Schon die Kelten feierten die Raunächte

Interview  Ablegen und nach vorn schauen: Die Naturparkführerin Michaela Köhler spricht im Stimme-Interview über die besondere Zeit der Raunächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag.

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In tiefer Verbundenheit mit der Natur: Draußen im Wald fühlt sich Michaela Köhler am wohlsten. Foto: Christiana Kunz

Das Mondjahr hat 354 Tage. Das Sonnenjahr 365. Die Nächte dazwischen gelten als Zeit "zwischen den Jahren" - als Raunächte. Schon die Kelten in der Antike feierten die Spanne zwischen 21. Dezember - dem Tag der Wiedergeburt des Lichts - und dem 6. Januar als besondere Zeit: als heilige Nächte. Mit der Einführung des Christentums wurden sie durch die zwölf Weihnachtstage ersetzt, vom 25. Dezember bis zum Dreikönigstag. Der Fokus liegt heute meist auf freier Zeit mit der Familie, auf Festefeiern, Geschenken und so manchem Neujahrsvorsatz.

Aber können uns nicht auch die keltischen Raunächte noch etwas mit auf den Weg geben? Naturparkführerin Michaela Köhler wandert in diesen Tagen regelmäßig mit Gruppen durch den Schwäbisch-Fränkischen Wald und erzählt von alten Ritualen und Brauchtum. Eben von dieser ganz besonderen "Zeit zwischen der Zeit", die sie auch heute noch ist.

Raunächte - was haben diese Tage den Menschen früher bedeutet?

Michaela Köhler: Sie galten als besonders mystisch und magisch. Etymologisch gibt es mehrere Deutungen: Der Bezug auf raues Fell hatte dämonische Bezüge, rau hieß aber auch "die kalte Zeit". Und die dritte Deutung kommt von Rauch. Die Menschen räucherten mit Kräutermischungen an jedem der Tage ihr Heim aus. Eine Art Säuberung. Sie betrieben innere Einkehr. Es war für sie selbstverständlich stillzustehen. Besonders achtsam zu sein, egal ob mit Blick auf Träume, Menschen, die einem begegneten, oder Dinge, die passierten. Manches Erlebte hat sich auch erst im Rückblick erschlossen. In jedem Fall war es wichtig, in dieser Zeit abzulegen.

 

Was zählt da dazu - zum Ablegen?

Köhler: Ablegen heißt Verarbeitung. Sich noch einmal mit dem zu befassen, was in dem Jahr alles war. Mit der Familie darüber sprechen. Das erleichtert. Und nur dann kann man etwas Neues starten. Das gilt heute noch genauso: Man kann zum Beispiel gemeinsam ein paar Fotos der letzten Monate ansehen oder sich einfach durch Erzählungen in Erinnerung rufen, was alles passiert ist. Im Christentum ist es der Altjahrabend, den man feiert. Am 31. Dezember beichtet man seine Sünden und empfängt dann das Abendmahl. Die Menschen haben sich auf dieses Ablegen übrigens auch vorbereitet.

 

Vorbereitet, wie meinen Sie das?

Köhler: Es gab einige Dinge, die man vor den Raunächten erledigen sollte. Zum Beispiel geliehene Sachen zurückbringen, alle Schulden begleichen und Rechnungen bezahlen, daheim aufräumen und putzen und: mit jenen Menschen eine Aussprache herbeiführen, mit denen es noch etwas zu bereden und zu klären gab.

 

Zur Person

Michaela Köhler wurde 1955 in Stuttgart geboren und lebt heute in Großerlach. Sie ist Limes-Cicerone Naturparkführerin, Nachhaltigkeits-Guide, Burgführerin auf der Burgruine Löwenstein und Stadt- und Schlossführerin in Gaildorf sowie in Welzheim. Michaela Köhler beschäftigt sich intensiv mit keltischen Festen und Ritualen. Viele davon seien im Zuge der Christianisierung als heidnisch verurteilt worden, doch waren sie aus den Köpfen der Menschen nicht herauszubekommen, weshalb sie übernommen wurden, wie sie sagt. Manches wurde zeitlich angepasst. Die Raunächte beginnen heute am ersten Weihnachtstag, früher am Tag der Sonnenwende.

Man hat Ordnung geschaffen.

Köhler: Ja, genau. Damit man unbelastet in die heilige Zeit starten konnte. Ohne Störfaktoren. Denn diese zwölf Nächte waren dazu da, sich mit ganz persönlichen Dingen, die man zu bewältigen hatte, zu beschäftigen. Das ist übertragbar auf heute: An Weihnachten kehrt oft dann Stress ein, wenn jemand überlastet ist. Aber man könnte zum Beispiel vorher Aufgaben verteilen. Delegieren. Andere um Hilfe bitten. Auch Streit oder Ärger in der Familie entstehen meist dann, wenn Dinge nicht vorab geklärt wurden. Wenn Unausgesprochenes über dem Tisch schwebt. Dabei sind es oft nur Missverständnisse. Ich finde: Entweder man bespricht sich und kann dann in Frieden Weihnachten feiern. Oder man lässt das Zusammensein besser bleiben. Es kann sonst keine Ruhe einkehren.

 

Und genau die war ja auch während der Raunächte besonders wichtig. Damit man sich seinen Aufgaben widmen konnte. Welche waren das?

Köhler: Es gab für jeden Tag eine bestimmte. Und indem man sie erledigte, verarbeitete man die alten Dinge und öffnete sich für die neuen. Am ersten Tag hieß es: Altes abschließen. Am zweiten still zu werden, am dritten sich zu öffnen. Am siebten sollte man seine Herzensziele entdecken. Am zwölften: zum Licht erwachen.

 

Das klingt alles sehr schön. Aber was kann das für uns heute noch bedeuten? Zum Licht zu erwachen?

Köhler: Mit dem 21. Dezember, der Wintersonnenwende, wird die Wiederkehr des Lichts gefeiert. In der dunklen Zeit neigt man ja eher zu Melancholie und Depression, man erlebt Nebeltage, verzieht sich in seine Höhle. Doch dann kommt das Licht zurück. Die Zeit, den Rüssel nicht mehr nach unten hängen zu lassen. Dazu gehört Selbstdisziplin. Man muss es schon wollen, sich aufzuraffen. Andere anzulächeln. Aber man bekommt ja was zurück. Wenn ich öfter ein Lächeln schenke, empfange ich auch öfter eines.

 

Sind wir noch fähig, diese doch sehr mystische Zeit so in unser Bewusstsein, in unser Herz zu lassen wie die Menschen früher?

Köhler: Manche, ja. Nur: Viele von uns sind so verbildet, so verkopft, dass sie nur noch das glauben, was wissenschaftlich belegbar ist. Doch vielleicht sollten wir uns öffnen und auch anderes für möglich halten? Ich bin kein Esoteriker. Ich bin Steinbock. Erdverbunden und bodenständig. Doch ich kann deutlich meine Verbundenheit mit der Natur wahrnehmen und mich darin tief verwurzeln. Wenn man achtsam mit dem Jahreslauf der Natur umgeht, hat man eine Ahnung vom Wechsel und Wandel der Dinge und den Wesen zwischen Himmel und Erde.

 

Zwischen Himmel und Erde. Diesseits und Jenseits. Das hat doch bei den Kelten auch eine besondere Rolle gespielt.

Köhler: Man glaubte an die Dieswelt und an die Anderswelt. Und in den Raunächten galten die Tore zur Anderswelt, dem Jenseits, dem Reich der Toten, als offen. Man glaubte fest daran, dass Seelen nicht sterben und dass man in dieser Zeit Impulse von den Toten oder den göttlichen Wesen empfangen kann. Für die Menschen war es wie ein Blick in die Ewigkeit. Heute ist es wohl so: Vielen von uns hilft die Vorstellung, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, beim achtsamen Umgang mit den Aufgaben des Lebens. Aber nicht alle teilen natürlich diese Vorstellung von Auferstehung. Und nicht wenige von jenen meinen, wenn mit dem Tod schon alles vorbei ist, müsse man hier und jetzt alles mitnehmen - um nichts zu versäumen. Das führt zu einer egoistischen, habgierigen Haltung, die spätere Generationen nicht im Blick hat und ohne Rücksicht auf Verluste Pflanzen, Tiere und Bodenschätze ausbeutet. Den Menschen ist nichts mehr heilig. Deshalb haben wir nun mit den Antworten aus der Mutter Natur zu kämpfen.

 

Und früher war das anders? Die Menschen nannten die Raunächte auch "die heiligen Nächte".

Köhler: Vermutlich waren die Menschen damals nicht so anders als wir heute. Es gab sicher schon immer solche und solche Charaktere. Jedoch wusste jeder: Wenn man achtlos mit der Schöpfung umgeht, hat das keine guten Folgen. Heute ist der Mensch diesem Wissen so entfremdet. Er glaubt, alles sei käuflich. So ist für viele das einzig Wichtige, viel Geld zu haben, um sich zu kaufen, was man will, ohne zu wissen, woher alles kommt. Früher sah man in den Pflanzen und Tieren die "göttlichen Funken" oder "den Sitz der Gottheiten", und als Mensch hatte man das Vorrecht, aber eben auch die Verantwortung, diese Funken zu erhalten. Das ist mit monetärem Denken nicht möglich, sondern nur mit unendlicher Liebe zur Schöpfung und dem Wissen, dass jeder nur ein Teil davon ist.

 

Dann ist heutzutage vielleicht die Aufgabe des zehnten Tages besonders wichtig: Achtsam werden.

Köhler: Ja. Und all die Aufgaben der Raunächte kann man sich ja auch nicht nur in dieser Zeit vornehmen. Jeden Tag kann man stille Stunden einführen. Wer diese Kernidee von Weihnachten nicht immer im Herzen trägt, braucht es an diesem einen Tag auch nicht zu feiern. Nicht, wenn es dann nur um Konsum geht. Dabei ist es ja so: Eigentlich sehnt sich jeder nach innerer Einkehr. Danach, zu reflektieren und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Fragen zu stellen. Aber es ist uns irgendwie aberzogen worden. Durch gesellschaftliche Normen. Erfolgsdruck. Wir zwingen uns zu oft, jemand zu sein, der wir eben nicht sind. Man sollte Mut haben. Ein lebendiger Fisch sein, der auch mal gegen den Strom schwimmt. Hauptsache, man erschließt sich seinen eigenen Weg. Auch im neuen Jahr.


Stefanie Sapara

Stefanie Sapara

Autorin

Stefanie Sapara ist seit 2008 bei der Heilbronner Stimme und Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit. Sie kümmert sich im Wochenendmagazin vor allem um die Reiseseiten sowie den Bereich Essen & Genießen.

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