Offene Drogenszene auf dem Heilbronner Marktplatz

Heilbronn  Recherchen der Stimme haben ergeben: Mitten in Heilbronn dealen Flüchtlinge mit Rauschgift. Die Polizei kündigt an, nicht nur sichtbare Präsenz zu zeigen. Die CDU will den Drogenhandel auch im Gemeinderat zum Thema machen.

Von Ali Elbahnasawy, Helmut Buchholz und Jens Dierolf

Blick von der Treppe der Kilianskirche: Auf dem Heilbronner Marktplatz hat sich nach Polizeiangaben eine Kontaktszene für Drogenhandel gebildet. Foto: Andreas Veigel  

Für einige junge Männer, der Großteil davon Flüchtlinge, ist die Treppe vor der Heilbronner Kilianskirche nicht nur Treffpunkt und Ort, um kostenlos im Internet zu surfen. Sie machen aus dem Drogenhandel am Marktplatz keinen Hehl. Hinter den jungen Dealern soll ein deutscher Großhändler stecken. Unterschätzen Polizei und Stadtverwaltung die Lage?

Drogen? Hier um die Ecke

"Hier um die Ecke werden die Drogen verkauft", sagt Shaker (alle Name geändert). 18 Jahre alt sei er und 2016 als Flüchtling nach Heilbronn gekommen. Vor allem Haschisch gebe es, aber auch andere Drogen. Er ist einer von fünf jungen Männern, denen sich unser arabischsprachiger Reporter als Journalist vorgestellt hat. Freimütig berichten die jungen Männer über die Szene am Marktplatz. Omar zeigt auf Treppe und Bushaltestelle. "Dort werden die Deals eingefädelt." Nicht alle befragten Migranten konsumieren selbst Drogen, aber offensichtlich wissen fast alle, was sich hier abspielt.

Es seien vor allem Männer unter 18 Jahren, die hier Drogen an Konsumenten verkaufen. Verkauft werden demnach Haschisch, Marihuana, synthetische Drogen in Pillenform und Speed, berichten die Interviewpartner sogar vor laufender Kamera.

 

 

Die Käufer halten nach jungen Männern Ausschau, die sich länger rund um die Kilianskirche oder an der Bushaltestelle am Marktplatz aufhalten und kleine Taschen bei sich tragen. "Hast du etwas?" So laute die Einstiegsfrage. Nickt der Händler, findet der Tausch von Drogen und Geld in einer nahen Seitenstraße statt.

Harieth ist 21 Jahre alt. Er selbst konsumiere vor allem Haschisch, sagt er, und das habe er bereits in seiner Heimat vor seiner Flucht nach Deutschland getan. Harieth kennt die Preise genau. Kleinere Mengen würden zehn Euro je Gramm kosten, je höher die Menge, desto niedriger sei der Preis. "Ich selbst bezahle für 12,5 Gramm 50 Euro, manchmal kaufe ich 25 Gramm für 100 Euro." Der Preis sei akzeptabel. An der Grenze zu den Niederlanden koste der Stoff allerdings nur die Hälfte.

Minderjährige Flüchtlinge als Drogendealer

Alle Interviewpartner geben übereinstimmend an, dass die Verkäufer vor allem Flüchtlinge unter 18 Jahre seien. "Alle drei oder vier Straßenhändler werden von einem deutschen Großhändler angeheuert", berichtet Harieth. Der Job des deutschen Hintermannes sei es, die Straßenhändler mit Drogen zu versorgen, danach würden die Tageseinnahmen eingesammelt, und der Lohn werde ausbezahlt.

Dass der Drogenhandel illegal ist, ist den jungen Männern bewusst. Angst vor Strafen oder Abschiebung haben aber selbst die Händler offenbar nicht. Harieth begründet das so: "Die Straßenhändler sind meistens jung, ihnen drohen deshalb keine Haftstrafen. Wenn sie erwischt werden, müssen sie ein Dokument unterschreiben und sich dazu verpflichten, gemeinnützige Arbeit zu leisten, wie Müll einsammeln", sagt er. "Sie müssen nicht einmal eine Geldstrafe bezahlen", wundert er sich.

Polizei: Kriminalität nicht besorgniserregend

Wie schätzt die Polizei die Lage ein? Deren Sprecher Carsten Diemer sagt: "Zur derzeitigen Jahreszeit ist die Örtlichkeit allein anhand der Kriminalitätsbelastung noch nicht als besorgniserregend belastet zu betrachten." Die Polizei werde den Marktplatz weiterhin mit Kontrollen belegen und die Situation sehr genau beobachten. Falls es erforderlich wird, "die Maßnahmen zu intensivieren, tun wir das". Der Marktplatz habe sich als Kontaktszene für Drogen entwickelt. Diemer: "Wir unterschätzen die Situation nicht, sie wird uns vor Aufgaben stellen, die wir nicht allein durch sichtbare Präsenz lösen werden." Um an die Hinterleute heranzukommen, "bedarf es Maßnahmen, die wir aus ermittlungstaktischen Gründen nicht offenbaren können".

Die Stadtverwaltung teilt auf Stimme-Anfrage mit: "Laut den Angaben der Polizei gibt es keine neue Entwicklung auf dem Marktplatz." Insofern werde sich die Stadt weiterhin auf die Bekämpfung von Ordnungsstörungen und die Einhaltung der Sauberkeit konzentrieren. Der Kommunale Ordnungsdienst werde mit Präsenzstreifen wie bisher vor Ort sein, bei beobachteten Straftaten die Polizei hinzuziehen.

Wohl bald Thema im Gemeinderat

Die CDU-Fraktion im Heilbronner Gemeinderat will die Situation in der Heilbronner Innenstadt, insbesondere an Markt- und Kiliansplatz, im Verwaltungsausschuss zum Thema machen. Das hat Fraktionschef Alexander Throm in einem Brief an Oberbürgermeister Harry Mergel beantragt. Es gehe darum, "dass sich keine Angsträume bilden", schreibt Throm an den OB.


Kommentar: Man sollte genau hinsehen

Von Helmut Buchholz

Wer mit offenen Augen über den Heilbronner Marktplatz geht, kann sie eigentlich nicht übersehen: Hier hat sich eine massivere Drogenszene etabliert, als die Stadtverwaltung und auch die Polizei offen zugeben. Zum Kern dieser Szene zählen junge Flüchtlinge. Das Thema ruft zwar wieder reflexartige und stereotype Reaktionen hervor, die allerdings zur Lösung des Problems wenig beitragen. Denn wer wirklich genau hinsieht, erkennt, dass es eben nicht nur junge Migranten sind, die ihre Drogengeschäfte auf dem Marktplatz machen. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass sich nicht erst seit dem vermehrten Zuzug von Flüchtlingen im Sommer 2015 ein Unbehagen in der Heilbronner Innenstadt breit macht. In der City gab es in der Vergangenheit schon öfter Probleme mit anderen offenen Szenen, Trinkern und Bettlern zum Beispiel. Die Ursachen für die mangelnde Aufenthaltsqualität im Stadtzentrum sind vielschichtig, teilweise hausgemacht und komplex. Einfache Antworten werden dieser Gemengelage nicht gerecht.

Es bringt aber auch nichts, das Problem kleinzureden oder die Augen davor zu verschließen. Im besten Fall naiv muss man zum Beispiel die Haltung der Stadtverwaltung nennen, die die negative Entwicklung in Nachbarschaft zum Rathaus hautnah mitbekommen müsste. Auch die Polizei gibt keine gute Figur ab. Sie hat einfach zu lange zu wenig Präsenz gezeigt, so dass das subjektive Sicherheitsgefühl durch die offene Drogenszene gelitten hat. Das ist Gift für eine Stadt wie Heilbronn, deren Attraktivität stark von ihrem Image abhängt. Es besteht Handlungsbedarf. Jetzt.

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