So ging der Tempo-Test der Stimme-Redakteure aus

Region  Wie viel Zeit spart man, wenn man auf der Autobahn schneller als 130 Kilometer pro Stunde fährt? Unsere Kollegen haben den Test gemacht. Das Ergebnis macht die anhaltende Debatte über Tempolimits nicht gerade einfacher.

Von Heike Kinkopf und Jürgen Kümmerle
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Zwei Fahrer machen den Praxistest: Was bedeutet ein generelles Tempolimit auf den Autobahnen eigentlich konkret? Ein Redakteur und eine Redakteurin fahren am vergangenen Mittwoch mit ihren Autos nach Trier. Er fährt maximal 130 Stundenkilometer, sie drückt aufs Gas. Beide kommen entspannt am Ziel an, zu unterschiedlichen Zeiten. Das Tempolimit diskutieren unsere Leser kontrovers.

Tempo-Test der Stimme-Redakteure Kinkopf und Kümmerle
Die Stimme-Kollegen Jürgen Kümmerle und Heike Kinkopf gehen den Tempo-Test entspannt an. Kommen die beiden aber auch so an ihr Ziel?

Punkt 10.30 Uhr geht‘s los. Stimme-Redakteur Jürgen Kümmerle sitzt in einem BMW 218 Diesel, 150 PS. Kollegin Heike Kinkopf fährt einen BMW 116i Benziner, 109 PS. 262 Kilometer liegen zwischen dem Stimme-Hochhaus an der Allee in Heilbronn und der Jahrtausende alten Stadt in Rheinland-Pfalz. Die ersten Kilometer auf der A6 Richtung Hockenheim fahren die zwei praktisch hintereinander. Dann zieht sie davon.

Vor Sinsheim auf Höhe des Rastplatzes Bauernwald ist auf allen drei Fahrstreifen Platz für jedermann. Das ändert sich bis auf eine kurze Ausnahme nicht bis Trier. Hier und da eine Geschwindigkeitsbegrenzung, an die sich beide Fahrer halten. Ankunftszeit? Heike Kinkopf kommt nach zwei Stunden und 35 Minuten am vereinbarten Treffpunkt an. Die Schnellfahrerin ist damit 20 Minuten vor ihrem Kollegen am Ziel. Kraftstoffverbrauch: durchschnittlich 8,1 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Der Diesel des gemäßigt fahrenden Kollegen verbraucht 5,2 Liter je 100 Kilometer.

Weiterlesen: Was für und was gegen ein generelles Tempolimit spricht?


Heike Kinkopf fährt dort, wo es erlaubt ist, schnell. Ihr Fazit:

Der Kollege liegt mir schon seit Tagen mit seinen Argumenten pro Tempolimit in den Ohren. Kaum losgefahren, höre ich im Radio: „Wenn die CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre kontinuierlich weitergehen, ist irgendwann das Grönlandeis weg, und dann sind Amsterdam und Hamburg unter Wasser.“ Wie passend. Der Sender bringt ein Interview mit dem Physiker und Biologen Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker. Den Zusammenhang zwischen CO2-Konzentrationen und den Temperaturen habe die Wissenschaft bereits in den 1980er-Jahren entdeckt, sagt er. Mehr als 30 Jahre später kollabieren Deutschlands Straßen. CO2 ist in aller Munde. Bin ich Teil des Problems? Das geht mir auf der Fahrt durch den Kopf. 

Die Tour macht dennoch Spaß. Ich kenne die Strecke aus dem Effeff. Wie oft bin ich in der Vergangenheit auf dem Weg in die alte Heimat bei Untereisesheim auf die A6 aufgefahren und – zack –  stand ich im Stau? Dieses Mal läuft‘s. Wider Erwarten. Selbst bei Baustellen geht es zügig voran. Kurz hinter Sinsheim stehen Lkw auf der rechten und mittleren Fahrbahn. Die Autos auf der linken Spur fahren. Langsam, aber ohne nerviges Stop-and-go. Dort, wo es erlaubt ist, gebe ich Gas.

Ich fahre gern Auto und gern auch mal schnell. Mit 120 oder 130 auf einer nahezu leeren Autobahn herum zu gurken, würde mich nervös machen, unruhig. Die Zeit wäre sinnlos vertrödelt. Angesichts der ungewöhnlich freien Straßen steht die Tachonadel im Cockpit häufig auf 180. Vorausschauendes Fahren – ein absolutes Muss. Plötzlich zieht ein verrosteter Sprinter von rechts auf meine Spur. Der Lkw, den er überholen möchte, ist noch ein ganzes Stück entfernt. Ich bremse ab und warte, bis er am Laster vorbei ist und rechts einschert. Keine Hektik.

Blauer Himmel, Sonnenschein, Gute-Laune-Musik im Radio. Ein perfekter Reisetag. Das schnelle Fahren erfordert Konzentration. Klar. Anstrengend ist es nicht. Der Vorsprung vor der Ankunft des Kollegen am vereinbarten Treffpunkt reicht locker für den Gang zur Toilette und einen heißen Kaffee von einem Schnellrestaurant. Den genieße ich draußen in der Sonne. 20 Minuten geschenkte Zeit.    


Jürgen Kümmerle stellt den Tempomat auf 130. Sein Fazit: 

Kümmerle und Kinkopf in Trier
Heike Kinkopf ist 20 Minuten schneller am Ziel in Trier als Jürgen Kümmerle. Beide fanden die Autofahrt entspannt.

Wenn nur die A6 nicht wäre. Schon kurz nach der Auffahrt in Untereisesheim verdichtet sich der Verkehr. Vor allem Lkw verstopfen die Autobahn. Kurz nach Sinsheim bleibt ein Lkw im Baustellenbereich liegen. Der Verkehrsfunk warnt davor. Doch der Verkehr auf der linken Spur läuft flüssig. Ich halte mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 Stundenkilometern und werde immer wieder von Lkw auf der mittleren Spur überholt.

Kurz nach der Baustelle dann freie Fahrt. Ab dem Dreieck Hockenheim geht es in Richtung Kaiserslautern. Das Verkehrsaufkommen hat merklich abgenommen. Ich schalte den Tempomat auf 130 Stundenkilometer und genieße die Fahrt. Scheinbar haben sich die anderen Autofahrer mit mir arrangiert. Ich werde so gut wie nicht überholt. Dank der Freisprecheinrichtung telefoniere ich mit Freunden und Bekannten, die ich lange nicht gesprochen habe. Das alles mache ich entspannt nebenher.

Von Kaiserslautern aus geht es Richtung Saarbrücken und Trier. Ich genieße die Landschaft, die langsam an mir vorbeifliegt. Entspanntes Verkehrsaufkommen, das Radio spielt angenehme Musik und die Sonne kündigt aus der Ferne den Frühling an. Ach, kann Reisen mit dem Auto doch entspannend sein. Der Pfälzer Wald, der Hunsrück, Naturpark Saar - wunderschöne zum Teil verschneite Hügel säumen die Autobahn. Der Tempomat nimmt mir einen Arbeitsgang ab. Ich fahre am Moseltal vorbei und habe schon fast vergessen, dass ich mich mir mit meiner Kollegin einen kleinen Wettstreit leiste. Als ich in Trier ankomme, empfängt sie mich am vereinbarten Zeitpunkt. Nein, gestresst wirkt sie nicht. Ich aber fühle mich fast schon erholt. 130 Stundenkilometer – das ist für mich entspanntes Reisen.

 

 

 

 


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