Schlechte Wasserqualität: Schadstoffe lösen sich nicht von selbst auf

Region  Die Qualität in den Gewässern lässt zu wünschen übrig. Viele Kläranlagen in der Region könnten mehr tun, doch es fehlen verbindliche Vorgaben.

Von Christian Gleichauf und Peter Hohl

Schadstoffe lösen sich nicht von selbst auf
Kläranlage in Heilbronn. Foto: Berger  

Die Wasserqualität des Neckars hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert - "was die groben Schadstoffe angeht", konkretisiert Gottfried May-Stürmer, der Regionalgeschäftsführer der Umweltorganisation BUND Heilbronn-Franken. "Dafür finden wir dort heute aber einen unübersichtlichen Zoo an Mikroschadstoffen." Sie wieder aus dem Wasser zu bekommen, ist nicht so einfach.

Bundesregierung bleibt vage bei den Ursachen

Eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen brachte das Thema wieder auf den Tisch. "Aktuell erreichen nur 6,7 Prozent der bewerteten Fließgewässerabschnitte den guten ökologischen Zustand gemäß den Kriterien der EU-Wasserrahmenrichtlinie", heißt es dort. Weniger klar ist die Antwort im Hinblick auf die Ursachen. Die sind vielschichtig. Ein entscheidender Punkt aber ist, dass Abwasser aus Industrieanlagen und auch Privathaushalten in den Kläranlagen teils unzureichend gereinigt wird: Rückstände von Arzneimitteln und Mikroplastik wird dort nicht zurückgehalten. Es landet im Fluss.

Sollten nicht alle problematischen Stoffe verboten werden?

Über die mögliche Wirkung der verschiedenen Stoffe sagt Gottfried May-Stürmer vom BUND: "Medikamente und Hormone sind so konzipiert, dass sie eine Wirkung haben." Doch wie man den Eintrag verhindern kann, darüber gehe auch die Meinung innerhalb der Umweltverbände auseinander. "Es gibt Fundamentalisten, die fordern ein grundsätzliches Verbot aller problematischen Stoffe. Das halte ich persönlich für illusorisch. Medikamente kann man nicht verbieten." Möglich sei aber, die Kläranlagen mit einer vierten Klärstufe auszurüsten, die solche Stoffe herausfiltert.

Öhringen hat es vorgemacht

Dies kann sich sogar rechnen. Davon ist die Große Kreisstadt Öhringen überzeugt. Sie hat beim jüngsten Ausbau ihrer Kläranlage mehr getan, als der Gesetzgeber (bisher) verlangt. Im Juni 2017 wurde dort die vierte Reinigungsstufe eingeweiht, die mit Pulveraktivkohle Medikamentenrückstände aus dem Abwasser filtert. Es ist bis heute die einzige in der Region Heilbronn-Franken.

Öhringen leitet sein geklärtes Abwasser in einen kleinen Vorfluter, die Ohrn. Wenn das Flüsschen wenig Wasser führt, stieg in der Vergangenheit entsprechend der Anteil von Schmerzmitteln, Antibiotika und Hormonpräparaten. Umso wichtiger war die Investition.

Sandfilter war bereits vorhanden

Gute Voraussetzungen hatte Öhringen auch deshalb, weil 2012 bereits ein Sandfilter eingebaut worden war. Dieser ist eine zwingende Ergänzung der Pulveraktivkohle. Überdies unterstützte das Land den Ausbau mit 80 Prozent der förderfähigen Kosten. Knapp 2,6 Millionen Euro flossen als Zuschuss, bei Gesamtkosten in Höhe von gut 3,7 Millionen Euro. Und zuletzt sparen Öhringen und seine Nachbarn Pfedelbach und Zweiflingen jährlich 341.000 Euro bei der Abwasserabgabe ans Land, weil sie den höchsten Standard einhalten. Bei kalkulierten jährlichen Ausgaben für Betriebskosten und Abschreibungen in Höhe von 300.000 Euro rechne sich die Investition, lautet das Fazit des städtischen Wasser- und Abwasserbeauftragten Horst Geiger, der treibenden Kraft hinter dem Projekt.

Land gibt keine Förderung mehr

Doch die Förderung ist passé. Und Uwe Hertner, verantwortlich für die Kläranlage in Heilbronn, ist überzeugt: Solange es weder Förderung noch gesetzliche Vorgaben gibt, begebe man sich auf dünnes Eis. "Gebührengelder dürfen nur für Pflichtaufgaben verwendet werden." Immerhin würde eine vierte Klärstufe in Heilbronn 25 bis 40 Millionen Euro kosten - bei ungefähren Neubaukosten der jetzigen Gesamtanlage von etwa 100 Millionen Euro.

Viel wurde investiert in Neckarsulm

Ähnlich sieht es Thorsten Morhaus, der Geschäftsführer des Abwasserzweckverbandes Unteres Sulmtal. Rund 40 Millionen Euro wurden in den vergangenen zehn Jahren in die Kläranlage in Neckarsulm investiert. In CO2-Vermeidung, in umweltverträglichere Klärtechnik, in Überlaufbecken. All die Jahre habe es keine Beanstandungen bei den Proben gegeben, die das Landratsamt unangemeldet nimmt. Die vierte Klärstufe habe man im Auge, sagt Morhaus. "Wenn sie gefordert wird, dann kriegen wir das auch hin. Da ist jetzt aber die große Politik am Zug."

 

Alarmsignal

Die wenigsten Flüsse und Bäche in Deutschland sind ökologisch in gutem Zustand. In 93 Prozent der Fließgewässer leben nicht mehr die Gemeinschaften aus Fischen, Pflanzen und Kleintieren, die man dort eigentlich vorfinden müsste. Zudem seien 79 Prozent der Fließgewässer durch Ausbau "in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen. Obwohl sich die Wasserqualität sehr verbessert habe und etwa Biber und Lachse zurückgekehrt seien, gehörten Gewässer und Auen weiter zu den bedrohten Lebensräumen in Deutschland, schreibt das Bundesumweltministerium.

Auf die Belastung der Gewässer mit Medikamenten und Mikroplastik, die in der Anfrage der Grünen ausdrücklich thematisiert wurde, gab es allerdings keine Antwort. Hier verwies das Ministerium auf die allgemeinen Aussagen. Das Umweltbundesamt verweist auch auf Belastungen aus der Landwirtschaft, etwa mit Dünger oder Spritzmitteln. 

 

 

Kommentar: Druck von unten

Die Flüsse sind in Gefahr. Und damit auch unser Trinkwasser. Ignorieren gilt nicht.

Christian Gleichauf
Christian Gleichauf  

Endlich, so schien es, hat man bei den vielen offenen Baustellen im Umwelt- und Naturschutz zumindest eine mit Erfolg schließen können. Die Flüsse und Seen in Deutschland sind wieder mit Leben gefüllt. Fischarten wie der Lachs, die man über Jahrzehnte vermisst hat, kehren zurück. Mancher traut sich sogar wieder, ein Bad im Neckar oder dem Rhein zu nehmen, im Kocher oder der Jagst sowieso.

Doch siehe da, so einfach ist es nicht. Denn der Schein trügt. Neue Wirkstoffe sind in den vergangenen Jahren entwickelt worden, und sie werden in großen Mengen produziert und landen mit dem Abwasser im Fluss. Chemikalien, die in der Natur sonst nicht vorkommen, werden plötzlich auf dem Acker ausgebracht und anschließend ausgeschwemmt. Und dann natürlich das Mikroplastik, das in den Weltmeeren bereits eine erschreckend hohe Konzentration erreicht hat.

Wenn eine vierte Reinigungsstufe in den Kläranlagen für wirklich saubere Flüsse sorgen könnte, müsste man sie sofort verbindlich vorschreiben − höhere Abwassergebühren hin oder her. Doch so einfach ist es nicht. Es ist kompliziert und teuer, und das ist eine willkommene Einladung zur Untätigkeit für Bundes- wie auch Landespolitiker. Statt sich der Herausforderung zu stellen und sie schrittweise anzugehen, ignorieren sie das Problem lieber. Unglücklicherweise scheint es auch hier wieder darauf hinauszulaufen, dass nur auf Druck von außen etwas passiert. Irgendwann muss es wohl Brüssel wieder richten. Besser wäre es, wenn diesmal die Kommunen rechtzeitig gemeinsam Flagge zeigen.

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christian.gleichauf@stimme.de