Schicksal der Artisten berührt viele Menschen

Neckarsulm/Erlenbach  Bei einem Unwetter wurde am Freitagabend das Hab und Gut der Zirkusfamilie Carl Althoff zerstört. Der Zirkus, der in Neckarsulm gastiert, bangt um die Existenz. Doch viele Menschen in der Region wollen helfen. Nun keimt in der Familie Hoffnung auf.

Von Heike Kinkopf
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Als der Abdecker vorfährt, um den Kadaver von Zirkuspferd Phönix abzuholen, schießen Direktionsmitglied Joanna Weisheit Tränen in die Augen. Die 30-Jährige senkt den Blick. Ihr Gesicht zeigt Spuren von Übermüdung. Seit der Sturmnacht habe sie wenig geschlafen, erzählt sie. Ihre Gedanken kreisen um die Zukunft des Familienbetriebs. Das Schicksal von Circus Carl Althoff bewegt auch viele Stimme-Leser. Sie alle wollen helfen.

"Es ist ein Gebot der Solidarität", meint ein 76-jähriger Neckarsulmer. So wie er rufen zahlreiche Stimme-Leser in der Redaktion an oder erkundigen sich per E-Mail nach einem Spendenkonto für den Artistenbetrieb. Ein Leser aus Erlenbach schreibt: "Es ist erschütternd. Die Leute haben innerhalb weniger Sekunden ihre Lebensgrundlage, das Zirkuszelt und Tiere, im Sturm verloren." Für eine Neckarsulmerin steht fest: "Da muss geholfen werden." Sie hofft, dass örtliche Unternehmen Unterstützung anbieten.

Unkomplizierte Hilfe

Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig und Erlenbachs Rathauschef Uwe Mosthaf fackeln nicht lange. "Wir haben telefoniert", berichtet Hertwig. 3000 und 2000 Euro spenden die beiden Kommunen spontan. Ein offizielles Spendenkonto gebe es nicht, sagt Hertwig, der sich vor Ort ein Bild von der Situation des Zirkus" gemacht hat. "Es geht jetzt darum - mit Betonung auf kurzfristig und unkompliziert - zu helfen." Was nütze es, wenn ein paar Wochen lang Geld gesammelt werde und zwischendrin gehe dem Betrieb vollends die Luft aus?

Wie groß die Schäden sind, zeigt sich nach und nach. Die Zirkuskuppel ist zusammengekracht und hängt tief in Manege und Besucherplätze. In einem Container stapeln sich beschädigte Requisiten, Kostüme, Banner und alle möglichen Gegenständen, die ein Zirkus benötigt - und die nun unbrauchbar sind. Das Zelt für die Tiere ist komplett zerstört. Inzwischen haben die etwa 15 Mitarbeiter des kleinen Unternehmens Koppeln für Pferde, Lamas, Ziegen und Esel gebaut.

Mitarbeiter stapeln Besucherstühle, legen Stahlrohre und Gestänge passend zusammen. Hund Ballou flitzt übers Stoppelfeld. Dazwischen Seniorchef Stefan Frank, der den Verlust von Pferd Phönix betrauert: "So ein gutes Pferd."

Statt Trapeznummern, Seiltanz und Akrobatik stehen in einem nächsten Schritt Lackier-Arbeiten auf dem Programm. Zerstörte Plakatwände und verbogene Gerüstteile, die der Befestigung dienten, sind zu ersetzen. Ein Kostenvoranschlag für ein neues Tierzelt wird eingeholt. Allein diese Ausgabe liegt Weisheit zufolge in einem fünfstelligen Bereich.

Gratis-Vorführung als Dankeschön

"Der erste Schock ist verdaut", sagt das Joanna Weisheit. "Es ist ergreifend zu sehen, wie viele Menschen uns helfen wollen." Die Nacht, in der der Sturm das Hab und Gut zerstört und in der sich Pferd Phönix verletzt hat und eingeschläfert wurde, bleibt in Erinnerung. Laut Plan sollte der Zirkus jetzt in Sulzbach an der Murr auftreten. Die Tournee liegt auf Eis.

Im Team keimt die Zuversicht auf, dass der Betrieb eine Chance hat, obwohl bis auf Weiteres keine Einnahmen zu verbuchen und laufende Kosten da sind. "Wir sind voller Hoffnung", sagt Weisheit, "dass es weitergeht." Sie stellt sich vor, die erste Vorstellung nach dem Sturm in Neckarsulm zu geben. Eine Gratis-Veranstaltung als Dankeschön an die Menschen, die der Artistenfamilie durch ihre Hilfsbereitschaft Mut machen.

 

Wer helfen möchte

Ein offizielles Spendenkonto gibt es nicht. Wer dem Betrieb trotzdem unterstützen möchte, hat die Möglichkeit einer Überweisung von privat an privat. Das Konto bei der Postbank gehört Joanna Weisheit, IBAN-Nummer DE90500100600429949606.

 

Wie es mit der Eberwinhalle weitergeht

"Die Maschinerie ist angelaufen", fasst Oberbürgermeister Steffen Hertwig am Montag die Lage nach dem Unwetter zusammen. Sturm und Starkregen haben am vergangenen Freitag die Eberwinhalle im Neckarsulmer Stadtteil Obereisesheim stark beschädigt. Die Halle ist bis auf Weiteres gesperrt. "Das bleibt sie auch", betont Hertwig.

Nun kommen Gutachter der Versicherung vor Ort. Die Verwaltung hat Hertwig zufolge Kontakt zu einer Stahlbau- und einer Fassadenbaufirma aufgenommen. Sie sollen sich um die Stützpfeiler kümmern, die das Hallendach tragen, und um die eingedrückte Glaswand. Ein weiteres Problem stellt der nasse Hallenboden im Inneren des Gebäudes dar. In jede Ritze ist Regenwasser gelaufen.

Vereine und Gruppen, die die Eberwinhalle bisher genutzt haben, müssen sich laut Hertwig gedulden. Die Verwaltung sucht nach Alternativen. Unter anderem ist sie im Gespräch mit der Gemeinde Untereisesheim, ob sie Räume zur Verfügung stellt. "Es wird nicht ohne Unbequemlichkeiten ausgehen", sagt Hertwig mit Blick auf die von der Hallensperrung betroffenen Gruppen und Vereine.

Weniger gravierend dürften die Folgen des Sturms im Stadtteil Amorbach ausfallen. Dort ist ein Baum auf einen Flutlichtmasten gestürzt. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand wird der städtische Bauhof in der Lage sein, den Schaden zu beheben.

 

Facebook-Beitrag des Neckarsulmer Oberbürgermeisters 

 

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