Schulstreik fürs Klima wird zur globalen Bewegung

Berlin/Region  Seit Monaten streiken Schüler fürs Klima. Jetzt werden sie von mehr als 12.000 Wissenschaftlern offiziell unterstützt. Eine Unterschriftenliste wird heute in Berlin übergeben. Aber auch in Heilbronn nutzen Jugendliche den Tag, um ihre Forderungen zu äußern.

Von Milva-Katharina Klöppel und Tanja Ochs

Schulstreik fürs Klima wird zur globalen Bewegung

Bei der ersten Fridays-for-Future-Demonstration in Heilbronn waren es rund 400 Schüler, am heutigen Freitag hoffen die Initiatoren auf noch mehr Teilnehmer.

Foto: Ralf Seidel

Noch könnte die Menschheit zurück. "Aber wir haben kaum noch Zeit", sagt Professor Mojib Latif. Der Klimaforscher hofft, dass die Jugendbewegung Fridays for Future ein Umdenken in Sachen Klimaschutz anstößt. Seit Wochen fordern Schüler auf der ganzen Welt bei ihren Demonstrationen eine nachhaltige Klimapolitik. Heute sind Demonstrationen in rund 105 Ländern geplant, auch in Künzelsau und Heilbronn wollen Schüler aktiv werden.

Die Aktionen sind längst mehr als ein Schulstreik. FDP-Politiker Christian Linder hatte vergangene Woche noch gefordert, die Jugendlichen sollten den Klimaschutz den Profis überlassen. Dabei habe die Zukunftsangst der Jugendlichen nichts mit Schwarzmalerei zu tun, sagt Latif. Deshalb hat er gemeinsam mit anderen Wissenschaftler eine Stellungnahme veröffentlicht. "Die Anliegen sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus", heißt es darin. Eine ähnliche Stellungnahme gibt es auch von belgischen Wissenschaftlern.

Es gibt keine Erde B

In Deutschland hat Mojib Latif das Schreiben mitformuliert, das Professor Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, am Dienstag in Berlin präsentiert hat. Zu den Unterstützern gehört auch der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen, der vor allem auf die medizinischen Folgen des Klimawandels verweist. Der betreffe nicht nur Bangladesh, das habe der vergangene Sommer bewiesen. "Es gibt keinen Plan B, wenn es keine Erde B gibt", betont Hirschhausen. Er sei sehr froh, "einer dieser Profis zu sein", so der Journalist.

Mit ihm haben sich mehr als 12.000 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihrer Unterschrift hinter die Forderungen von "Fridays for future" gestellt. Die Unterschriftenliste soll den Jugendlichen bei der heutigen Demo in Berlin übergeben werden. Auch in Heilbronn ziehen Schüler heute ab 11.30 Uhr zum dritten Mal durch die Innenstadt. "Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, als Jugendlicher seine politische Meinung kundzutun", rechtfertigt Gregor Landwehr (20), einer der Heilbronner Organisatoren, die Aktionen. "Viele dürfen noch nicht wählen, haben wenig Entscheidungsmacht."

Mehr zum Thema: Wie Heilbronner Schüler den Klimastreik organisieren - und darüber mit Lehrern und Eltern streiten

Schulstreik fürs Klima wird zur globalen Bewegung
Einsatz für den Klimaschutz: Grit Harfensteller und Gregor Landwehr engagieren sich in Heilbronn.

Die Schüler fordern unter anderem einen schnelleren Kohleausstieg, weniger Treibhausgase und die Umsetzung des Pariser Abkommens. Darin hatten sich Staaten 2015 unter anderem verpflichtet, die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten.

Doch dem Versprechen folgten keine Taten, von einem Umsetzungsproblem spricht Mojib Latif. "Die Schüler merken, dass alles nur Lippenbekenntnisse sind." Doch der "point of no return" komme näher, warnt der Forscher. "Wir gehen in eine Richtung, in der wir die Dinge nicht mehr umkehren können." Dabei wäre Klimaschutz vor 40 Jahren, als die erste Weltklimakonferenz in Genf das Problem der Erderwärmung thematisierte, noch einfach gewesen, meint Latif. Heute, nachdem der Kohlendioxid-Ausstoß explodiert ist, seien Veränderungen "eine Riesenherausforderung".

Mehr zum ThemaDie Bewegung Fridays for Future plant am Freitag Proteste in 105 Ländern. Unterdessen haben Politikern die schwedische Aktivistin Greta Thunberg für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.  

 

Der richtige Zeitpunkt für Veränderung

Der Anstoß müsse aus der Zivilgesellschaft kommen. Der Wissenschaftler hofft auf den Erfolg der FFF-Bewegung. Es könnte der richtige Zeitpunkt sein, so Latif: "Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen". Im vergangenen Sommer sei es für alle spürbar gewesen. "Man kann sich dem nicht entziehen." Umsetzen müsste man seiner Ansicht nach zunächst Verkehrswende und Kohleausstieg. "Es ist wichtig, dass Deutschland wieder Vorreiter beim Klimaschutz wird", so Latif. Da sei in den vergangenen zehn Jahren nichts passiert. Im Schneckentempo lasse sich der Klimawandel nicht aufhalten.

Dass aber auch kleine Schritte zum großen Ganzen beitragen können, davon sind die Heilbronner Jugendlichen überzeugt. "Öffentlicher Zugang zu Trinkwasser wäre ein erster Schritt", befürwortet Grit Harfensteller freie Wasserspender in der Stadt. "Dann könnte jeder seine Trinkflasche aus Glas auffüllen und müsste nicht dauernd Plastikflaschen kaufen."

Jugendliche sind stärker an Politik interessiert

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Professor Mojib Latif unterstützt die Forderungen der Schüler.

Die hohe Zahl der Teilnehmer der Protestbewegung überrascht Politiker und Wissenschaftler. Die unter 20-Jährigen heute scheinen stärker an Politik interessiert zu sein als die Generation vor ihnen. Das Thema Umweltschutz gewinnt an Bedeutung.

In Parteien oder Umweltinitiativen wie Greenpeace sind die wenigsten organisiert. Auch Ideologien, wie bei früheren Protestbewegungen, spielen keine Rolle. "Wir sind eine unabhängige Gruppe", betont der Heilbronner Abiturient Gregor Landwehr. "Aber sicherlich werden die Kommunalwahlen ein Thema sein." Die junge Generation ist dabei überraschend ehrlich.

Die Jugendlichen wissen, dass sie noch nicht so leben, wie sie es eigentlich selbst wollen. "Wir fliegen auch jedes Jahr in den Urlaub", gibt beispielsweise Grit Harfensteller (18) zu bedenken. Auch wenn sie "da so reingewachsen sei", kann sich die Abiturienten auch gut einen Campingurlaub am See vorstellen. Die Jugendlichen wissen, dass sie es allein nicht schaffen, und haben deswegen eine starke Sehnsucht nach staatlichen Vorgaben.

Zeitplan in der Region

2,8 Kilometer laufen die Schüler heute durch Heilbronn. Start ist um 11.30 Uhr am Götzenturm, der Abschluss ist auf dem Kiliansplatz. Die Künzelsauer starten um 13.15 Uhr am Alten Rathaus.

 

Klimaziele werden nicht erreicht

Laut einer aktuellen Studie des New Climate Institute im Auftrag der Bürgerbewegung Campact wird Deutschland mit den jetzigen Klimazielen der Bundesregierung die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Klimaabkommens weit überschreiten. Demnach müsste Deutschland seine Treibhausgasemissionen bereits 2030 auf Null senken, um seinen Beitrag zur Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5 Grad zu leisten.

Derzeit strebt die Bundesregierung an, erst 2050 klimaneutral zu sein. "Wir brauchen eine kollektive Kraftanstrengung, um die Klimakrise aufzuhalten", sagte eine Campact-Sprecherin.

 
 
 
 
Ein gemeinsames Ziel

Kommentar: Ein gemeinsames Ziel

Während sich manche Menschen den Kopf darüber zerbrechen, ob zwei Stunden Unterrichtsausfall den Noten schaden, steigt der Meeresspiegel kontinuierlich an. Weltweit liegt er heute im Schnitt knapp 20 Zentimeter höher als 1990 – das ist laut Forschern der Anstieg in nicht mal 30 Jahren.

Der Klimawandel findet statt, jeden Tag. Sturmfluten, Hitzetote und Artensterben sind keine Dystopie, sondern Realität. Kein Wunder, dass Jugendliche Angst vor der Zukunft haben. Sie wollen die Rettung des Planeten nicht den Profis überlassen, die die Umweltverschmutzung bisher nicht stoppen konnten. Die Schüler haben lange genug gewartet, dass den Pariser Versprechen Taten folgen.

Klimaschutz beginnt mit Bewusstsein. Und dafür sorgt die Bewegung Fridays for Future in einem Ausmaß, von dem warnende Wissenschaftler in den vergangenen 40 Jahren nur träumen konnten. Gelungen ist das, weil die Jugendlichen eine effektive Grenzüberschreitung genutzt und geschwänzt haben. Sie haben eine Pflicht verletzt, die ihnen per Gesetz auferlegt ist. Das kann man durchaus verurteilen. Aber sich in der Debatte auf den Aspekt des Schulstreiks zu beschränken, geht an den eigentlichen Signalen vorbei. Zumal demokratische Meinungsbildung kaum anschaulicher geübt werden kann als bei friedlichen, sachorientierten Protesten.

Die Schüler und Studenten wissen, wovon sie sprechen. Und der Rest der Welt täte gut daran, ihnen zuzuhören. In Norwegen ist das Engagement der Ikone Greta Thunberg, die nichts anderes macht, als für ihre Überzeugungen zu streiken, eine Nobelpreisnominierung wert. Deutsche Schulen sollten nicht mit der Androhung von Verweisen auf das Engagement antworten, sondern die Welle nutzen und das Thema in den Unterricht einbeziehen. Denn am Ende haben alle doch ein gemeinsames Ziel: Eine bewohnbare Erde auch noch im Jahr 2050. 

 


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