Rekordwert an Mord und Totschlag in der Region

Heilbronn  Die Staatsanwaltschaft Heilbronn listet ihre Bilanz für das Jahr 2017 auf. Vor allem Beziehungstaten dominieren bei Kapitaldelikten. Im Missbrauchsfall um den verhafteten Erzieher verweist Behördenleiter auf gelöschte Daten, die bei einer ersten Überprüfung nicht entdeckt wurden.

Von Carsten Friese
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Die Bilanz der Heilbronner Staatsanwaltschaft für das Jahr 2017 fällt wenig positiv aus. Foto: Carsten Friese

Eine Rekordzahl an Mord- und Tötungsfällen, seit Jahren immer weiter steigende Gewaltkriminalität und ein Anstieg auch bei Sexualstraftaten: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hat eine überwiegend bedenkliche Entwicklung der Fallzahlen in ihrem Einzugsgebiet für das Jahr 2017 nachgezeichnet.

„Gravierend“ nannte der Leitende Oberstaatsanwalt Frank Rebmann gestern die Zunahme bei Mord- und Totschlagsfällen auf 61 im Vorjahr - eingeschlossen sind dabei allerdings auch versuchte Taten. Einen solch hohen Wert „hatten wir noch nie“, sagt Rebmann.

Deutliche Zunahme auch bei Sexualstraftaten

Gegenüber dem Jahr 2016 war es eine Zunahme um 15 Fälle. Eine Erklärung hat Rebmann nicht für den deutlichen Anstieg. Bei der Mehrheit handelte es sich um Beziehungstaten, in der Familie, im Bekanntenkreis oder der Nachbarschaft. Der bisherige Trend im Jahr 2018 deutet einen leichten Rückgang an.

„Besorgnis erregend“ nannte Rebmann die Entwicklung bei Körperverletzungen und Gewaltkriminalität. Seit dem Jahr 2008 habe es bei Gewaltkriminalität eine Zunahme von 57 Prozent gegeben. Ein starkes Plus gab es auch im Bereich der Sexualstraften und der Drogenkriminalität.

Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie gegen Einbrecher erfolgreich vorgeht

Einen deutlichen Rückgang verbuchte die Staatsanwaltschaft dagegen bei Wohnungseinbrüchen. Hier ging die Zahl vom Spitzenwert 945 Fälle im Jahr 2015 auf 579 Fälle im Jahr 2017 zurück – ein Minus von 38 Prozent. Vor zwei Jahren war die Bilanz bei Einbrüchen noch wesentlich schlechter.

Hier sieht Rebmann einen nachhaltigen Erfolg der intensiven Verfolgung der Täter in der Region Heilbronn. Dies habe sich bei Tätern herumgesprochen und zu einer Verlagerung der Einbrüche in andere Regionen geführt.

Zum Anschlag auf dem Kiliansplatz sind die Ermittlungen abgeschlossen

Zu aktuellen Verfahren nahm der Chef der Staatsanwaltschaft ebenfalls Stellung. Im Fall eines 70-jährigen Russlanddeutschen, der im Februar auf dem Heilbronner Kiliansplatz mit einem Messer auf junge Flüchtlinge eingestochen hatte, sind die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen.

„Wir gehen von versuchtem Mord aus“, sagte Rebmann. Der Tatverdächtige habe wahllos auf die Menschen eingestochen und deren Tod in Kauf genommen. Ein Zeichen gegen die Flüchtlingspolitik wollte er nach eigenen Angaben setzen. Die Anklage wird nun vorbereitet, im August oder September könnte ein Prozess beginnen.

Erzieher-Fall: Ermittler machten gelöschte Bilder wieder sichtbar

Kindergarten Heilbronn
Der Wilhelm-Busch-Kindergarten: Hier arbeitete der Erzieher, gegen den die Heilbronner Staatsanwaltschaft im Kinderporno-Fall ermittelt. Foto: Dennis Mugler

Im vieldiskutierten Fall um einen Heilbronner Erzieher, dem tausendfacher Besitz von Kinderpornographie und schwerer sexueller Missbrauch eines Jungen vorgeworfen wird, gab Rebmann Neuigkeiten bekannt. Die Videodateien, die den Missbrauch zeigten, seien auf einem Computer gewesen, der bereits bei einer ersten Hausdurchsuchung im Mai 2016 beschlagnahmt worden war.

Allerdings: Die Daten seien „im gelöschten Bereich“ gewesen, die Ermittler hätten diese nicht gefunden. Sie seien bei der Masse an beschlagnahmten Dateien „durchgerutscht“, sagte Rebmann und verwies auf die große Menge an Daten.

Man habe beim Erzieher 350.000 Bilder gefunden, am Ende hatten rund 12.000 kinder- und jugendpornographischen Inhalt. Von 22.000 Videos seien 900 als Straftat mit kinderpornographischem Hintergrund eingestuft worden. „Da müssen Sie jede einzelne Datei ansehen. Das ist eine Sisyphusarbeit, die geleistet werden muss“, sagte Rebmann.

Erzieher soll ein Kind über Jahre missbraucht haben

Als ein Vater Anfang 2018 nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen den früheren Kindergartenleiter Strafanzeige wegen mutmaßlicher Nacktaufnahmen von seinem Sohn gestellt hatte, hatte man einen Hinweis auf mögliche selbst erstellte Bilder. Es erfolgte eine zweite Hausdurchsuchung, bei der Ermittler eine Kamera fanden.

Die Dateien seien erneut überprüft worden, erklärte Rebmann, ganz gezielt sei nach Bildern, die mit dieser Kamera aufgenommen wurden, gesucht worden. Dabei sei man auf die gelöschten Dateien gestoßen, die man wiederhergestellt und „sichtbar“ gemacht habe. Der Erzieher war darauf beim Missbrauch eines anderen Jungen aus seinem Bekanntenkreis zu sehen. Wie sich herausstellte, soll er das Kind über Jahre sexuell missbraucht haben.

Ein solches Übersehen von derartigen Bildern „sollte nicht passieren“, sagte Rebmann. Bei der Masse an Daten, die bei solchen Verfahren geprüft werden müssten, „kann es aber passieren“, nahm er die Auswerter bei der Polizei in Schutz. Schließlich hätten sie eine große Zahl solcher Verfahren mit großen Datenmassen zu bearbeiten.

Sechs neue Stellen lindern Personalengpass bei Ermittlern

Bei der Personalausstattung der Staatsanwaltschaft sieht der Heilbronner Behördenleiter nach jahrelanger deutlicher Unterbesetzung einen Aufwärtstrend. Die Heilbronner Behörde habe zuletzt fünf zusätzliche Stellen erhalten, eine weitere neue Stelle werde im August besetzt.

Damit habe man dann 47 Staats- und Amtsanwälte, acht mehr als Ende 2017. Auch wenn es nach einem Landesschlüssel damit nach wie vor eine personelle Unterbesetzung gebe, sei man „dankbar“ für die neuen Stellen. Dies werde eine Entlastung bringen. Die Politik hat nach Rebmanns Worten erkannt, dass man die Justiz „nicht wie eine Zitrone auspressen kann“.

 

Info

Die Staatsanwaltschaft Heilbronn ist für die Strafverfolgung im Wirkungsbereich des Landgerichts Heilbronn und der Amtsgerichte Heilbronn, Brackenheim, Besigheim, Künzelsau, Marbach, Öhringen, Schwäbisch Hall und Vaihingen/Enz zuständig. Die Zuständigkeit reicht über die Region Heilbronn-Hohenlohe hinaus auch in die Landkreise Schwäbisch Hall und Ludwigsburg.

 


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