Rekord: Im Weindorf gab's noch nie so viel Wein

Heilbronn  33 Betriebe aus der Region bieten im 48. Heilbronner Weindorf genau 378 flüssige Traubenprodukte an, so viel wie noch nie. Woran das bloß liegt? Angesichts des Wetters läuft auch der Ausschank auf Rekorde zu.

Von Kilian Krauth

Rekord: Im Weindorf gabs noch nie so viel Wein
Wengerter haben für die Heilbronner Stimme ihre roten Weindorf-Favoriten aufgereiht. Württemberger profilieren sich vor allem durch Traditionssorten wie Lemberger und Spätburgunder, aber auch durch Cuvées. Foto: Mario Berger  

Tolle Stände, nette Leute, laute Musik. Im Heilbronner Weindorf ist für Gesprächsstoff gesorgt. Hauptdarsteller aber ist der Wein. Was vielen gar nicht bewusst ist: Noch nie in beinahe 50 Jahren Festgeschichte gab es im Weindorf so viele flüssige Traubenprodukte wie 2018: nämlich genau 378, inklusive Traubensaft (13) und alkoholfreiem Secco/Wein (10).

Der Zuwachs hat einen einfachen Grund. Mit den Weingärtnern Cleebronn & Güglingen, der Felsengartenkellerei Besigheim und der Privatkellerei Rolf Willy stießen im Vorjahr drei neue Betriebe zum Fest, so dass auf dem größten Weinregion der Region nun 33 Weinerzeuger aus dem Heilbronner Land, aus Hohenlohe und dem angrenzenden Neckartal vertreten sind.

Von "normalen" Gütern über Prädikatsweingüter und Kellereien bis zu den hierzulande tonangebenden Genossenschaften, deren Zahl sich durch Fusionen reduziert hat; ansonsten wären im Dorf noch mehr Betriebe vertreten.

Fast schon eine Weinmesse

Weindorf-Sprecher Karl Seiter spricht sogar von "der größten Weinpräsentation Württembergs". Was das Fest von anderen Weindörfern in großen Städten unterscheidet und zusätzlich Messecharakter verleiht: Überall sind Wengerter am Werk, wodurch man Infos und Insider-Tipps aus erster Hand bekommen kann.

Anders als auf dem normalen Markt beträgt das Rot-Weiß-Rosé-Verhältnis, gemessen am Flaschenangebot, nicht 60:30:10 sondern 40:40:20, "was dem üblichen Konsumverhalten auf solchen Festen geschuldet ist", sagt Seiter. Dieses Jahr liegt der Weißwein-Ausstoß gar bei 50 Prozent, zulasten der Roten, die wegen des warmen Wetters "erst gegen später richtig laufen".

Das Zehntel zu zwei bis zehn Euro: zu teuer?

Naturgemäß ist normaler Qualitätswein mit insgesamt 209 Nennungen - von 22 verschiedenen Rebsorten - am stärksten vertreten. Einstiegspreis: zwei Euro pro Zehntel. Immerhin ein Drittel liegt im Prädikatsweinbereich - bis hin zu acht Auslesen, und jeweils zwei Eisweinen und Beerenauslesen mit einem Zehntelpreis von bis zu zehn Euro. Nicht zu vergessen: 39 im Holzfass ausgebaute Tropfen, mit denen die heimischen Wengerter nach Angaben von Genossenschaftschef Justin Kircher inzwischen "auch überregional, teils international mithalten können".

Leistungsdruck fördert Qualität

Vorangetrieben haben das neue Württemberger Qualitätsstreben die Globalisierung der Märkte und damit der Konkurrenzdruck. Wie Motivationsspritzen wirken neben der amtlichen Qualitätsweinprüfung offizielle wie private Wettbewerbe, aber auch Projekte, bei denen sich Wengerter gegenseitig befruchten: teils innerhalb von Genossenschaften, aber auch in überbetrieblichen Gruppen wie dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), Ecovin, Junges Schwaben oder Wein.Im.Puls, die mit einzelnen Mitgliedern im Weindorf Flagge zeigen.

Auch das Fest selbst spornt die Winzer an. Wengerter-Urgestein Hermann Schneider weiß von vielen themenbezogenen Insider-Proben zu berichten. Bis in die 1990er Jahre half man so dem lange unterschätzten Lemberger auf die Sprünge, später dem im Schatten des Rotweinbooms abgehängten Riesling und danach dem Sorgenkind Trollinger, seit 2016 der weit verzweigten Burgunderfamilie.

Hohe Messlatte bei roten Top-Tropfen

Hoch liegt die Messlatte bei einer Premiumprobe wie jüngst im Schießhaus-Schlösschen, also in angemessenem Ambiente. Die interne Leistungsschau dient einerseits den Wengertern als "Leistungsbarometer nach innen", sagt Weingärtner Martin Heinrich; kritische Impulse seien erwünscht. Gleichzeitig wolle man Besuchern Orientierungshilfen geben und zeigen, auf welches Niveau es viele Württemberger innerhalb weniger Jahre gebracht hätten.

Der von manchen Viertelesschlotzern als zu hoch eingestufte Preis spiegle letztlich das Qualitätsniveau wider, aber auch den Arbeitsaufwand in Weinberg und Keller, erklärt Heinrich. "Um einen guten Wein auf den Punkt und in die Balance zu bringen, sind viele kleine Schritte, Stellschrauben und viel Mühe notwendig." Vom Ausdünnen der Rebanlagen über die Gärsteuerung bis zur Lagerung im teuren Barrique. Das erfordere viel Erfahrung, weiß der Weinsberger Oenologe Simon Bachmann: zum Beispiel mit der offenen und "kalten" Maischegärung. Diese Art der Vinifizierung sei diffiziler als die weit verbreitete Erwärmung oder Kurzzeiterhitzung zur Extraktion der Farbstoffe. Gleichzeitig hätten kalt vergorene Weine mehr Charakter.

Große Differenzierungsmöglichkeiten eröffnen laut Bachmann Cuvées, also der Verschnitt verschiedener Sorten, wie er gerne mit Weinsberger Kreuzungen praktiziert wird. Bei Traditionssorten wie Spätburgunder oder Lemberger raten Experten zum Blick über den Tellerrand, etwa an die Ahr oder ins Burgenland, wo Lemberger als Blaufränkisch bekannt ist.

Offen für Kritik und Tipps für perfekten Genuss

Rekord: Im Weindorf gabs noch nie so viel Wein

Dass sich große Weine erst im Zusammenspiel mit passenden Speisen entfalten, zeigt sich auch im Weindorf, wo die Palette von Erwin Gollerthans Ochsenbäckle über Umberto Scuccias Pasta bis zu Marcel Küffners Streetfood reicht. Zum perfekten Genuss gehören weitere Rahmenbedingungen. So brauchen große Weine große Gläser - und nicht die kleinen 0,1-Liter-Stumpen.

Ganz wichtig: die Trinktemperatur. Im Sommer sei das "keinesfalls die Zimmertemperatur", wie Genuss-Experte Otto Geisel kritisch anmerkt. "In einer Stadt mit 1250 Jahren Weinkultur hätte ich das nicht erwartet. Aber sonst stimmt die Qualität in der Regel. Für ein Fest dieser Art ist das echt beeindruckend", meint der gebürtige Bad Mergentheimer.

Inzwischen haben etliche Multiplikatoren das Weindorf entdeckt. Journalist Hansjörg Jung widmet ihm sogar ein Kapitel in seinem geplanten Württemberg-Buch. Selbst kritische Mitglieder der Weinbruderschaft Heilbronn schnalzen mit der Zunge: "Vor 20 Jahren hätte niemand gedacht, dass Württemberg solche Weine hervorbringen kann", meint Bruderschaftsmeister Karl-Ernst Schmitt. Die in Heilbronn geborene Münchner Weinberaterin Nicole Kressel bremst die Euphorie. "Ich habe zuvor Österreich und Piemont probiert. Da liegt die Messlatte höher."