SPD hinterfragt, ob Kernkraftwerk bis 2022 laufen kann

Neckarwestheim  Die SPD will Details zu den Heizrohrschäden des GKN II erfahren und kündigt eine Landtagsanfrage an. Die Anti-Atom-Organisation "Ausgestrahlt" kritisiert unterdessen die Messtechnik, die 2018 verwendet wurde. Betreiber und Atomaufsicht sehen keine Versäumnisse.

Von Reto Bosch

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Revision: Die Stromproduktion auf dem GKN-Gelände ruht.

Foto: Archiv/Veigel

Die Anti-Atom-Organisation "Ausgestrahlt" erhebt schwere Vorwürfe gegen das Landesumweltministerium und die EnBW. Mit den Angaben zu den Heizrohrschäden in den sicherheitsrelevanten Dampferzeugern von GKN II werde die Öffentlichkeit in die Irre geführt. Das Problem der Korrosionsschäden werde größer, nicht kleiner. Atomaufsicht und Betreiber weisen die Kritik zurück. Die SPD-Landtagsfraktion will beim Ministerium nachhaken.

Durch Heizrohre fließt unter hohem Druck radioaktives Reaktorwasser

Nachdem bereits im vergangenen Jahr 100 Heizrohre mit Korrosionsschäden entdeckt worden waren, kamen bei der aktuellen Revision weitere 191 Rohre dazu. Diese Rohre dienen als Wärmetauscher, in ihnen fließt unter hohem Druck radioaktives Reaktorwasser. Würde eine solche Leitung abreißen, käme es zu einem ernsthaften Störfall.

Atomaufsicht und EnBW hatten im Herbst 2018 erklärt, dass die Ursachen gefunden und das Problem gelöst werde. "Ausgestrahlt" argumentiert dagegen, dass in den vergangenen Monaten rund 95 Korrosionsschäden neu entstanden seien, teilweise betrage die Restwandstärke der Heizrohre nur noch 30 Prozent (0,4 Millimeter). Die Anti-Atom-Organisation geht davon aus, dass in den vergangenen neun Monaten mehr rissartige Schäden entstanden und schneller gewachsen sind als im selben Zeitraum davor.

GKN II soll nicht wieder ans Netz gehen

Zu den Messungen 2018 erklärt "Ausgestrahlt": Weil EnBW eine ungeeignete Messsonde verwendet habe, seien damals 95 Stellen übersehen worden. Dies vor allem dort, wo die Heizrohre in den sogenannten Rohrboden einlaufen. Erst bei späteren Prüfungen im Kernkraftwerk Emsland - baugleich zu GKN - habe man bemerkt, dass die auch in Neckarwestheim angewendete Untersuchungsmethode nicht geeignet sei, sagte Armin Simon von "Ausgestrahlt" unserer Redaktion. Die Atomkraftgegner fordern, GKN II nicht wieder ans Netz zu schalten. Das sei unverantwortlich.

Die EnBW erklärt auf Stimme-Anfrage, dass etwa die Hälfte der jetzt entdeckten Schäden neu entstanden ist. Das bedeute im Umkehrschluss, dass es 2018 viel mehr Befunde gegeben habe als aktuell. Das belege, dass die Verbesserungen greifen, aber eben Zeit brauchen. Die Zahl der Rohre mit einer Wanddickenschwächung von 60 bis 70 Prozent bewege sich im einstelligen Bereich. Alle anderen Messergebnisse lägen deutlich darunter.

Insgesamt gibt es in den vier Dampferzeugern von GKN II 16.000 solcher Heizrohre. Dass das Korrosionsproblem an Dynamik gewinnt, erkennt auch das Landesumweltministerium nicht. Die bisher vorliegenen Daten stützten die These von "Ausgestrahlt" nicht. Der EnBW-Bericht hierzu stehe noch aus.

Betreiber: Es wurden geeignete Messsonden verwendet

Betreiber und Atomaufsicht weisen die Darstellung von "Ausgestrahlt" zurück, dass im vergangenen Jahr mangelhaft gemessen worden sei. "Es wurden geeignete Messsonden verwendet", sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums. Hinweise auf Fehler lägen nicht vor. "Es haben sich 2019 neue Erkenntnisse ergeben, die zu einer Optimierung der Mess- und Auswertstrategie und dem verstärkten Einsatz einzelner Sonden geführt haben."

Die SPD will mit einer Landtagsanfrage nähere Informationen vom Umweltministerium einholen. "Die Frage ist, ob Neckarwestheim wirklich noch bis 2022 laufen kann", schreibt die Abgeordnete Gabi Rolland. Im Antrag der SPD gehe es vor allem um die Bewertung der Schäden durch die Atomaufsicht und welche Kosten entstehen. Die EnBW selbst hatte erklärt, nur mit einer geringen Revisionsverlängerung zu rechnen.

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