Pflegende Angehörige demonstrieren auf dem Kiliansplatz

Heilbronn  Bei der Protestaktion erzählen pflegende Mütter von Problemen und Wünschen. Sie haben auch eine Selbsthilfegruppe gegründet

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Pflegende Angehörige demonstrieren auf dem Kiliansplatz für mehr Unterstützung

Bei einer Protestaktion machen Verena Niethammer (Zweite von Links) und ihre Mitstreiter auf die Probleme pflegender Angehöriger aufmerksam.

Foto: Dennis Mugler

Schuhe und Hilfsmittel wie Rollstühle, Schienen oder Krücken dienen bei einer Protestaktion von pflegenden Angehörigen am Samstag auf dem Kiliansplatz als Stellvertreter - für alle, die durch ihre Pflegearbeit nicht dabei sein können. Verena Niethammer und ihre Mitstreiter haben die Demo organisiert und wollen auf Missstände aufmerksam machen, die ihnen und anderen pflegenden Angehörigen das Leben schwer machen. Sie reagieren damit auf die Angehörigenbewegung "Die Pflegerebellen", die bereits ähnliche Demonstrationen durchgeführt haben. Unterstützung gibt es auch vom Heilbronner Verein Solidaria.

Kämpfe um Rechte kosten viel Kraft

Niethammer, die Vorsitzende der Hölder-Initiative für Kultur und Inklusion in Lauffen ist, erzählt von ihrem schwerbehinderten fünfjährigen Sohn. Ihn zu versorgen, sei ein Fulltime-Job. Nicht zuletzt deshalb, weil die Kämpfe um Rechte wie Teilhabe, Therapien und Selbstbestimmung sowie um die Übernahme von Kosten für grundlegende Dinge wie Hilfsmittel und sogar Nahrung viel Zeit und Kraft kosteten. "Nichts geht ohne Widerspruch", weiß auch Adelheid Welter aus Talheim, die ihren fünfjährigen Sohn pflegt. Er hat das Smith-Magenis-Syndrom, ein seltener Gendefekt.

Trotz der hohen Belastung durch die Pflege ihrer Kinder arbeiten die Frauen nebenher. Denn die Kosten für Therapien und andere Dinge sind hoch. Mehr als "kleine Jobs" seien aber nicht drin, sagt Niethammer. Sie fordert ein Fürsorgegehalt, ähnlich dem Elterngeld.

Es geht um Würde und Selbstbestimmung

Bei der Protestaktion auf dem Kiliansplatz geht es aber auch um Würde und Selbstbestimmung - vor allem für die Pflegebedürftigen. "Denn viele wollen nicht in ein Heim", betont Niethammer. Das habe Gesundheitsminister Jens Spahn bei der Schaffung neuer Gesetze vergessen. Um diesen Wunsch zu respektieren, dürften pflegende Angehörige nicht weiter übergangen werden. Das sei "Spahn-Sinn". Immerhin würden laut Statistischem Landesamt rund 300 000 von 400 000 Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg zu Hause gepflegt. Um das weiter leisten zu können, sei Entlastung notwendig. Denn die pflegenden Angehörigen "brennen aus, werden oft selbst krank, Ehen gehen kaputt", beschreibt Niethammer die Situation. Sie selbst fühle sich fremdbestimmt und eingesperrt. Bei der Protestaktion werden auch Erfahrungsberichte von anderen Betroffenen vorgelesen. Einige Passanten bleiben stehen und hören zu. "Es ist sehr gut, was die hier machen", sagt etwa Willi Klein aus Böckingen.

Weil sie sich alleingelassen fühlten, haben sich Niethammer und andere pflegende Angehörige aus der Region zusammengetan. "Wir helfen uns gegenseitig", sagt Tina Kouemo aus Kirchheim, deren siebenjähriger Sohn mit dem Gendefekt FOXG1 auf die Welt kam. So wurde kürzlich auch die Selbsthilfegruppe "Teilhabe jetzt!" für Betroffene aus der Stadt und dem Landkreis Heilbronn gegründet.


Lesung und Kontakt

Arnold Schnittger liest am 18. Oktober, 19 Uhr, im Café Lichtburg in Lauffen aus seinem Buch "Ich berühr den Himmel. Im Rollstuhl durch Deutschland". Kontakt zur Selbsthilfegruppe unter Telefon 0151 10631688 oder E-Mail: hoelder.initiative@gmail.com


Katharina Müller

Katharina Müller

Autorin

Katharina Müller kam Anfang 2019 zur Heilbronner Stimme und schreibt nun seit September für die Regionalredaktion. Sie kümmert sich um Themen im östlichen und nördlichen Landkreis.

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