Ostermarschierer sehen an vielen Fronten Gefahr

Heilbronn  Was ist aus den Massenprotesten der 1980er-Jahre geworden? Gut 35 bis 40 Menschen brachen am Hauptbahnhof zur Fahrt nach Stuttgart auf. Früher füllten Tausende ganze Straßenzüge und den Kiliansplatz. Dabei sehen die Aktiven eine ähnlich große Gefahr wie einst.

Von Carsten Friese und dpa

Ostermarschierer sehen an vielen Fronten Gefahr

2018: Eine kleine Ostermarsch-Gruppe ist auf dem Weg nach Stuttgart.

Foto: Friese

 

Die Unterschiede sind gewaltig: Mitte der 1980er-Jahre gingen in Heilbronn Tausende beim Ostermarsch auf die Straße, um gegen US-Pershing-Raketen auf der Waldheide und atomare Aufrüstung zu protestieren.

Am Karsamstag trafen sich 35 bis 40 Teilnehmer am Heilbronner Hauptbahnhof, um mit dem Zug zum Ostermarsch unter dem Titel "Das Töten stoppen" nach Stuttgart zu fahren.

Für manche ist ein Weckruf bitter nötig

Die, die kamen, sind von ihrem Einsatz fest überzeugt. Gegen die Invasion der Türkei in Afrin und die Kriegsgefahr "durch Trump und seine Atomwaffen" will der Erlenbacher Joachim Schweitzer protestieren. Und gegen deutsche Waffenexporte für Kriegseinsätze. Ein "Weckruf" sei nötig, die jetzige Situation ist in seinen Augen ähnlich ernst wie zur Zeit der Großkundgebungen in den 80er-Jahren. Schweitzer hat sogar ein Akkordeon dabei, um den Marsch kulturell zu unterstützen.

"Man denkt, bei uns ist doch Frieden. Aber die Gefährdung ist massiv", findet Jutta Nimmann vom Frauenverband Courage. Trump, Putin, Kim Jong-un zählt sie auf. Sie freut sich, dass heute auch junge Teilnehmer dabei sind. So wie Robert Kasperzak (17) aus Bretzfeld. Über seine Familie kam er dazu, will sich für Frieden einsetzen, weil viele Flüchtlinge aus Kampfgebieten kamen und ihr Land gar nicht verlassen wollten. Er hat Sorge, dass bei Politikern wie Trump oder Putin die Situation "eskalieren kann".

Rückblick auf 80er-Jahre tut weh

Werner Winter, seit 1982 aktiv, seit 1992 Leiter des Heilbronner Friedensbüros, ist auch am Bahnhof, er fährt wegen gesundheitlicher Probleme aber nicht mit. Er ist erfreut, dass so viele gekommen sind, zwei Tage zuvor hat er noch mit 20 Treuen gerechnet. Wenn Winter alte Fotos von Ostermarschierern sieht, die große Straßenzüge oder den Kiliansplatz füllten, tut es ihm "schon ein bisschen weh". Damals sei die Bedrohung mit den Raketen eben direkt vor der Haustür gewesen.

Dass die Nato aufrüstet, Deutschland eine Verdopplung des Rüstungshaushalts plant, ist für ihn "eine Katastrophe". Damals, Mitte der 80er, hatten die Proteste Erfolg. Die Atomrakten wurden von der Waldheide abgezogen. Für Winter war es "der schönste Tag". An Tor 1 habe man ein Fest gefeiert mit Grillwürsten, Cola und Fanta. Alle seien froh gewesen, "dass es vorbei ist".

Am Samstag erzählt Isolde Russe kurz vor der Abfahrt, dass ihr viele Bekannte in Gesprächen gesagt hätten, wie wichtig sie den Ostermarsch fänden. Der Satz "Lauf für mich mit" sei öfter gefallen. "Die mentale Solidarität", findet die Donnbronnerin, "haben wir auf jeden Fall."

Hunderte Menschen bei Ostermärschen im Südwesten 

Im Südwesten folgten am Karsamstag Hunderte dem Aufruf des Friedensnetzes Baden-Württemberg, sich zu Ostermärschen zu versammeln. Die diesjährigen Märsche stehen unter dem Motto „Friede braucht Bewegung. Gegen Aufrüstung, Krieg und atomares Wettrüsten“. Thema sollen die Kriege in Syrien, der Ukraine und Mali sein, wie der Koordinator Dieter Lachenmayer im Vorfeld mitteilte.

In Heidelberg versammelten sich nach Angaben der Polizei 250 Menschen, in Ellwangen kamen demnach etwa 250 Menschen zusammen. Zum größten Ostermarsch in Stuttgart versammelten sich laut Polizei rund 2000 Menschen.