Seit 40 Jahren leben Waldorfschüler mit Vorurteilen

Heilbronn  Gegen Atomkraft für ganzheitliche Bildung: Die Freie Waldorfschule feiert ihr 40-jähriges Bestehen mit einer Festwoche, die am Freitag, dem 5. April, beginnt. Zeit, einige Vorurteile aufzuklären, die sich über all die Jahre gehalten haben.

Von Tanja Ochs

Beim Lernen praktische Erfahrungen sammeln

Das Waldorfcampus an der Max-von-Laue-Straße ist in den vergangenen vier Jahrzehnten stetig gewachsen. Auch das Schulgebäude wurde immer wieder erweitert, zuletzt vor zehn Jahren.

Foto: Tanja Ochs

Alles begann mit einer Protestwelle. Eltern, die in den 70er Jahren gegen den Bau des Kernkraftwerks in Neckarwestheim demonstrierten, wollten mit ihrer Initiative für eine neue Schule "einen positiven Blick in die Zukunft werfen", erzählt Martin Böhm, Lehrer an der Freien Waldorfschule in Heilbronn.

Die Gruppe aus Atomkraftgegnern gründete zuerst den Waldorfkindergarten und plante anschließend die Schulgründung im Sinne der Waldorfpädagogik. Es sollte die erste Privatschule im Raum Heilbronn werden.

1978 begannen die Planungen, im selben Jahr startete der Unterricht in den Klassen eins bis fünf. Seitdem steigen die Schülerzahlen, bis zur Klasse 13 gibt es immer wieder auch Quereinsteiger. 34 Schüler lernen im Schnitt pro Klassenstufe. Tendenz steigend, sagt Böhm. Viele Eltern seien auf der Suche nach einer Alternative zum staatlichen Schulsystem, sagt Martin Böhm. In der Waldorfschule entscheiden sie sich für eine ganzheitliche Bildung.

 

Nicht nur reden

Die Kinder sollen erleben, was sie lernen. "Wir legen Wert auf Gefühlswelt, Seelenleben und das Tätigwerden", sagt Martin Böhm. Neben dem kognitiven Lernen gehe es immer um praktische Erfahrung, zum Beispiel im Garten oder der schuleigenen Schmiede. "Wir reden nicht nur über ein Thema", sagt Martin Böhm, der selbst Waldorfschüler war.

Die Jugendlichen können in der Einrichtung Haupt- und Realschulabschluss oder Abitur machen. Dafür wird ab Klasse zehn zum Teil getrennt unterrichtet. Die erste Abschlussjahrgang hat die Schule 1987 verlassen. Seitdem wurde das Gebäude oft erweitert: Saalbau, Schülercafé, Anbau für Kernzeitbetreuung und Schulküche sind entstanden. Mit Kleinkindhaus und Kindergarten bildet die Schule den Waldorfcampus.

Leben mit Vorurteilen

Martin Böhm weiß um die Vorurteile, mit denen Waldorfschüler konfrontiert sind. "Damit leben wir", erklärt der Lehrer. Dabei macht das Bildungskonzept weit mehr aus als der viel zitierte Buchstabentanz, der Teil des Eurythmieunterrichts in der Grundschule ist. Orchester, Chor, Theater, Handwerk und regelmäßige Praktika gehören zum Schulalltag, aber auch tägliche Lektüre und gemeinsames Musizieren. Trotzdem gilt der Lehrplan. "Wir sind kompatibel mit staatlichen Schulen", erklärt Martin Böhm. Die Prüfungen müssen seine Schüler bestehen, auch wenn sie vorher keine Noten bekommen haben. Unter jede Arbeit schreibt Böhm stattdessen einen persönlichen Text, um die Schüler zu motivieren.

Das Prinzip der selbstverwalteten Schule setzt auf Elterninitiative und Zusammenarbeit. Einen Rektor gibt es nicht, dafür die Gesamtkonferenz als Beschlussorgan. Auch sonst sind Eltern mit im Boot, leisten Arbeitsstunden und engagieren sich. "Es ist ein Miteinander", erklärt Martin Böhm. In der Waldorfschule steht die Gemeinschaft an erster Stelle. "Hier geht es um die Begegnung", erklärt Martin Böhm.

Festwoche mit viel Programm

Alle gemeinsam wollen das Jubiläum gebührend feiern. Die Festwoche beginnt am Freitag, 5. April, mit einer Vorstellung der schuleigenen Zirkus-AG. Es folgen Festakt, Konzerte und eine Ausstellung am Wochenende.

Nachdem Christiane Kutik am Dienstag, 9. April, ab 20 Uhr über "Grundlagen für eine gelingende Erziehung" referiert hat, gibt es am Mittwoch eine Podiumsdiskussion. Ehemalige Waldorfschüler wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und Auslandskorrespondentin Esther Saoub erzählen dabei, wie die Waldorfpädagogik ihren Werdegang geprägt hat. Aktionstag und Eltern-Lehrer-Fest beenden die Festwoche am 12. April.

 

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