Polizei zerschlägt Drogenszene in Heilbronner Innenstadt

Heilbronn  43 Personen im Gefängnis, Ermittlungen gegen mehr als 100 Personen: Polizei und Staatsanwaltschaft haben der Rauschgiftszene in der Heilbronner Innenstadt einen empfindlichen Schlag versetzt.

Von Carsten Friese

Blick von der Treppe der Kilianskirche: Auf dem Heilbronner Marktplatz hatte sich eine Kontaktszene für Drogenhandel gebildet. Foto: Archiv/Andreas Veigel

Nach fast einem Jahr akribischer Arbeit stellen Fahnder Ergebnis der umfangreichen Ermittlungen im Bereich Marktplatz, Kilianskirche und Kiliansplatz vor. Ob die Szene damit endgültig vertrieben ist, ist unklar. Die Polizei will den sensiblen Bereich aber weiter verstärkt kontrollieren und kündigt auch Aufenthaltsverbote für Angehörige der Drogenszene an.  

43 Personen im Gefängnis, Ermittlungen gegen mehr als 100 Verdächtige: Polizei und Staatsanwaltschaft haben der Rauschgiftszene in der Heilbronner Innenstadt einen empfindlichen Schlag versetzt. Nachdem fast ein Jahr lang offen und verdeckt gegen die Szene am Markt- und Kiliansplatz ermittelt wurde, haben die Fahnder am Freitag Ergebnisse präsentiert.

Mehr zum Thema: Recherchen der Heilbronner Stimme im Februar haben ergeben: Mitten in Heilbronn dealen Flüchtlinge mit Rauschgift

„Wir werden Sorge dafür tragen, dass sich vor Ort nicht wieder ein neuer Szenetreffpunkt entwickelt“, kündigte Polizeipräsident Hans Becker. Mit Platzverweisen und Aufenthaltsverboten wollen Polizei und Stadt vorgehen, um auffällige Personen aus dem Ermittlungskomplex von der Innenstadt fernzuhalten. Bei Verstößen könne es empfindliche Bußgelder bis zu 5000 Euro geben, stellte Becker fest.

Auch Stichwaffen und Schreckschusswaffen sichergestellt 

Nachdem in einem ersten Ermittlungskomplex „Pokerface“ drei Italiener und ein Deutsch-Libanese als Großdealer in der Innenstadt aufgefallen waren und im Dezember drei der vier Verdächtigen verhaftet worden waren, wurden in der Folge vier Syrer als weitere Drogenlieferanten verhaftet. Im jüngsten Komplex einer Ermittlungsgruppe „Käthchen“ gegen weitere Händler und Abnehmer stießen die Ermittler auf zwei Gruppen: eine afghanische, die das Umfeld der Kilianskirche für Drogengeschäfte nutzte, und eine syrische, die im Bereich des Marktplatzes agierte. Bei Durchsuchungen in mehr als 60 Ermittlungsverfahren stellte die Polizei 2,2 Kilo Marihuana, mehr als 2200 Ecstasy-Tabletten und 70 Gramm Kokaingemisch sicher. Zudem fanden sie in Wohnungen oder bei den Tatverdächtigen Reizstoffsprühgeräte, Stichwaffen und Schreckschusswaffen. Die letzten Verhaftungen erfolgten am Donnerstagabend. 

Ein Tatverdächtiger, gegen den ein Haftbefehl vorliegt, wird noch gesucht

„Es war ein ganzes Geflecht, was sich in der Stadt aufgehalten hat“, erklärte Kripo-Chef Thomas Schöllhammer. Man habe es geschafft, die Strukturen aufzuhellen und auch Hintermänner und Abnehmer zu finden. Aus diesem jüngsten Komplex resultierten 21 Haftbefehle. Ein Tatverdächtiger wird noch gesucht. Auf verschiedene Gefängnisse in Baden-Württemberg sind die Häftlinge jetzt verteilt. 
Mit drei Sachbearbeitern und bis zu 20 Einsatzkräften insgesamt ging die Heilbronner Polizei vor. Als „tollen Erfolg“ stufte Schöllhammer die Ergebnisse der akribischen Arbeit ein, bei der auch das Landeskriminalamt mit verdeckten Ermittlungen half. 
Ob mit diesen Festnahmen nun Ruhe an Markt- und Kiliansplatz einkehren wird, kann Frank Rebmann, Leiter der Heilbronner Staatsanwaltschaft, noch nicht sagen. Man werde aber weiterhin alles dafür tun, Straftaten zu verfolgen und „keine rechtsfreien Räume in unserem Stadtgebiet zuzulassen“. 


Polizeipräsident Hans Becker verwies darauf, dass sich an der sonstigen Sicherheitslage in der Innenstadt nichts verändert habe. Fallzahlen zur Straßenkriminalität (Diebstahl, Raub, Körperverletzung oder Sexualdelikte) hätten in der letzten Zeit in der Innenstadt nicht zugenommen. Die Polizei werde weiter verstärkt Präsenz zeigen – auch, um dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bürger Rechnung zu tragen. Diese hatten sich zuletzt verunsichert gezeigt und sich über große Ansammlungen von Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund in dem Bereich der Innenstadt beschwert. Ausgangspunkt für den Aufbau der Szene an der Kilianskirche war, dass sich dort viele Flüchtlinge trafen, weil es in dem Bereich freies WLan für die Handynutzung gab. Das zog dann offenbar auch Drogendealer an, die nach Abnehmern suchten. Die Geschäfte seien im Bereich von Kilians- und Marktplatz angebahnt worden, zur Übergabe der Drogen sei man dann in entlegenere Bereiche der Innenstadt oder an den Neckar gegangen, skizzierte Kripo-Chef Thomas Schöllhammer das Vorgehen der Drogendealer. Bei den Abnehmern sei es querbeet durch alle Nationen gegangen, auch Deutsche hätten die Drogen in der Innenstadt gekauft. 

Schwarzmarktwert der Drogen lag bei über einer Million Euro 

Eine Marihuanamenge über 75 Kilogramm sollen die vier Großdealer im Komplex „Pokerface“ aus Albanien bezogen haben.  Frank Rebmann, Leiter der Staatsanwaltschaft, schätzt den Wert auf dem Schwarzmarkt auf rund eine Million Euro. Die im zweiten Ermittlungskomplex sichergestellten 2,2 Kilo Marihuana, die 2200 Ecstasy-Tabletten und 70 Gramm Kokaingemisch taxiert er im Verkaufswert auf bis zu 60.000 Euro.