die Stadt aus eigener Tasche bezahlen. Darum veranstaltet die Verwaltung Spendenaktionen. Die Suche nach einem passenden Logo wird als Wettbewerb ausgeschrieben. Ulrich und Margot Wörner gewinnen mit dem Slogan: „Schotter für den Blauen Turm “. In vielen Wimpfener Läden warten fortan Spendendosen auf Fütterung.

Auch auf dem Weihnachtsmarkt können die Bürger 2016 einen Teil zur Rettung beitragen, indem sie ihren Glühwein aus den vom Handels- und Gewerbeverein designten Blaue-Turm-Tassen schlürfen. Ein Euro pro Tasse fließt in die Deckung der Kosten. Unterstützung erfährt das Wahrzeichen auch von Lidl, Solvay, die Sparkassenstiftung und dem SRH Gesundheitszentrum. Pro Spende ab 10.000 Euro bekommen die Förderer ein Gemälde von Maler Hans Scheuerlen. Der Gesamtspendenstand beträgt momentan 1.171.417 Euro.

Deutschlands einzige Türmerin zieht Ende November aus

Blanca Knodel ist Deutschlands einzige Türrmerin. Im November muss sie ausziehen.

Im Laufe von 2017 fällt der Startschuss für das Mammut-Projekt. In einem ersten Schritt wird der Blaue Turm eingerüstet. Deshalb grüßt Türmerin Blanca Knodel ab Oktober täglich die Gerüstbauer der Firma Preuß aus Heilbronn, wenn die in ihrem Aufzug aus Metall an ihrem Turmfenster vorbeifahren.

Durch die Verbindung von Eisenstangen und -riegeln arbeiten sich Manuel Bergmann, Massimo Dimauro und Mehmet Taskiran bis zur Turmhaube in rund 30 Metern Höhe hoch. Beim Einrüsten lassen sie sich weder vom schwindelerregenden Blick nach unten, noch von dem brausenden Wind aus dem Gleichgewicht bringen. „Das ist der schönste Job der Welt“, findet Manuel Bergmann. „Nach der Sanierung ziehe ich wieder hoch“, kündigt Knodel schon an, da ist sie noch nicht einmal ausgezogen. Ende November ist es dann soweit. Nach 21 Jahren sagt die einzige Türmerin Deutschlands ihrem Zuhause natürlich nicht Lebewohl, sondern nur bis bald.

Die ersten Bohrarbeiten und Tests zur Lärmmessung

_DSF0864
Bis zum Ende der Turmsanierung im Jahr 2020 müssen 12.700 Löcher gebohrt werden.

Anfang März dieses Jahres graben sich die ersten Spiralbohrer kreischend ins Gestein. Ein Test soll zeigen, ob den Anwohnern der Lärm von bis zu drei Bohrern zugemutet werden kann. „Wir wollen ja weiterhin ein gutes Miteinander“, erklärt Bauamtsleiter Roland Löffler. Immerhin müssen 12.700 Löcher bis zum Ende der Turmsanierung im Jahr 2020 gebohrt und mit Eisenstangen oder Mörtel verfüllt sein, um dem Blauen Turm seine Tragfähigkeit zurückzugeben.

Als die Temperatur konstant zehn Grad beträgt, wird der Mörtel über zahlreiche frisch gebohrte Löcher und den darin verankerten Eisenstangen eingebracht. Das Treppenhaus wird zurückgebaut, denn auch im Innern wird Mörtel injiziert. „Durch die Arbeiten kommt Feuchtigkeit ins Mauerwerk. Die Treppe ist ein wesentlicher Teil des Kulturdenkmals, wir wollen ja nicht, dass sie uns wegschimmelt“, erklärt Architekt Stefan Schädel von Strebewerk Stuttgart.

Steinmetze nehmen das Gestein ganz genau unter die Lupe

wim0936
Steinmetze haben das Mauerwerk genau unter die Lupe genommen.

Vom Turmaufsatz beginnend, arbeiten sich Steinmetze herunter, die das Mauerwerk genau unter die Lupe nehmen. Sie arbeiten Fugen aus und entfernen stark beschädigte Steine. Diese werden durch Sand- und Muschelkalksteine von Steinbrüchen aus der Region ersetzt. „Fachleute wählen das neue Gestein sorgfältig aus, denn wir brauchen gute Qualität, die dem Druck des Turms standhält“, sagt Architekt Stefan Schädel. In einem Steinmetzbetrieb werden sie in Form gebracht. Kleine Holzstücke verhindern derweil, dass durch die entstandenen Hohlräume das Mauerwerk drum herum zusammenfällt.

Hinter einzelnen Steinen verbergen sich jedoch auch bis zu einem halben Meter tiefe Löcher. „Die stammen von Sanierungsarbeiten aus dem Jahr 1850. Darin haben die Arbeiter ihr Holzgerüst verankert“, so Schädel. „Aber wenn das die einzige Überraschung bleibt, bin ich zufrieden. Es ist ja ein historisches Zeugnis.“

Seit den Achtzigern gelangt Feuchtigkeit ins Innere

wim0834
Die Sanierungsarbeiten sind im vollen Gange.

Was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist, ist die Feuchtigkeit, die im Mauerwerk steckt. Durch undichte Regen- und Abwasserleitungen konnte seit den achtziger Jahren stetig Wasser ins Innere des Turms gelangen. „Wir haben praktisch ein klatschnasses Mauerwerk. Eine maschinelle Trockenlegung wie bei Wohnungen mit nur 20 Zentimeter dicken Mauern ist hier allerdings nicht möglich“, weiß Architekt Stefan Schädel.

Stattdessen sanieren Stefan Eisen, Volkan Heptunali und Uli Kabon von Rohrreinigung Benz aus Leonberg die Abwasserleitungen. Um sie wieder dicht zu machen, wird mit einer Polymerharz auf die vier bis 13 Meter langen Schlauchinnenwände aufgetragen. „Wenn die Rohre wieder dicht sind, wird alles mittelfristig trocknen“, sagt Stefan Schädel. In Kürze startet die Wartung am Turmdach, das dazu nun komplett eingerüstet ist. Schieferplatten, Bleche und Holzleisten werden begutachtet und gegebenenfalls ausgetauscht.

 


Kommentar hinzufügen