Paar aus Herbolzheim tauscht Haus gegen Reisemobil ein

Neudenau  Cornelia Haufe und Thomas Reule aus Neudenau-Herbolzheim tauschen ihr Haus gegen ein Reisemobil. Ihr neues Zuhause haben sie selbst gebaut - und dabei nicht auf Komfort verzichtet.

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Abkoppeln. Ballast abwerfen. Die Welt entdecken. Auf Menschen treffen und andere Kulturen kennenlernen. Klingt nach Freiheit und Abenteuer. Cornelia Haufe und Thomas Reule machen dieses Leben wahr. Das Paar ist dabei, die Zelte in seiner Heimat Neudenau-Herbolzheim abzubrechen und ein neues, ein vielleicht freieres Leben zu beginnen, als es die meisten Menschen tun.

Die zwei tauschen ihr Häuschen gegen ein Leben im Wohnmobil ein. 17,5 Quadratmeter groß ist die Fläche ihres neuen Zuhauses. Und es ist fast fertig. Nur noch kleinere Arbeiten sind zu erledigen. Arbeiten, die sich nach mehreren Generalproben aufzeigen.

Im Innern riecht es nach Pappelsperrholz. 1,5 Tonnen des leichten Baustoffs hat Reule zugesägt und verbaut. "Ich bin ein Bastler vor dem Herrn", sagt der gelernte Kfz-Mechaniker. Doch bevor er mit Stichsäge, Kreissäge, Akkuschrauber, Winkelschleifer, Schweißgerät, Bohrmaschine und Lötkolben loslegt, sitzt er zunächst eine Stunde ratlos im leeren Innenraum des ehemaligen Möbelwagens.

Adieu, Spießigkeit - Willkommen im Leben

Jede freie Minute fürs Reisemobil

"Mir war am Anfang nicht klar, wo ich anfangen soll. Vielleicht mache ich was falsch?", fragt sich der 55-Jährige. Also beginnt er mit dem Bett direkt hinter der Fahrerkabine und arbeitet sich zur Sitzecke gegenüber vor. Danach baut er Küche, Schränke und Bad ein. Jede freie Minute verbringen Reule und Haufe an ihrem großen Projekt. Bis es fertig ist, basteln die beiden 1400 Stunden an ihrem Traum.

Der Boden ist aus Linoleum. Herd, Backofen, eine Fußbodenheizung, orientalische Lampen aus Montenegro, Dusche, Waschmaschine, ein 1,40 Meter mal zwei Meter großes Bett, Tellerfedern-Matratzen, eine schwedische Heizung, die auch die Seitenwände beheizt, Wandbeleuchtung, Solaranlage, Wasser- und Gastank, ein Strom-Generator und ein Motorrad, das im Bauch des Lkw untergebracht ist - das Paar legt Wert auf eine hochwertige Ausstattung. Material im Gesamtwert von 43.000 Euro habe er nach eigenen Angaben verbaut. Günstig im Vergleich ist der Lkw, den er für 6500 Euro gekauft hat.

Adieu, Spießigkeit - Willkommen im Leben

Wasseraufbereitungsanlage an Bord

Nachhaltigkeit beim Reisen ist den beiden wichtig. Müll trennen ist für das Reisepärchen auch unterwegs selbstverständlich. Eine Filteranlage bereitet Wasser, das sie unterwegs nachfüllen, zu Trinkwasser auf. "Damit wir keine Plastikflaschen kaufen müssen", sagt Reule. Man lebe bewusster, wenn das Wasser endlich ist. Sie achten auf den Umgang mit Ressourcen. "Daheim dreht man den Wasserhahn auf und das Wasser läuft und läuft." Doch im Wohnmobil sind die Ressourcen eben begrenzt.

Die Herbolzheimer sind Reise-Profis. 1996 hatten sie das erste Mal das Gefühl, aussteigen zu müssen. "Wir wollten damals zusammen nach Köln ziehen, haben aber keine Wohnung gefunden. Ich war so frustriert", sagt die 47-Jährige. Ihre spontane Idee: aussteigen. Reule war sofort begeistert. "Wir haben uns ein Wohnmobil gekauft und sind durch Spanien, Frankreich und Portugal gereist."

Eine Zeitlang leben sie in Portugal. Reule arbeitet als Handwerker, Die gelernte Erzieherin unterrichtet in einer deutschen Schule. Im Oktober 1998 kehren sie zurück. "Um in Portugal seinen Lebensunterhalt zu verdienen, muss man doppelt so viel arbeiten wie hier", sagt Reule.

Zurück in der Heimat kaufen sich die beiden ein Haus in Herbolzheim, richten es gemütlich ein. Doch die Sehnsucht zu reisen bleibt. "Ich bin total gerne Hausfrau, arbeiten macht mir Spaß. Es geht mir auch nicht darum, nichts zu arbeiten. Wir haben aber den Wunsch, gemeinsam Zeit zu verbringen", sagt die Mutter zweier erwachsener Söhne.

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Auf Tauglichkeit getestet

Bevor das Paar die Zelte in Herbolzheim abbricht, stehen einige Generalproben bevor. Auf dem Stocksberg, im Harz, München und in der Lombardei haben sie die Tauglichkeit ihres neuen Zuhauses getestet. Mitte Dezember bis Mitte Februar wollen sie nach Marokko und im April für eineinhalb Monate nach Mallorca reisen. Der Countdown läuft bereits. "Im Sommer verkaufen wir unser Haus, und im September geht es endgültig los", sagt Haufe. "Dann sind wir frei.

Es gibt, bis auf unsere beiden Söhne nichts, weshalb wir wiederkommen müssen." Die ersten Destinationen sollen der Iran und die antike Seidenstraße werden. "Iran ist ein faszinierendes Land und hat viele antike Städte zu bieten. Außerdem ist es das sicherste Reiseland der Welt. Die Ajatollahs haben da ein Auge drauf", sagt der knapp zwei Meter große Mann.

Adieu, Spießigkeit - Willkommen im Leben

Wie's danach weitergeht? "Einfach mal treiben lassen." Dass sie unterwegs der Lagerkoller packt, davon gehen sie nicht aus. Qualitativ hochwertige Zeit verbringe man gemeinsam. "Natürlich sind wir nicht immer derselben Meinung. Aber wir streiten uns wenig."

"Mensch trifft auf einen Menschen"

Länder und Menschen wollen sie kennenlernen. "Reisen ist eine extreme Horizonterweiterung. Und Reisen bildet. Im menschlich, ethischen Sinne", sagt Haufe. Durch Gespräche mit Menschen werde man offener, toleranter. "Urlaubsclubs sind für Ausländer hergerichtet. Wir sind dort, wo die Einheimischen sind. Das würde vielen Menschen guttun", ergänzt Reule. Ob sie bei Reisen in fremde Länder keine Angst haben, werden sie oft gefragt. "Nein. Wenn wir unterwegs sind und mit Einheimischen sprechen, trifft ein Mensch einen Menschen."

 

Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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