Sex im Netz: Wie Nacktbilder das Leben verändern können

Region  Soziale Netzwerke verändern Pubertät und Beziehungen junger Menschen. Mehr Aufklärung durch die Eltern ist nötig.

Von Heike Kinkopf
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Wenn Mädchen, aber auch Jungen, eine freizügige Aufnahme von sich versenden, steckt dahinter häufig ein Flirtversuch. Foto: Archiv/dpa

Die 14 Jahre alte Melanie befindet sich gerade auf dem Weg nach Hause, als sie eine WhatsApp-Nachricht von ihrer Schwester erhält. "Du, pass auf, da gehen Bilder von dir rum." Der Nachricht hängt ein Foto an. Das Mädchen aus dem Hohenlohekreis klickt es an. Melanie sieht - sich selbst. Nackt.

Ihr Freund verbreitet es. Alle in Melanies Klasse sehen das Nacktfoto; die ganze Schule weiß Bescheid. Es verbreitet sich in Null Komma nichts. "In den ersten drei Tagen war es mein Untergang", sagt Melanie.

Melanie heißt eigentlich anders. Das Ereignis beschäftigt sie fast ein Jahr danach immer noch. Beim Erzählen verschränkt sie die Arme vor der Brust, als wolle sie sich schützen. Schützen vor der Scham, die sie empfand; vor der großen Enttäuschung über den Verrat des Freundes, dem sie vertraute; vor dem Unverständnis. "Er war 17 oder 18 Jahre alt", erzählt sie.

Melanie ist kein Einzelfall

"In dem Alter hätte er doch wissen müssen, wie ein Mädchen sich mit so was fühlt. Er wusste doch ganz genau, dass das Bild von mir in der Schule rumgeht, wenn er es nur einem anderen schickt."

Das Erlebnis hinterlässt bei der jungen Hohenloherin Spuren. Sie ist kein Einzelfall. Das Netz verändert Kindheit und Jugend. "Sex geht online", sagt Dr. Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln bei einer Fachtagung vor wenigen Wochen in Öhringen.

Die Psychologin weiß, wie sich Kinder und Jugendliche in der virtuellen Welt bewegen. Sie erforscht die Auswirkungen auf Verhalten, Meinungsbildung und auf den Selbstfindungsprozess junger Menschen.

"Zweijährige können nicht mit dem Handy umgehen, sie können wischen"

"Eltern sind stolz und glücklich, wenn ihr Zweijähriger mit dem Handy umgehen kann", so ihre Erfahrung. "Aber Zweijährige können nicht damit umgehen. Sie können es nur benutzen, sie können wischen." Katzer verteufelt soziale Medien und das Internet nicht. Sie lenkt den Blick auf die Folgen für Beziehungen.

So fühlen sich Katzer zufolge junge Menschen durch WhatsApp gestresst. Reagiert der andere nicht auf eine Nachricht, entstehe sofort die Unsicherheit: Mag der andere mich nicht mehr? Habe ich etwas falsch gemacht? Außerdem führt die starke Handy-Nutzung bei etwa 20 Prozent der jungen Leute zu Problemen in der Schule.

Man will sich selbst im Netz sehen

Und: Narzissmus nehme zu, um nur drei Punkte zu nennen. Weil es gang und gäbe ist, Fotos von sich zu posten, Nachrichten zu senden, sich selbst im Netz darzustellen, nimmt auch der Kommunikationsdruck zu. "Bin ich nicht on, bin ich nicht da", bringt es Katzer bei der Fachtagung der Beratungsstelle Infokoop auf den Punkt. "Selbstdarstellung wird zum Muss."

Dabei posten Jungen und Mädchen Unterschiedliches. Mädchen achten laut Katzer stärker darauf, schlank und schmal zu wirken, Jungen verwenden Perspektiven, die sie größer und kraftvoller erscheinen lassen.

Sexualität spielt im Netz eine wesentliche Rolle, weil sie zur Pubertät dazugehört. Es geht um die eigene Identität, die nicht mehr nur über Begegnungen im realen Leben von Angesicht zu Angesicht ausgelotet wird. Die Selbstfindung junger Menschen verlagert sich in die sozialen Netzwerke. "Es geht nicht mehr ums Verliebtsein, um Gefühle oder Schmetterlinge im Bauch, sondern um Sex", sagt Catarina Katzer.

Ein falsches Bild von Sexualität

Sex-Videos, die im Netz leicht zu finden sind, tragen zu dieser Entwicklung bei. Häufig kommen Minderjährige unfreiwillig mit ihnen in Kontakt. Studien zufolge hat etwa die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen online Hardcore-Pornos gesehen, sagt Katzer. Bei den 14- und 15-Jährigen sei es ein Drittel. Fotos und Videos können ein falsches Bild von Sexualität vermitteln, warnt Katzer. Gewalt und Sex scheinen zusammenzugehören. "Händchenhalten wird nicht gezeigt." Dies präge sexuelle Erwartungen an den Partner.

Zurück zu Melanie. Sie wundert sich nicht, als ihr Freund ihr ein Bild von seinem Penis schickt. Nicht, dass sie es toll findet. "Das ist nicht so schön", sagt sie. Geschockt ist sie jedoch nicht. Warum der Freund ihr das Genital-Foto sendet? "Er dachte, er kann mich damit unter Druck setzen", sagt Melanie. Wenn er sich entblößt, kann er das Gleiche von ihr verlangen, so die einfache Rechnung. Sie geht auf. Nicht nur in Melanies Fall.

Nacktbilder als Vertrauensbeweis

In Eppingen-Kleingartach weiß Lehrerin Doris Hohmann von einer Schülerin zu berichten, die eine ähnliche Erfahrung gemacht hat. Ein 15 Jahre altes Mädchen sendet ihrem gleichaltrigen Freund ein Nacktbild von sich. "Für sie war es ein Vertrauensbeweis", erzählt Hohmann, die an der Fachtagung teilnimmt.

Die beiden Jugendlichen verabreden, das Foto des jeweils anderen sofort wieder zu löschen. Das Mädchen hält sich an die Übereinkunft, der Junge verbreitet die Aufnahme. "Das war eine heftige Erfahrung, es kam zu starken Konflikten", erinnert sich Hohmann.

Thema im Unterricht

Die Lehrerin weiß, wie wichtig jungen Leuten das Präsentieren im Netz ist. "Alles wird fotografiert" - das Essen, das neue Kleidungsstück, die neue Frisur. Alles. "Es ist ein sich Mitteilen, es geht darum der Welt zu sagen: Ich bin da." In der Schule wird jeder dazu angehalten, das Bild von der 15-Jährigen zu löschen. Im Unterricht wird darüber gesprochen. Doris Hohmann macht dabei die Erfahrung, dass ältere Schüler auf jüngere einwirken können.

Cyberpsychologin Catarina Katzer bestätigt: Wenn Mädchen, aber auch Jungen, eine freizügige Aufnahme von sich versenden, steckt dahinter häufig ein Flirtversuch. Sie wollten ihren Partner beeindrucken oder ihm das Bild zum "Geschenk" machen. Sie suchten Nähe und Intimität. Eher für Jungen typisch sei es, dass sie eine Nacktaufnahme wie eine Trophäe behandelten.

Wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche vor negativen Erfahrungen im Netz zu schützen, kommt Bildungseinrichtungen eine besondere Rolle zu. "Wir Lehrer müssten fit gemacht werden", sagt Doris Hohmann. Junge Leute bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit auf einzelnen Kanälen wie Instagram oder Snapchat, über die viele Erwachsene wenig wissen. "Meine Schülerinnen haben mir Snapchat auf dem Handy installiert", erzählt Hohmann.

Lücken in der Lehrerausbildung

Die Mädchen erklärten ihr dabei sofort, worauf sie achten solle und welche Risiken damit verbunden seien. Catarina Katzer fordert Bildungseinrichtungen auf, Druck auf die Politik auszuüben. Medienkompetenz müsse ein Thema der laufenden Fortbildung werden. Wie benutzen wir Technologie? Was macht sie mit uns? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen fehle in der Lehrerausbildung, kritisiert Katzer.

In der Pflicht stehen zudem Eltern. Noch zu oft lässt sich beobachten, dass "Kinder online fitter sind als ihre Eltern", so Katzer. Die Erwachsenen täten sich außerdem schwer damit, ihren Nachwuchs zu reglementieren aus Angst, die Kinder verpassten technisch den Anschluss. Aufklärung finde heutzutage seltener in der Familie statt. "Jugendliche", sagt Katzer, "vermissen das direkte Gespräch und gehen ins Netz."

 

Welche Erfahrungen die Polizei macht

Der Begriff Cyber-Grooming umfasst Fälle, bei denen sich Erwachsene in Chatforen oder auf Internet-Plattformen wie Facebook und Instagram als Jugendliche ausgeben und Kontakt zu Minderjährigen suchen. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche im realen Leben zu treffen und in schwerwiegenden Fällen sexuell zu missbrauchen. Wer sich im Internet eine Scheinidentität aufbaut, mit der Absicht, Minderjährige zu belästigen und zu missbrauchen, kann zu einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren verurteilt werden.

Im Polizeipräsidium Heilbronn hat Heiko Gieser mit solchen Straftaten zu tun. Dass junge Opfer von sich aus Anzeige erstatten, komme selten vor. Meist gehen Anzeigen von Eltern aus. Täter gehen oft so vor, dass sie das Kind oder den Jugendlichen auffordern, ein Bild von sich in Unterwäsche zu senden. Das verwenden sie dann als Faustmaterial um weitere Fotos zu erhalten, mit Nacktaufnahmen zum Beispiel, oder um Videos mit sexuellen Handlungen zu bekommen.

"Was überrascht, ist, wie schnell, direkt und unverblümt es in den Chats zur Sache geht", sagt Gieser. Minderjährige seien auch deshalb leichte Opfer, weil sie neugierig seine und sexuelle Erfahrungen zum Erwachsenwerden dazugehörten. Wenn das erste Bild erst einmal geschossen und versendet worden sei, nehme schnell der Druck zu, weitere Fotos zu liefern. Nur die wenigsten Fälle landen bei der Polizei. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein, meint Gieser. 

 

Veranstaltung

Häufig wissen Eltern und Lehrer nicht, auf welchen Seiten ihre Kinder im Web surfen, welche Fotos sie mit Freunden oder sogar fremden Personen online austauschen. Das Präventionsprojekt „Sicher@net“ der Sozialstiftung der Kreissparkasse setzt genau hier an. Ziel des vor fünf Jahren für die Klassenstufen 5 und 6 initiierten Programms ist es, dass Kinder sich sicher im Netz bewegen und sich zu mündigen und kompetenten Mediennutzern entwickeln. Ebenfalls zentral dabei: die Rolle der Erwachsenen. Deshalb werden bei den jährlich zweimal stattfindenden Aktionswochen für Schüler auch sogenannte Elternabende angeboten.

Im Rahmen des diesjährigen Safer Internet Days veranstaltet „Sicher@net“ am Montag, 5. Februar, ab 19 Uhr einen großen Elternabend für Mütter, Väter, Lehrer und weitere Interessierte. Unter der Überschrift „Generation online – Für mehr Respekt in den digitalen Medien“ diskutieren Experten der Mecodia Akademie, der Polizei Heilbronn, der Schulpsychologischen Beratungsstelle des Staatlichen Schulamts Heilbronn und der Verbraucherschutzorganisation Diagnose:funk aktuelle Themen zum respektvollen Umgang in den digitalen Medien. Veranstaltungsort ist „Unter der Pyramide“, Am Wollhaus 14. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung erforderlich. 

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www.ticketshop-kskhn.de

 


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