Schüler wollen in Heilbronn fürs Klima streiken

Heilbronn  Auf der ganzen Welt setzen sich Schüler freitags für den Umweltschutz ein. Nun kommt die Bewegung "Fridays for Future" auch in der Region an. Was hinter den Schulstreiks steckt und was die Heilbronner Schüler planen.

Von Valerie Blass und Bigna Fink
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Heilbronner Schüler wollen fürs Klima streiken
Eine kleine Delegation von Heilbronner Gymnasiasten auf der Fridays- for-Future-Demo in Stuttgart am vergangenen Freitag.

Es ist ein Konflikt der Generationen: Seit Wochen gehen Schüler weltweit freitags für eine nachhaltige Klimapolitik auf die Straße, Tausende auch in Baden-Württemberg. Von Fünftklässlern bis zu Abiturienten über Auszubildende und Studenten, selbst Grundschüler sind mit dabei.

Das Motto der Protestbewegung: "Fridays for Future" (zu Deutsch: Freitage für die Zukunft). Einige Politiker und Lehrer bezeichnen die Aktionen als Schulschwänzen und drohen mit Konsequenzen. Worum geht es genau? Und was geschieht in der Region? Eine Übersicht:

Was wollen die jungen Protestler?

"Wir fordern, dass die Klimakrise endlich als Krise behandelt wird", teilt Nisha − so der Facebook-Name − von der Regionalgruppe Fridays for Future Stuttgart der Heilbronner Stimme mit. "Konkret fordern wir jede Anstrengung, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Zudem fordern wir einen vollständigen Kohleausstieg bis spätestens 2030." Kurz: Die Aktivisten streiken für eine Umwelt- und Klimapolitik, die zukunftsfähig ist.

Auf wen gehen die Schulstreiks zurück?

Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg verpasst seit letztem August jeden Freitag die Schule, um vor dem Stockholmer Reichstag gegen die Erderwärmung zu demonstrieren. Mit ihrem "Schulstreik für das Klima" ist die 16-Jährige zur Ikone einer neuen Jugendbewegung geworden. Die Schattenseite: Seit sie viele Nachahmer gefunden hat, wird die Neuntklässlerin in sozialen Medien heftig angefeindet. Es heißt etwa, sie lasse sich von Erwachsenen instrumentalisieren oder sogar sie sei "psychisch gestört".

Den Umweltpsychologen Gerhard Reese von der Universität Koblenz-Landau wundern diese Reaktionen nicht. "Greta Thunberg spricht genau die Punkte an, die vielen Menschen wehtun", meint er. "Sie sagt klar, dass sich jeder ändern muss, aber Veränderung fällt vielen schwer." Wenn dann noch Umstellungen gefordert seien, die Menschen mit Verzicht in Verbindung brächten, fühlten sie sich und ihren Lebensstil bedroht und reagierten vielfach mit Aggression, so Reese.

Wie politisch ist die Bewegung?

Die bundesweiten Schulstreiks sind an keine Partei gebunden. Das Aktionsnetzwerk wird jedoch von Parteien wie den Grünen und der Linken unterstützt. Die Jusos, Jugendorganisation der SPD, und die Grüne Jugend rufen gemeinsam zur Teilnahme an den Demos auf. Die Geschäftsführerin der Grünen im Heilbronner Kreisverband, Gudula Achterberg, berichtet von einer Repolitisierung: Es habe in den letzten drei Monaten einen deutlichen Anstieg bei den Neumitgliedschaften gegeben. 15 Prozent mehr Zulauf verzeichnen die Grünen der Region nach ihren Angaben − vor allem Menschen um die 20 sind darunter. "Dieses Engagement der jungen Leute, sowohl auf der Straße als auch in der Partei, haben wir lange vermisst."

In jüngster Zeit gab es einige Beschlüsse für den Umweltschutz: Die EU hat sich auf ein Verbot von Einweg-Plastik geeinigt, Deutschland hat den Kohleausstieg beschlossen. Reicht das den Aktivisten nicht?

Heilbronner Schüler wollen fürs Klima streiken - Greta Thunberg
Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg ist mit dem "Schulstreik für das Klima" zur Ikone einer neuen Jugendbewegung geworden.

Es gibt unterschiedliche Meinungen zur Bedeutung dieser Vorhaben. Statt Plastik zu verbieten, wäre es nachhaltiger, das Kunststoffrecycling zu verbessern, sagen Kritiker. So bestehe die Gefahr, dass Alternativen mit noch schlechterer Ökobilanz zum Einsatz kommen. Der Abschied von der Kohle geht Klimaschützern − gerade auch den jungen Streikenden − zu langsam. "Das sind gute und symbolische, aber nicht ausreichende Schritte", urteilt der Umweltpsychologe Reese. Vor allem der Kohlekompromiss sei unbefriedigend: Ein Ausstieg sei viel schneller möglich und nötig.

Gibt es in der Verkehrspolitik Bemühungen für besseren Klimaschutz?

"Ich sehe in der Politik bisher leider keine Maßnahmen, die den Menschen den Abschied vom eigenen Auto erleichtern würden", sagt Gerhard Reese. Nötig seien Beschlüsse zu höheren Steuern für Alleinfahrer oder platzraubenden Autos sowie der Ausbau kommunaler Sharing-Angebote. Aber: Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zeigt bisher wenig Aktivität pro Klimaschutz. So lehnt er ein Tempolimit kategorisch ab. Die Linie des Ministers widerspricht den Empfehlungen des Umweltbundesamtes von 2017 zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens. Dazu zählen die Punkte: "Tempo 120 auf Autobahnen" oder "Servicequalität und Takt von Bus und Bahnen attraktiver gestalten".

Welchen Stellenwert hat der Schulstreik für die Klimaschutzbewegung?

"Die Fridays for Future sind enorm wichtig, weil sich hier eine Bewegung derer bildet, die am meisten unter dem Klimawandel leiden werden, wenn wir nichts ändern. Wir sollten sie dringend ernst nehmen", meint Reese. Christian Winkler von der Grünen Jugend Heilbronn sieht die Situation genauso: Im Gegensatz zu den jetzigen Entscheidungsträgern sei die junge Generation in 40 bis 50 Jahren von den Auswirkungen einer verfehlten Klimapolitik betroffen. Der 28-Jährige hofft, "dass die Leute weiterhin für eine Veränderung in der Klimapolitik aktiv sind und ihr positiver Einfluss über das ganze Land schwappt".

Wie organisiert sich die Bewegung?

Fridays for Future Deutschland hat eine Seite im Internet, auf der eine Übersicht zu den aktuell mehr als 155 Ortsgruppen zu finden ist. Jede Gruppe organisiert sich selbst. Zur Kommunikation verwenden die Schüler den Kurznachrichtendienst Whatsapp, die Links zu den Gruppenchats stehen auf der Webseite.

Gibt es Demonstrationen in Heilbronn und im Südwesten?

In 15 Städten im Land gibt es bereits Aktionen. In Schwäbisch Hall protestierten rund 300 Schüler an den vergangenen Freitagen für den Klimaschutz, auch in Crailsheim gingen vergangene Woche junge Leute auf die Straße. In Heilbronn organisiert sich derzeit eine Fridays-for-Future-Bewegung. Mehr als 300 Teilnehmer hat die Whatsapp-Gruppe schon, und täglich kommen weitere hinzu. Hier gibt es einen Überblick über verschiedene Regionalgruppen der Bewegung. Vertreter verschiedener Schulen − Gymnasien, Realschulen und Berufsschulen − organisieren nach eigenen Angaben die ersten Demonstrationen.

Was sagen Lehrer zu den Demos?

An den Heilbronner Gymnasien hat man sich auf mögliche Proteste vorbereitet. "Wir haben da alle eine ähnliche Haltung", sagt Andreas Meyer, Schulleiter am Mönchseegymnasium und geschäftsführender Schulleiter aller Heilbronner Gymnasien: Sich für den Klimaschutz einzusetzen sei ein "gesellschaftspolitisch wichtiges Engagement". Allerdings, sagt Meyer weiter, "wäre eine Demo in der Freizeit ein größeres Opfer und damit ein besseres Signal als Schwänzen". Schulrechtlich könne man eine Teilnahme an einer Demo während der Unterrichtszeit jedenfalls nicht genehmigen. "Das wäre ein unentschuldigtes Fehlen, über das die Eltern informiert werden müssten." Christian Winkler sagt, der Beginn der meisten Streikaktionen sei erst gegen 11 Uhr − und der Unterrichtsausfall entsprechend gering. Winkler: "Das ist ein kleiner Preis im Vergleich zu einem kaputten Klima."

Wann genau ist der erste Schulstreik in Heilbronn geplant?

Die erste Fridays-for-Future-Demonstration in Heilbronn ist für kommenden Freitag geplant. Details wie Treffpunkt und Uhrzeit sind noch unklar. Bereits am heutigen Freitag werden junge Menschen in 26 Städten Deutschlands streiken, heißt es in den sozialen Medien, darunter auch in Stuttgart. Weltweit wächst die Bewegung stetig an: Ein großer internationaler Klimastreik soll am 15. März in über 40 Ländern Aufmerksamkeit für das Thema schaffen.

 
 
 

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