"Sexuelle Belästigungen keine Einzelfälle"

Heilbronn/Berlin  Nachdem ein elf Jahre alter Junge aus Syrien und ein Zwölfjähriger aus dem Irak in Bad Rappenau eine 13-Jährige sexuell belästigt haben, schlagen die Wellen hoch. Die Soziologin Necla Kelek erklärt, welche Rolle die Herkunft der Jungen bei der Tat spielt.

Von Heike Kinkopf
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Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Necla Kelek aus Berlin kritisiert das Frauenbild im traditionellen Islam. Foto: privat

Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Necla Kelek aus Berlin kritisiert das Frauenbild im traditionellen Islam. In ihren Publikationen geht sie der Frage nach, wie sich islamische Werte in Einklang mit der freiheitlichen und demokratischen Grundordnung bringen lassen.

Frau Kelek, wie schätzen Sie als Soziologin sexuelle Belästigungen ein?

Necla Kelek: Für mich sind sexuelle Belästigungen keine Einzelfälle. Sie sind Ausdruck von mangelndem Respekt gegenüber Frauen und Mädchen.

Spielt der kulturelle Hintergrund von Tätern eine Rolle?

Kelek: Natürlich gibt es einen kulturellen Hintergrund. In muslimisch-islamischen Familien sind Frauen und Männer nicht gleich. Dort werden Mädchen zu Gehorsam erzogen; Männer haben die Aufgabe, auf Mädchen und Frauen aufzupassen.

Ihnen wird häufig vorgeworfen, dass sie verallgemeinern und Menschen aufgrund ihrer Herkunft abstempeln.

Kelek: Das tue ich nicht. Ich spreche von Systemen, die Jahrhunderte lang geübt und gelebt worden sind, die in die Emigration getragen werden und sich im System Familie ausdrücken. Zum Beispiel in Form von Kinderehe oder Verschleierung und Kopftuch bereits bei Mädchen, damit sie in der Öffentlichkeit unsichtbar für fremde Männer sind. Es drückt sich auch statistisch in der vergleichsweise geringen Erwerbsquote von türkischen Frauen aus. Das ist selbstverständlich nicht bei allen Muslimen so.

Mit welchen Fragestellungen sollten wir uns auseinandersetzen?

Kelek: In Deutschland wird der Fehler gemacht, dass eine offene Gesellschaft für alle selbstverständlich ist. Es wird nicht berücksichtigt, dass diese Offenheit für viele andere auf der Welt nicht gilt. Es gibt eine Kulturdifferenz. Die offene Gesellschaft ist auf Ich-Werdung gepolt. Wir erziehen Kinder zur individuellen Freiheit und Selbstständigkeit. Die Kollektiv-Gesellschaft der muslimisch-islamischen Familie setzt auf Anpassung und Gehorsam gegenüber Älteren und die Teilung der Gesellschaft in Männer und Frauen. Das fängt in Kindergärten und Schulen an. Pädagogen sollten sich bewusst sein, dass ein Mädchen mit Kopftuch in diesem System lebt und dass manche Kinder in diesen Familienstrukturen groß werden.

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